Buntheit und Vielfalt?

Ein schönes Thema für einen Gemeindebrief, finden Sie nicht? „Buntheit und Vielfalt“ in einer offenen Gesellschaft (für die wir die unsere ja halten) das klingt nach viel Toleranz, nach Menschen- und Nächstenliebe, einfach nach viel Humanität. Eine Gesellschaft, die stark wird durch die Unterschiedlichkeit der Menschen, die in ihr leben, die die Unterschiede annimmt und von ihnenprofitiert, das ist wahrlich ein schönes Ideal.

Aber wie steht es tatsächlich mit dieser Offenheit? Mit dieser Vielfalt und Buntheit? Wie steht es um die Offenheit einer Gesellschaft, in der der Begriff „Gutmensch“ durch die Flüchtlings- und Asylfrage zu einem Schimpfwort geworden ist? Wie steht es um die Offenheit einer Gesellschaft, in der man neuerdings die „Werte des christlichen Abendlandes“ beschwört, die man in Wahrheit genau so wenig kennt wie den Islam, dessentwegen man auf einmal wieder so auf diesen Werten besteht? Wie steht es um die Offenheit einer Gesellschaft, in der Flüchtlingsschiffe wochenlang im Mittelmeer herumgeschickt werden, weil es eben keine „offenen Häfen“ gibt?

Ja, Buntheit und Vielfalt in einer Gesellschaft sind in Sonntagsreden schnell herbeizitiert, aber sie zu leben, das ist eine andere Sache. Und die Religionsfrage tut ihren Teil dazu. Denn es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Asyldebatte, die uns nun seit Jahren beschäftigt, hauptsächlich deshalb so intensiv geführt wird, weil es um ein Aufeinanderprallen zweier Weltreligionen geht.

Vielleicht täte es uns gut, wieder einmal eines der zentralen Werke der europäischen Aufklärung zu lesen: Lessings „Nathan der Weise“. Wenn wir schon so große Stücke auf unsere europäische Kultur halten, dann sollten wir Lessings Ringparabel aus seinem „Nathan“ kennen und mit wachem Geist nachlesen, wie darin der Jude Nathan dem Moslem Saladin (und uns) vor Augen führt, dass die Frage nach der wahren Religion genau die falsche Frage ist, weil sie schon den Kern der Intoleranz in sich trägt. Wer wissen will, welche Religion die richtigeist, geht davon aus, dass nur eine richtig sein kann und damit zwangsläufig dieanderen eben falsch liegen müssen.

Dass das Zusammenleben unterschiedlicher Religionen nicht immer einfach ist, ist uns allen bekannt. Auch in Lessings „Nathan“ kommen die Vertreter der unterschiedlichen Weltreligionen nicht immer gut miteinander aus. Da prallen Gegensätze und Vorurteile oft kräftig aufeinander. Aber wenn man sich vor Augen führt, dass Lessing (als Christ) einen Juden zum Titelhelden seines Werkes macht, dass er ihm den Beinamen „der Weise“ gibt und dass er ihn mit dem Moslem Saladin über die Religionen diskutieren lässt, dann hat das in einem Werk, das vor über 200 Jahren im zutiefst christlichen (und ganz selbstverständlich antisemitischen) Europa entstanden ist, große Aussagekraft. Wenn es uns ernst ist mit der offenen Gesellschaft, mit der Vielfalt und Buntheit, dann sollten wir uns Lessings Worte zu Herzen nehmen, wenn er Nathan (im fünften Auftritt des 2. Aufzugs) zum jungen Tempelritter sagen lässt: „Verachtet mein Volk so sehr ihr wollt. Wir haben beide uns unser Volk nicht auserlesen. Sind wir unser Volk? Was heißt denn Volk? Sind Christ und Jude eher Christ und Jude, als Mensch?“.

Vielleicht ist das der Schlüssel zu einer wirklich offenen Gesellschaft. Immer den Menschen zu sehen. Das ist nicht immer leicht. Aber meistens wichtig.

Hartmut Schwaiger

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