Ein neues (Schul)jahr

Es ist schon eigenartig: Im neunten Monat des Jahres denken viele plötzlich „ein neues Jahr“. Die Sommerferien sind vorbei und es beginnt erneut die Schule. Aber auch die Universität oder, wie für mich, die Ausbildung. Ein neues Jahr im Vikariat und völlig neue Eindrücke. Doch das neue Jahr betrifft nicht nur diejenigen, die in ein neues Jahr ihrer Ausbildung starten: Freunde, Geschwister, Eltern, Partner, ebenso auch wie all jene, deren Beruf mit genau diesen Orten zusammenhängt. Würde ich hier eine genaue Aufzählung machen, würde ich die Einleitung vermutlich sprengen.

Damit komme ich aber auch zum Thema: Vielfalt. Vielfalt und diese auch auszuschöpfen, ist wichtig! Damit meine ich aber nicht nur die Anzahl an Möglichkeiten, sondern auch die Art, mit Dingen umzugehen. Ein gutes Beispiel: Die Matura. Ich kenne aus meiner Schulzeit noch den Satz, mit dem ich heute selbst noch arbeite, um angehenden Maturant_innen etwas von ihren Sorgen zu nehmen: „Matura macht man nicht, die hat man.“ Gut gemeint, aber ist das auch gut so? In ähnlicher Sache: Eltern, die ihrem Kind Fehler ersparen möchten: Gut gemeint, doch letztendlich schränken wir doch damit eigentlich die Vielfalt ein.

Denn Vielfalt besteht nicht einfach nur in den gelungenen Dingen. Würde immer alles streng nach Plan verlaufen, hätten wir einige Errungenschaften vielleichtnicht entdeckt. So verdanken wir die Erfindung des Herzschrittmachers einfachnur dem Umstand, dass Wilson Greatbatch einen falschen Widerstand in sein Gerät eingebaut hat. Zunächst ein Fehler, doch letztendlich ein Erfolg!

In seinem Brief an die Gemeinde in Rom erklärt Paulus: „Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied.“ (Röm 12, 4-5)

Nicht Jede/r hat die gleiche Aufgabe, denn wir alle verfügen überunterschiedliche Begabungen. Nur weil etwas die Norm ist, ist es nicht automatisch für alle gut. Das bedeutet Vielfalt für mich: Die Freiheit von einer gegebenen Norm abweichen zu können. Nicht, weil es zu einem besseren Ergebnis führt, sondern weil ich mich frei dazu entschieden habe, diesen Weg zu verfolgen.

Natürlich möchte ich, dass meine Schüler_innen gestärkt und mit Zuversicht an ihre Prüfungen herantreten, aber vielleicht braucht es ab und zu auch die Ermutigung, Fehler machen zu dürfen, um die Vielfalt wieder klar erkennen zu können.

Ein neues Jahr beginnt im September und somit beginnen auch wieder neue Möglichkeiten, Erfahrungen zu machen, aus Fehlern zu lernen und sich neue Ziele zu setzen. Ich hoffe und wünsche Euch ein in diesem Sinne erfolgreiches neues (Schul)Jahr!

Euer Vikar Jörg Kreil