Lisa macht Urlaub

„Lisa, hast du schon alles gepackt?“, fragte Mama zum 10. Mal. Lisa verdrehte ihre Augen: “Ja, Mama. Klamotten, Skisachen, Toilettenartikel, alles da.“ „Hast du auch genug zum Lesen und Spielen dabei?“ „Hä, wozu sollte ich das Alles brauchen? Ich hab doch mein Handy und meinen E-Reader eingepackt!“ Mama kam ins Zimmer und stellte sich vor Lisa mit hochgezogenen Augenbrauen hin: „Keine Elektroniksachen in Rauris, das weißt du!“ „Was! Wieso? Das ist voll spießig und gemein! Ich nehme das mit und meinen Laptop noch dazu!“, antwortete die 13-jährige trotzig. Ihre Mutter legte ihre Hände auf Lisas Schultern und sah ihr tief in die Augen: „Schätzchen du wirst dieses ganze unnütze Zeugs nicht brauchen. Wir gehen Skifahren, Rodeln und feiern heuer Weihnachten im Haus deines Großvaters, das wird spannend genug ohne ständig aufs Handy zu starren.“ „Das ist unfair!“, meinte Lisa zornig, „Wie soll ich denn da mit meinen Mädels in Kontakt bleiben! Die werden alle glauben, dass es mir egal ist und mich nicht mehr ansehen! Willst du wirklich, dass ich nach den Ferien keine Freunde mehr habe?“ „Aber Schatz, überleg mal“, sagte ihre Mutter, um einen geduldigen Ton bemüht, “willst du wirklich Freunde, die dich nur nach deinen Posts beurteilen? Wenn sie das tun, sind sie dann deine richtigen, wahren Freunde? Ich glaube nicht, ansonsten hast du echt ein größeres Problem als eine Woche Urlaub.“

Lisa verstand die Welt nicht mehr, wie sollte sie das nur überleben? Wie konnte ihre Mutter ihr das nur antun? Nach einer weiteren, hitzigen Diskussion gab Lisa schließlich nach, aber nicht ohne sich vorher von ihren Freunden zu verabschieden und die ein oder andere Träne zu vergießen.

Die Fahrt von Hallein nach Rauris kam ihr wie eine Ewigkeit vor. Endlich parkte das Auto in der Einfahrt von Opas Haus. Lisa überlegte eine Zeitlang, ob sie überhaupt aussteigen soll. Schließlich wurde ihr im Auto zu kalt und sie ging ins Haus. Ihr Vater hatte bereits eingeheizt und das Feuer im Ofen knisterte und leuchtete vor sich hin. In der Stube fragte Papa, ob sie was zum Essen haben möchte und stellte ihr einen Teller Spaghetti vor die Nase. Nach dem Essen saßen die drei beieinander und spielten zusammen, bevor es Zeit war ins Bett zu gehen.

Die nächsten Tage verbrachte Lisa damit, mit ihren Eltern Skifahren zu gehen. Einmal machten sie sogar eine Schlittenfahrt durchs Tal. Das Wetter war die ganze Woche schön gewesen und bei der Messe zu Weihnachten bestaunte sie die schöne Krippe in der Kirche und die vielen Lichter und Weihnachtsmelodien auf den Straßen. Selbst in der Stube ihres Hauses stand ein schön geschmückter Christbaum, mit vielen tollen Geschenken darunter.

Am Abend bevor die Familie ins Bett ging, blickte sich Lisa traurig im Zimmer um und seufzte. „Was ist los, Mäuschen? Geht es dir nicht gut“, fragte Mamabesorgt. „Nein, nein alles O.K.“, antwortete Lisa leise, “Es ist nur, ich finde es schade, dass wir morgen schon wieder heimfahren.“ Ihre Mutter lächelte, „Ach! Und ich dachte, du kannst es kaum erwarten dein Handy in der Hand zu halten.“ „Eigentlich hab ich es gar nicht wirklich vermisst“, gab Lisa zu, „Hier ist es so schön spazieren zu gehen und den funkelnden Schnee zu beobachten und die gute Luft zu atmen und mit Euch zusammen zu sein und soviel miteinander zu unternehmen.“ „Also hat es dir gefallen?“ „Ja Mama, das hat es! Vor allem werde ich diese Stille und diesen ganz besonderen Frieden vermissen“, sagte Lisa und freute sich schon auf ein Wiedersehen mit Opas Haus.

Yvonne Ennsmann