„Stille Nacht“ – Gedanken zum Lied

Vor 200 Jahren entstand der Text des Liedes „Stille Nacht“, inspiriert von Worten und Gedanken aus der Bibel, aber auch von der immer gültigen Sehnsucht der Menschen nach Geborgenheit, in unserer Welt, aber auch bei (einem) Gott. Das Lied spricht Menschen aller Bildungsschichten, auf allen Kontinenten und in allen Kulturen an, weil es nicht intellektuell, sondern mit schlichter Frömmigkeit operiert. Die sechs Strophen können uns heute noch inspirieren – die Themen des Liedtextes haben einen zeitgenössischen und ganz aktuellen politischen Bezug. Ich möchte exemplarisch für jede Strophe ein Motto in den Mittelpunkt stellen, um sechs verschiedene Formen spirituellen Erlebens deutlich zu machen. So wird die vielschichtige Bedeutung des Liedes und seiner Botschaft sichtbar gemacht. Die Bedeutung des Liedes „Stille Nacht“ für das Land Salzburg ist immens, das Image, das dadurch kreiert wird, kann man verstehen als Auftrag an uns, nämlich Mitmenschlichkeit. Besonders in der Festspielstadt Salzburg treffen Menschen aus verschiedenen Kulturen, mit unterschiedlichstem oder keinem religiösen Hintergrund, aus aller Welt aufeinander. Respekt und gegenseitige Wertschätzung ist dafür notwendig und das könnten wir in Salzburg beispielhaft für alle Welt vorleben.

Stille Nacht I: In himmlischer Ruh

Stille Nacht, heilige Nacht!
Alles schläft, einsam wacht
nur das traute, heilige Paar.
Holder Knab im lockigen Haar, s
chlafe in himmlischer Ruh,
schlafe in himmlischer Ruh.

Das Bedürfnis nach Ruhe ist wohl für alle Menschen unserer westlichen Welt zentral. Himmlische Ruhe ist mehr als nur Ruhe, erspürbar vielleicht in stillen Kirchen, bei der Betrachtung einer Darstellung von Jesu Geburt, bei liturgischer oder geistlicher Musik. Die Nähe Gottes kann aber zum Beispiel auch erfahrbar werden beim Blick vom Gipfelkreuz eines Salzburger Berges von der Weite des Himmels in die scheinbar unberührte Natur, die einem zu Füßen liegt. Dies entspricht nicht nur dem Zeitgeist des Biedermeier, sondern einer Sehnsucht der Menschen unserer Zeit.

Stille Nacht II: In deiner Geburt

Stille Nacht, heilige Nacht!
Gottes Sohn, o wie lacht
Lieb aus deinem göttlichen Mund,
da uns schlägt die rettende Stund,
Jesus, in deiner Geburt,
Jesus, in deiner Geburt!

Durch die Ankunft und Geburt Jesu sind wir Menschen gerettet, durch „Immanuel – Gott ist mit uns“ sind wir nicht mehr alleine, sondern geborgen. Rettung wird uns versprochen durch dieses kleine Kind. Mit ein wenig Phantasie könnte man sich im Rhythmus des Liedes die Herztöne eines Neugeborenen vorstellen.

Stille Nacht III: In Menschengestalt

Stille Nacht, heilige Nacht!
Die der Welt Heil gebracht
aus des Himmels goldenen Höh’n,
uns der Gnaden Fülle lässt sehn:
Jesus, in Menschengestalt,
Jesus, in Menschengestalt.

Der Mensch und seine Vergänglichkeit stehen hier im Zentrum. Die Textstelle aus dem Buch Hiob 14, 1 „Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeitund ist voll Unruhe“ und der Bach-Choral „Ach wie flüchtig, ach wie nichtig“,der sich darauf bezieht, schaffen Assoziationen. Durch die Unersättlichkeit des Menschen, die fortschreitende Technologisierung und Digitalisierung werden unterschiedlichste Fragen aufgeworfen, auch moralische. Ohne die Geburt Jesu, ohne sein Menschwerden würde eine heile Welt niemals Wirklichkeit werden können.

Stille Nacht IV: Die Völker der Welt

Stille Nacht, heilige Nacht!
Wo sich heut alle Macht väterlicher Liebe ergoss
und als Bruder huldvoll umschloss:
Jesus, die Völker der Welt,
Jesus, die Völker der Welt.

Die große Freude über die Geburt Jesu wird von den Hirten allen Menschen verkündet und ist gültig für das ganze Volk, für alle Menschen gleichermaßen. Niemand ist ausgeschlossen von dieser alles umfassenden frohen Botschaft.
Für „die Völker der Welt“ wäre Salzburg wie keine andere Stadt geeignet, unterschiedliche ethnische Gruppen, andere Religionen, andere Kulturen aufzunehmen, sie wert zu schätzen und in das Leben in unserer Gemeinschaft einzubinden.

Stille Nacht V: Aller Welt Schonung

Stille Nacht, heilige Nacht!
Lange schon uns bedacht,
als der Herr, vom Grimme befreit,
in der Väter urgrauen Zeit
aller Welt Schonung verhieß,
aller Welt Schonung verhieß.

Aller Welt Schonung kann im Zusammenhang mit der Thematik von Friedensmöglichkeiten für die Welt interpretiert werden. „Da pacem – Verleih uns Frieden“ – Vertonungen gibt es von zahlreichen Komponisten, weil eine Sehnsucht nach permanentem Frieden zu allen Zeiten vorhanden war, ganz besonders zur Entstehungszeit des Liedes nach den napoleonischen Kriegen. Die Zusage, die Welt zu schonen, auch wenn sich die Menschen immer wieder gegen Gott und seine Gebote stellen, ist befreiend.

Stille Nacht VI: Von fern und nah – Der Retter ist da – Halleluja

Stille Nacht, heilige Nacht!
Hirten erst kundgemacht,
durch der Engel Halleluja
tönt es laut von ferne und nah:
Jesus, der Retter ist da!
Jesus, der Retter ist da!

Die im Titel abzulesende Trias prägt den Abschluss des Liedes. Zum ersten ist das Zentralthema laut – leise, Unruhe – Stille präsent, das sich im „Retter der Welt“ widerspiegelt, zum anderen Ferne, aber auch Nähe. Allen wird Frieden und Rettung zuteil.

Der alte Jubelruf „Halleluja“ ist der dritte Aspekt der Stillen Nacht VI. Dies ist ebenfalls eine der zentralen Botschaften des Liedes „Stille Nacht“: ein universeller Lobpreis, der nicht auf den christlichen Kontext beschränkt ist, sondern für alle Menschen und wohl in allen Religionen gilt.

Gordon Safari / Ingrid Allesch