Den Glauben feiern

Die ersten Christinnen und Christen feierten vor allem die Auferstehung Jesu, das Osterfest, als Grunddatum ihres Glaubens. Weil Jesus an einem Sonntag („am dritten Tag“), nach damaliger Zählung der erste Tag der Woche nach dem Sabbat, dem Ruhetag des jüdischen Volkes, von Gott auferweckt worden war, versammelten sich die Christen an jedem Sonntag zur Auferstehungsfeier. Im Jahre 321 machte Kaiser Konstantin den christlichen Feiertag zum allgemeinen staatlichen Feiertag – das ist bei heute so geblieben.

Für mich persönlich sind die Kar- und Ostertage eine sehr intensive Feierzeit, die mich jedes Jahr tief anrühren. Dabei spannt sich ein weiter Bogen vom Palmsonntag bis zum Ostersonntag bzw. dem Sonntag „der neugeborenen Kindlein“ am Sonntag danach (mit lateinischem Namen Quasimodogeniti). Jesus entschließt sich, in die Hauptstadt Jerusalem zu gehen, ins religiöse Zentrum – und er weiß wohl auch, dass er wird sterben müssen… Doch er geht seinen Weg konsequent weiter. Wie in den alten Prophezeiungen reitet er auf einem Esel in die Heilige Stadt – und die Menschen begreifen und glauben, hier kommt der verheißene Messias, der Retter, der neue, gerechte König. Sie jubeln Jesus zu, legen ihre Kleider als „roten Teppich“ auf den Weg und winken Jesus mit Palmzweigen zu. Ein fröhliches Willkommen – das feiern wir auch heute in unserem Palmsonntags- gottesdienst: Kinder bringen ihre Palmbuschen mit.

Doch es ist ein Feiertag vor einem düsteren Hintergrund. Es wird erzählt, wie eine Frau schon im Vorhinein Jesus für seinen Tod salbt. Jesus provoziert ganz bewusst die religiöse Obrigkeit, indem er die Händler und Geldwechsler aus dem Tempel vertreibt. Ihm geht es um die Reinheit des Glaubens – nicht Geschäfte, nicht Nebensachen, nicht frommes Beiwerk sollen von Gott und dem Lob Gottes ablenken. So einer muss mundtot gemacht werden – aber möglichst unauffällig, damit es keinen Aufruhr gibt.

Noch einmal sitzt Jesus mit seinen engsten Vertrauten zusammen – sie feiern Pessach, das Mahl der Befreiung und erinnern sich, wie Gott sein Volk aus Ägypten geführt hat. Doch die fröhliche Stimmung kippt, Jesus verabschiedet sich von seinen Jüngern – und deutet zugleich Brot und Wein neu, hin auf sich, auf sein Sterben. Wie das Brot gebrochen und verteilt wird, so wird es mit seinem Körper geschehen. Wie der Wein aus dem Becher der Freude vergossen wird, so auch sein Blut. Jesus macht seinen Freunden klar: Immer wenn ihr in meinem Namen Brot und Kelch teilt, dann bin ich in besonderer Weise mitten unter euch, in, mit und unter Brot und Wein, in eurem Teilen, in eurer Gemeinschaft. Das Heilige Abendmahl, das Mahl unseres Herrn Jesus Christus – für mich etwas ganz Besonderes und Wichtiges in meinem Glauben.

Die Feier an Tischen in der Kirche mit richtigem Essen wie bei Jesus und zur Zeit der ersten Christinnen und Christen am Gründonnerstagabend ist für mich ein besonderer Höhepunkt der Karwoche. Die Nacht des Gründonnerstags zeigt die Menschlichkeit Jesu – und seiner Jünger. Während er betet, an seinem Auftrag zweifelt, schlafen seine Freunde ein, verstecken sich, als er gefangen genommen wird. Ihre Angst ist größer als die Liebe zu ihrem Herrn und Meister.

Auf den Gründonnerstag (vom alten deutschen Wort „greinen“ = weinen) folgt der Karfreitag („kara“ = Klage), der im englischen Sprachraum aber „good friday“ genannt wird, weil Jesu Tod am Kreuz ja zu unserer Erlösung geschieht. Für mich als evangelischen Christen ist der Karfreitag ein zentraler Gedenk- und Feiertag: Der Tod des Sohnes Gottes am Kreuz verbindet mich ganz eng mit Gott – über alle meine Sünde hinweg. Jesus liebt bis zum Ende und zeigt mir, dass Gottes Liebe auch im Tod nicht aufhört und mich nichts und niemand von dieser Liebe Gottes trennen kann. Indem Jesus das entsetzliche Leiden der Kreuzigungsstrafe auf sich nimmt, weist er auch hin auf das millionenfache Leid, das Menschen tagtäglich auf dieser Welt erleben und macht deutlich: Gott ist bei jedem Menschen in seinem Leid, er ist ein mitleidender, ein „sympathischer“ (so die wörtliche Übersetzung dieses griechischen Wortes: „mitleidender“) Gott. Im Gottesdienst am Karfreitag hat beides seinen Platz: In der Beichte mache ich mir meine eigene Schuld bewusst und darf die Zusage der Vergebung Gottes erfahren, im Hl. Abendmahl darf ich Gottes Liebe, sein Für-mich-da-Sein auf ganz besondere Weise spüren. Karfreitag – ein Tag der Stille, des In-mich-Gehens. Für mich ist es jedes Jahr neu wieder eine Provokation, dass dieser Tag in Österreich ein normaler Arbeitstag ist, ja im Handel einer der umsatzstärksten Tage. Aber so ist wohl die Welt: Sie nimmt weder vom Leiden noch von der Liebe wirklich Notiz, sondern Gewinn, Geld und Macht zählen. Jesus weist mir einen anderen Weg…

Wie Gott am Sabbat ruht, so ruht auch Jesus am Karsamstag im Grab. Doch der Ostermorgen macht deutlich: Jesus bleibt nicht im Grab, Gott ist stärker als der Tod. Für mich gehören Tod und Auferstehung, Karfreitag und Ostern ganz eng zusammen, beide Feiertage sind wichtig! Das Aushalten von Leid und Tod und dann die wunderbare Erfahrung, dass Gott neues Leben schenkt, ich befreit bin und feiern darf. Ostern – das ist für mich ein ganz zentraler Festtag, der zum Glück nicht so von Traditionen und Geschenken überlagert ist wie das Weihnachtsfest, wo die christliche Botschaft stärker im Vordergrund steht. Am Sonntag nach Ostern wurden in der ersten christlichen Jahrhunderten Menschen getauft – sehr bewusst haben wir deshalb bei uns das Geheimnisfest dorthin gelegt, an dem wir uns an unsere Taufe erinnern und den Kindern Gottes Liebe zugesagt wird.

Euer Pfarrer Peter Gabriel

Aktuell: Kommt möglichst zahlreich zum Karfreitags-Gottesdienst am 19. April um 9.30 Uhr, um der Regierung und unserem Land zu zeigen, wie wichtig uns Evangelischen dieser Feiertag ist! Und, wenn möglich: Kauft nicht ein an diesem „umsatzstärksten Tag im Jahr“, an dem wir in Stille des Leidens unseres Herrn Jesus Christus und des millionenfachen Leidens auf dieser Welt gedenken! Ich vermute, wie damals im Tempel würde Jesus die Tische in den Konsumtempeln umstoßen und der Regierung ihre Gesetzesvorlage aus der Hand reißen…