Heimat – die neue Religion?

Wenn man seit der Flüchtlingskrise 2015 die Nachrichten studiert und die gesellschaftlichen, politischen Entwicklungen verfolgt, dann kann man feststellen, dass der Begriff „Heimat“ seither zunehmend an Bedeutung gewonnen hat. Die Ängste, die aus dieser Situation entstanden sind, haben dazu geführt, dass die Menschen noch mehr als früher Sicherheit im Vertrauten, Wohlbekannten suchen – in dem, was man unter dem Begriff der „Heimat“ zusammenfasst eben. An dieser Stelle soll nicht beklagt werden, dass unverantwortliche Politiker seitdem mit diesen Ängsten in einer bedenklichen Art und Weise spielen und auf dem Rücken von Menschenschicksalen Wahlerfolge einfahren. Dass es so ist, ist leider unbestreitbar, aber diese eine kurze Bemerkung dazu soll hier ausreichend sein.

Heimat ist in der Tat etwas Wichtiges; jeder Mensch braucht sie in irgendeiner Weise als etwas, das ihm oder ihr Halt gibt, wie ein Hafen, in den man stets einfahren kann, um sicher zu ankern und Ruhe zu finden, neue Kräfte zu sammeln. Menschen, die nirgendwo Heimat haben, nirgendwo „zu Hause“ sind, ob nun physisch oder psychisch, sind nicht zu beneiden, denn sie tragen eine große Last mit sich, die ihnen das Leben oft schwer macht.

Physische Heimat, damit verbindet man zumeist einen Staat, ein Land oder auch nur eine Region oder einen Ort. Mit psychischer Heimat kann viel gemeint sein. Hier kann die Familie, die Kirche, der Kreis vertrauter Freunde die entscheidende Heimat bieten.

Eines ist all diesen Formen von Heimat gemeinsam: Sie bieten Sicherheit durch Identifikation, durch Gemeinschaft, durch Vertrautheit. Aber wenn man ein wenig genauer hinblickt, dann muss man auch erkennen, dass oftmals nicht weit genug gedacht oder gesehen wird. Und deswegen kommt es häufig zu einem nicht unwesentlichen Fehlschluss: Man fühlt sich wohl, also muss es gut sein. Oder anders gesagt: Ich fühle mich wohl in Österreich, also muss Österreich gut sein. Man fühlt sich wohl in der Kirche, in der Religion, also muss es gut sein. Und der Fehlschluss führt schließlich weiter: Wer Österreich kritisiert, ist ein Heimatverräter. Wer die Religion kritisiert, ist ein gottloser (also schlechter) Mensch.

Spätestens ab hier beginnt die Sache mit der Heimat „unheimelig“ zu werden. Bei aller Sehnsucht nach Heimat: Nur wenn wir unsere Heimat gestalten und auf sie aufpassen, kann sie wertvoll bleiben. Ich bin nicht toll, nur weil ich Österreicher bin (oder Europäer oder Vertreter des christlichen Abendlandes oder…). Ich bin nicht besser als andere, weil ich Christ bin (oder Moslem oder Jude oder…)

Es muss egal sein, ob Heimat ein Staat, ein Land oder eine Religion oder etwas Ähnliches ist. Heimat sollte man daran erkennen, wie Menschen miteinander umgehen, welche Werte sie achten. Und nicht daran, welche Menschen in dieser Heimat geduldet werden und welche nicht.

Wer Heimat in der Abgrenzung von anderen definiert und in der Heimat den Grund dafür sieht, warum man besser ist als andere, der sorgt dafür, dass dieser Heimattyp irgendwann dazu führt, dass andere aus dieser Heimat „flüchten“müssen.

Und so enden diese Gedanken doch wieder beim „Flüchten“… und mit einem Buchtipp: Rafik Schami, „Die Sehnsucht der Schwalbe“ erzählt eine wunderbar einfühlsame Geschichte eines Flüchtlings (lange vor 2015) und seiner Verfolgung durch einen Fremdenpolizisten, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Flüchtling immer und immer wieder zu erwischen und abzuschieben. Und der Flüchtling kommt immer und immer wieder, obwohl er weiß, was ihn erwartet. Bis der Fremdenpolizist erkennt, dass nicht Gesetze bestimmen können, wo jemand Heimat findet.

Hartmut Schwaiger