Sonntagsgruß für 29.03.2020

29. März 2020 – Judika: Schaffe mir Recht, Gott!

Liebe Mitglieder unserer Halleiner Pfarrgemeinde! Ihr Lieben!

Wieder schicke ich euch einen schriftlichen Gruß – als Ersatz für unseren Gottesdienst. Der Name dieses 5. Sonntags der Passionszeit ist der Anfang des Wochenpsalms 43:

„Schaffe mir Recht, Gott, und führe meine Sache wider das treulose Volk und errette mich von den falschen und bösen Leuten! Denn du bist der Gott meiner Stärke: Warum hast du mich verstoßen? Warum muss ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich drängt? Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung, dass ich hineingehe zum Altar Gottes, zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist, und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott. Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.“

Unser derzeitiger Feind, das Corona-Virus, ist so wenig sichtbar, so schwer greifbar und doch so gefährlich. Vielleicht stellen sich manche die Frage nach dem Warum, sind traurig über all die Einschränkungen. Andere sind unruhig und können die geschenkte zusätzliche Zeit nicht wirklich positiv für sich nutzen. Wieder andere sind ungeduldig und fragen sich: Wie lange wird es noch dauern?

Ich will dennoch auf einen starken Gott hoffen, der mir beisteht und mich schützt. Ich vertraue auf sein Licht und seine Liebe. Ich glaube, bald können wir uns wieder in unserer Kirche zum Gottesdienst versammeln und Gott danken. Der Psalmbeter macht mir Mut, mich mit meinen Sorgen an Gott zu wenden und ihn um Hilfe anzurufen.

Der Predigttext für diesen Sonntag stammt aus dem Brief an die Hebräer. Sein Hauptthema ist, dass mit Jesus Christus die Opfer im Tempel nicht mehr nötig sind (mit der Zerstörung Jerusalem im Jahre 70 n.Chr. gab es sie sowieso nicht mehr…), ja dass es überhaupt keine Anstrengungen der Menschen braucht, um Gott freundlich zu stimmen, sondern dass Gott trotz aller Verfehlungen der Menschen ihnen mit Liebe begegnet.

Das gilt gerade in Zeiten einer Krise! Auch Corona ist keine Strafe Gottes und es braucht jetzt nicht unsere Anstrengungen, Gebete oder sonstige Leistungen, damit Gott uns gern hat. Denn Gott ist für mich einer, der mich begleitet in guten und auch in schwierigen Zeiten, ja der mich sieht und mich versteht in meiner Not, mit mir mitleidet, also ein sympathischer Gott.

Das zeigt sich vor allem darin, dass Gott in seinem Sohn Jesus Christus selber Leid und Tod auf sich genommen hat. Sein Blut stiftet und bringt uns neues, erfülltes Leben. Blut wird hier als Symbol für Leben verstanden (ich denke an Blutspenden oder Blutsbrüderschaft).

Der Hebräerbrief formuliert das so (Hebräer 13,12-14):
„Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Zwei Gedanken sind mir beim Bedenken des Textes wichtig geworden:

  • Wie Jesus nicht im Heiligtum, sondern draußen vor den Toren der Stadt Jerusalem auf Golgatha stirbt, so findet auch mein Glaube nicht (nur) am Sonntagmorgen in der Kirche statt. Sondern der Schreiber des Hebräerbriefes macht mir Mut, meinen Glauben im Alltag, bei mir daheim, in meiner Familie, an meinem Arbeitsplatz, in meiner Freizeit zu leben und zu feiern.In diesen Wochen ohne Gottesdienst sind wir neu herausgefordert, wie wir unser Gottvertrauen in neuen Formen leben können – in häuslicher Andacht, mit den Kerzen in unseren Fenstern am Abend um 20 Uhr, verbunden im Gebet. Gerne könnt Ihr mir rückmelden, was Euch jetzt stärkt, welche Gebete oder Ausdrucksformen des Glaubens Euch jetzt helfen. Und vielleicht kann ich im nächsten Mail einige davon auch anonym weitergeben – so entsteht auch über die Distanz ein Glaubensgespräch.

Meinen zweiten Gedanken verdeutliche ich mit einer Geschichte, die ich gefunden habe:

  • „Ein Tourist besichtigt ein Kloster. Ein Mönch zeigt ihm fröhlich und freundlich Kirche und Kreuzganz, Bibliothek und Speisesaal – alles sehr schön ausgestaltet und geschmückt. Auf die Frage des Touristen, wo er denn selber wohne, zeigt ihm der Mönch seine kleine, bescheiden eingerichtete Zelle. „Wo haben Sie denn Ihre Sachen?“ – fragt der Tourist verwundert. Der Mönch entgegnet freundlich: „Und wo haben Sie Ihre Sachen?“ „Ich bin doch nur auf der Durchreise!“, erwidert der Tourist. „Ich auch!“, antwortet darauf der Mönch.“

Gerade in diesen Wochen wird mir neu bewusst, wie zerbrechlich und gefährdet mein und unser Leben ist. Mein Leben auf dieser Erde ist begrenzt, Krankheit und Tod sind mehr in meinen Blick gerückt.

Die Zeit der Isolation macht mir neu bewusst, wie wichtig mir der Kontakt mit lieben Menschen ist, die Freiheit zu reisen oder das zu tun, was ich gerne möchte.

Ich merke aber auch, mit wie wenig ich zufrieden sein kann: ich habe genug zu essen, ein warmes Zuhause, Austausch mit vielen Menschen, ich bin nicht allein. Vor allem: Ich darf vertrauen, Gott ist bei mir, er lässt mich nicht im Stich.

Wie Jesus hinaus gegangen ist zu den Menschen, zu Kranken und Diskriminierten, zu Armen und Reichen, wie er selbst auf dem Weg in den Tod hinaus gegangen ist zu den Verbrechern, die vor dem Tor gekreuzigt wurden, die außerhalb der Städte in Lagern dahin vegetieren – so geht Jesus auch zu mir hinaus – in dieser Corona-Zeit, in die Abgeschiedenheit meiner 4 Wände, auch in meine Einsamkeit, weil ich mir wichtige Menschen nicht treffen oder umarmen kann.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt“ – das bezieht sich nicht nur auf das Leben nach dem Tod bei Gott, sondern auch auf die Veränderungen, die mein Leben immer wieder prägen.

Veränderungen machen Angst, aber sie sind notwendig und gut. Nach dieser Krise wird sich unser alltägliches Leben, unsere Wirtschaft, vielleicht auch unser Glaubensleben verändern. Aber als Christ habe ich keine Angst, weil ich vertraue, wohin der Weg auch führt – Gott begleitet mich auf allen Wegen der Veränderung. Er schützt mich wie sein Volk Israel auf dem Weg durch die Wüste. Er begleitet mich wie die Freunde Jesu auf dem traurigen Weg nach Emmaus.

Auch für die dritte Coronawoche wünsche ich euch viel Kraft und Durchhaltevermögen!

Wie gut, dass wir im Glauben verbunden sind! Gottes Segen sei mit uns allen!

Euer Peter

 

Zum Abschluss das Wochenlied für diesen Sonntag „Holz auf Jesu Schulter“ (EG 97).
Es macht mir Mut, dass Gott alles verwandelt, aus Allem Gutes machen kann, dass er auch mich vom Tod ins Leben ruft:

Wollen wir Gott bitten, dass auf unsrer Fahrt
Friede unsere Herzen und die Welt bewahrt.
Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn.
Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.

Und noch ein Abendsegen, wieder von meiner Kollegin Iris Haidvogel:

Gesegnet der heutige Tag,
an dem ich sagen kann: du warst da.
Gesegnet die kommende Nacht, in der ich sicher bin:
du behütest und bewahrst mich und meine Lieben.
Doch segne du auch die Tage derer, die nicht sagen können: du warst da,
die nach dir rufen und du antwortest nicht.
Segne du die Nächte derer, die verzweifeln,
denn du behütest und bewahrst nicht immer,
wie wir es uns wünschen und erwarten.
All unsre Lieben, wir alle, haben ein Ende.
Doch all das Lieben nicht.
Gesegnet der Moment, an dem ich sagen kann, du warst da,
auch wenn ich es nicht mehr bin.

Amen!