Sonntagsgruß für 17.05.2020

Sonntag Rogate

Liebe Mitglieder unserer Halleiner Pfarrgemeinde! Ihr Lieben!

Nachdem mit dem heutigen Sonntag die Gottesdienste in unserer Kirche wieder beginnen, wird dies mein letzter Sonntagsgruß in der bisherigen Form sein.

Ich hoffe, diese Grüße haben euch gut durch die Corona-Zeit begleitet und getragen. So ein schriftlicher Gruß hat eine ganz eigene Qualität – vielleicht lässt sich in abgewandelter Weise diese Art des Kontakts mit euch auch beibehalten…

Heute grüße ich euch mit dem biblischen Wort zum Sonntag Rogate, das heißt „Betet!“:

„Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet.“ (Ps. 66,20)

Ich bin dankbar und froh, dass wir nach zwei Monaten Pause wieder Gottesdienst feiern dürfen. Ich bin dankbar, dass Gott mich, meine Lieben und unser Land in den vergangenen Monaten bewahrt hat und nur wenige Menschen dem Virus zum Opfer gefallen sind. Und ich bitte Gott, dass er mich und uns weiter durch diese Krise führt, dass er Geduld und Augenmaß schenkt, dazu auch Gelassenheit, um mit den Einschränkungen zu Recht zu kommen.

So rufe ich zu Gott: Gott, viel hat mich in den vergangenen Wochen beschäftigt, Sorgen und Ängste, bange Gedanken, wie es weiter geht. Da war die Sehnsucht nach lieben Menschen, nach Nähe, die Sorge vor einer Infizierung. Alles will ich jetzt dir Gott bringen! Hilf mir vertrauen: letztlich ist alles in deiner Hand! Ich rufe: Herr, erbarme dich!

Ich bete: Gütiger, liebender Gott, du hast verheißen, uns zu geben, worum wir dich im Namen deines Sohnes bitten. Lehre mich so zu beten, dass ich alle Hilfe von dir erwarte und mich und mein Leben getrost in deine Hand legen kann, so wie es dein Sohn Jesus Christus auch getan hat im Vertrauen auf deinen Heiligen Geist. Amen!

Predigttext

Der Predigttext für diesen Sonntag findet sich bei Matthäus 6,5-15:

„Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten. Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“

Beten ist in unserer Gesellschaft etwas sehr Privates. Die meisten Menschen tun es für sich allein Zuhause, ohne davon ein großes Aufhebens zu machen. Das entspricht genau dem, was Jesus im Predigttext sagt. Auch fällt es den meisten Menschen schwer, über das Beten zu reden. Und viele finden es anstößig, wenn jemand öffentlich betet und einen großen Wirbel darum macht. Oder wenn z.B. für einen Politiker bei einer Großveranstaltung gebetet wird.

Auf der anderen Seite gibt es das gemeinsame Gebet im Gottesdienst, wo jemand vorbetet und ich im Stillen mitbete, mich in die Worte anderer einfinde. Auch das Vaterunser ist so ein vorformuliertes Gebet. Ich kann mich hineinfallen lassen, einfach mitschwingen und mitbeten.

Etliche von euch haben in den vergangen Wochen um 20.00 Uhr am Abend eine Kerze im Fenster angezündet und dieses Gebet Jesu gesprochen. Vielleicht wurde in dieser Krisenzeit auch mehr gebetet als sonst… „Not lehrt beten“ – sagt das Sprichwort, aber ob ich wirklich in schwierigen Zeiten bete, wenn ich sonst gar nicht bete?

Unser Predigttext spricht auch davon, dass Beten etwas sehr Intimes ist. Denn beim Beten bin ich ganz ehrlich. Da kann ich auch meine Schwächen und Fehler eingestehen. Denn ich vertraue, Gott weiß eh alles, was in mir ist, was ich denke, wonach ich mich sehne, er schaut in mein Herz. Aber Gott „überwacht“ mich nicht, sondern er sieht auf mich mit Güte und Verständnis, so wie Eltern auf ihre Kinder schauen und wohl auch Partner*innen aufeinander: wissend, spürend, wie es um den anderen steht. Und sie nehmen den anderen mit Liebe und auch einer Portion Humor an. Auch wenn ich Gott eigentlich gar nichts sagen muss, mir tut es dennoch gut, es auszusprechen und damit mir selber bewusst zu machen. Das braucht es ja auch in menschlichen Beziehungen: sich gegenseitig vertrauen, Dinge aussprechen und sich Zeit für Gespräche nehmen.

Denn Beten ist ja auch eine Zeit, die meinen Alltag unterbricht und mir Ruhe schenkt. Gerade in den vergangenen Wochen habe ich erlebt, wie gut das tut: weniger Termine, nicht so viel Stress und dadurch mehr Zeit für mich – und für Gott.

Auch unser Mittagsgebet erlebe ich als eine wohltuende Zäsur mitten am Tag. Oft nutze ich auch eine Fahrt mit dem Fahrrad oder einen Fußweg für ein kurzes Dankgebet.

Wenn ich mit Gott rede, dann rechne ich damit: es gibt nicht nur die vorfindliche Welt, die ich sehe, sondern es gibt auch noch eine andere Wirklichkeit. Wie Gott „unsichtbar“ ist und doch da und bei mir ist, so vertraue ich: ich, mein Leben und diese Welt sind in Gottes Hand aufgehoben – gerade auch in Zeiten der Verunsicherung wie jetzt bei Corona. Auch wenn Politiker*innen so tun, als hätten sie alles im Griff, ich vertraue, letztlich ist Gott der Herr dieser Welt.

Genau darum geht es in den ersten Bitten des Vaterunser! Es geht gar nicht um mich, darum, was ich mir wünsche oder von Gott erbitte, sondern Gott soll im Mittelpunkt stehen. Er und sein Name sollen nicht für menschliche Zwecke missbraucht werden. Denn gerne versuchen ja Menschen ihre Anliegen mit Verweis auf Gott oder sein Wort durchzusetzen, obwohl sie nur ihre eigenen Interessen verfolgen. Doch nach dem Gebet Jesu soll gelten, was Gott will! Die Botschaft der Bibel ist an dieser Stelle sehr eindeutig: Frieden, Gerechtigkeit, Schutz für Arme, Waisen und Witwen und die Liebe als der entscheidende Maßstab.

Da wir Menschen von Gott als frei geschaffen worden sind, liegt es auch an uns, dass Gottes Wille sich durchsetzt. Und doch habe ich zugleich immer wieder erlebt, wie Gott seine Hand im Spiel hat, wie er auch aus menschlichen Fehlern oder schlecht Gemeintem Gutes und Gottgefälliges machen kann.

Das thematisiert der zweite Schwerpunkt des Vaterunser. Da geht es um die Bitte um und die Annahme von Vergebung, sowie die eigene Vergebungsbereitschaft. Beim Lesen des Bibeltextes kommt es mir widersprüchlich vor. Was kommt denn nun zuerst, dass ich Gott um Vergebung bitte oder soll zuerst ich anderen vergeben. Ich glaube, die Frage ist falsch gestellt, genauso wie bei der Überlegung, ob nun zuerst die Henne oder zuerst das Ei war. Meine Erfahrung ist: beides hängt zusammen und bedingt einander. Und: beides ist nicht einfach. Sowohl vor mir und auch vor Gott zuzugeben, dass ich etwas falsch gemacht habe und dann um Erneuerung zu bitten und mich mit mir und meinem Leben auszusöhnen. Leider erlebe ich immer wieder Menschen, die sehr verbittert sind, weil sie über das, was sie falsch gemacht haben oder was andere ihnen angetan haben, nicht hinwegkommen. Die meisten dieser Verletzungen geschehen dabei im Bereich der Familie, zwischen Eltern und Kinder, zwischen Geschwistern und sehr oft auch vor und nach einer Trennung oder Scheidung.

Es ist wohl eine lebenslange Übung, jemandem zu vergeben, der mir vor allem seelisch weh getan hat, der mir Lebensmöglichkeiten genommen oder mich beeinträchtigt hat. Klar ist für mich: es wird nicht alles gut. Dieser Satz stimmt so nicht. Oft bleiben schmerzhafte Erinnerungen und Narben,  aber wenn ich einen anderen nicht ständig mehr bei seiner Schuld behafte, dann werde ich auch selber frei, bekomme Luft zum Leben.

Das ist für mich die große Verheißung: Gott vergibt mir, wo ich Fehler begangen habe. Das gibt mir Kraft, auch andere mit Gottes vergebenden Augen zu sehen. Das hilft mir auch im Blick auf das Lebensende – mein eigenes und das geliebter Menschen. Gott ist keiner, der aufrechnet, sondern der aufrichtet, keiner, der verurteilt, sondern der vergibt. Das ist für mich schon Teil der neuen, der anderen Wirklichkeit Gottes, eine Wirklichkeit, die schon jetzt meinen Alltag, mein Leben verändert – und mich dankbar beten lässt. Amen!

Fürbittengebet

Gott, du bist wie guter Vater und eine liebende Mutter. Im Vertrauen auf Jesus Christus, der für uns starb und auferstand, bitten wir dich für deine Kirche und unsere Gemeinde: Gib uns offene Augen, dass wir die Nöte dieser Welt, den Kummer und die Sorgen der Menschen sehen. Gib uns Kraft, uns einzusetzen für die in Not. Wir bitten dich für die Regierenden, besonders in diesen Zeiten: Gib du ihnen Kraft für gute Entscheidungen mit Augenmaß, schenk ihnen Weisheit und Menschenliebe. Wir bitten dich für alle, die nach Sinn und Halt für ihr Leben suchen, die sich nach Liebe, Geborgenheit und menschlicher Nähe sehnen – sei du ihnen nahe und lass sie finden, worauf sie hoffen. Wir bitten dich für alle, die krank sind, leiden oder im Sterben liegen. Hilf ihnen, auf dich zu vertrauen, lass Menschen bei ihnen sein in den dunklen Tälern ihres Lebens. Wir bitten dich um Vergebung für das, was wir anderen und uns selbst angetan haben. Wir bitten dich um Kraft, andere nicht bei dem zu behaften, was sie uns angetan haben. Wir bitten dich für uns selbst: hilf uns jeden Tag auf dich zu hören und dir im Gebet alles zu bringen, was uns bewegt. Amen!

Segen von Iris Haidvogel

Gott, segne unseren Ausgang mit Leichtigkeit und mit Einsicht.
Segne unsere Freiheit mit Freude und mit Grenzen.
Segne unsere Privilegien mit Glücksgefühlen und mit dem Bewusstsein, dass sie welche sind,
und uns geschenkt ist, wonach andere sich sehnen.
Segne unseren Eingang in unsere Kirchen und Gasthäuser,
in die Schulen und Geschäfte mit deinem guten Geist.

Halte uns den Rücken frei, wenn wir unsere Freiheit genießen.
Segne unseren Ausgang und unseren Eingang in Ewigkeit. Amen!

So wünsche ich Euch allen einen guten gesegneten Sonntag und lade euch herzlich zu unseren Gottesdiensten ein!

Am Sonntag, 24. Mai, um 9.30 Uhr und 10.30 Uhr und evtl. auch um 11.30 Uhr – bitte mit Voranmeldung! Für Pfingstsonntag gibt es dann noch aktuelle Informationen!

Euch ganz viel Segen Gottes und herzliche Grüße,
Euer Peter

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