Sonntagsgruß 14. Februar 2021

[12.02.2021]

Liebe Mitglieder und Freunde unserer Halleiner Pfarrgemeinde!

Freunde von mir praktizieren jedes Jahr so genanntes „Heilfasten“. Es sei gesund, so sagen sie, und helfe dabei, den Körper zu entgiften. Zwei Wochen im Jahr verzichten sie gänzlich auf feste Nahrung und vergnügen sich in dieser Zeit mit einer einfachen Krautsuppe. Dazu servieren sie sich schmackhaften Salbeitee oder lauwarmes Wasser. Mich persönlich haben diese Fastenkuren eher abgeschreckt. Ich habe die Befürchtung, dass ein solcher Nahrungsentzug meiner Seele mehr schadet als dass er meinem Körper nutze. Hungern ist nichts für mich, ich bin eher der Esser und Genießer. Gott sei Dank leistet der Predigttext für den kommenden Sonntag mir und meiner Einstellung argumentative Schützenhilfe (Jesaja 58,3b–9a):

Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch eure Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. Ihr fastet nur, um Zank und Streit anzuzetteln und mit roher Gewalt zuzuschlagen. So wie ihr jetzt fastet, findet eure Stimme im Himmel kein Gehör. Meint ihr, dass ich ein solches Fasten liebe? Wenn Menschen sich quälen, den Kopf hängen lassen wie umgeknicktes Schilf und in Sack und Asche gehen? Nennst du das Fasten, einen Tag, der dem Herrn gefällt? Das wäre ein Fasten, wie ich es liebe: Löst die Fesseln der zu Unrecht Gefangenen, bindet ihr drückendes Joch los! Lasst die Misshandelten frei und macht jeder Unterdrückung ein Ende! Brich mit dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann bricht dein Licht hervor wie die Morgenröte, und deine Heilung schreitet schnell voran. Deine Gerechtigkeit zieht vor dir her, und die Herrlichkeit des Herrn folgt dir nach. Dann antwortet der Herr, wenn du rufst. Wenn du um Hilfe schreist, sagt er: Ich bin für dich da!

Meine Schützenhilfe stellt sich als zweischneidiges Schwert dar. Einerseits sollte ich nicht fasten, denn ich würde den Kopf ständig hängen lassen. Andererseits ist mir aufgetragen, dem Geringen, also dem Obdachlosen und Unterdrückten, meine Hilfe zukommen zu lassen. Der Text zwingt mich auf sonderbare Art und Weise, meine gedankliche Genussisolation zu verlassen. Mein Umgang mit den Geringen in einer Gesellschaft sagt aus, wie ich mit Jesus umgehe – so steht es in Matthäus 25,40. Zunehmend empfinde ich diesen Text in Kombination mit dem Jesuswort als eine Zumutung. Ich merke an mir selbst, wie sich etwas innerlich dagegen aufbäumt und laut sagen möchte: „Ich schaffe es leider nicht, alle Geringen angemessen zu behandeln!“ Die moralische Verpflichtung des Textes würde mich direkt ins Burnout führen. Kein System, keine menschliche Ideologie vermag mich aus dieser Aufdrängung zu befreien. Hilfe zu leisten bleibt bei mir letztlich nur ein verhältnismäßig kleines Tun, um meine Kräfte nicht auszubrennen. Mein starker Fels, um an meiner Ohnmacht nicht zugrunde zu gehen, ist mir der Wochenspruch geworden: „es wird alles vollendet werden“ (Lukas 18,31). Ich selber kann mit meinem Tun lediglich die Morgenröte sein, die nur einen Vorgeschmack auf das volle Tageslicht bietet. Meine eigenen Möglichkeiten muss ich nicht pathologisch überschreiten, und das empfinde ich als einen zutiefst tröstlichen Gedanken.

Ich wünsche euch eine gesegnete Woche,
Euer Vikar Thomas Müller

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