Sonntagsgruß 24.10.2021

[22.10.2021]

Liebe Mitglieder und Freund*innen unserer Halleiner Pfarrgemeinde!

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ – Diese Strategie legt uns Christen der Apostel Paulus im Römerbrief (Kapitel 12, Vers 21) ans Herz. Er hat dabei unsern Umgang miteinander im Blick. So schnell passiert es, dass wir uns von anderen ungerecht behandelt fühlen. Oft sind es geistige, manchmal sogar körperliche Verletzungen, die ich mir doch so ohne Weiteres nicht gefallen lassen kann und will!?!

Und schon bin ich von desstruktiven, bösen Gedanken erfüllt. Mein Rechtsempfinden fordert Vergeltung, Bestrafung oder Wiedergutmachung, zumindest aber eine aufrichtige Entschuldigung. Jeder familiäre, geschäftliche oder politische Streit hat in solchen Gedanken seinen Ursprung. Man wünscht sich untereinander Frieden und macht für den Unfrieden die anderen Mitmenschen verantwortlich. Die Bösen sind immer die anderen!

Paulus ermutigt uns, clever zu sein und uns vom Teufelskreis unsres Rechtsempfindens nicht vereinnahmen zu lassen. Mit seiner Strategie empfiehlt er uns: „Starte lieber eine neue Aktion, als dass du dich auf Gegenreaktionen einlässt.“ Das kann uns vor unnötigen Kraftanstrengungen und vor Zeitverschwendung bewahren. Wenn wir emotional betroffen sind und uns verletzt fühlen, dann fällt das unheimlich schwer – keine Frage.

Wie wertvoll und wichtig ist es doch da, dass wir uns einander haben. Lasst uns dieses „einander“ pflegen, vor allem wenn wir uns verletzt fühlen. Lasst uns clevere Gegenüber füreinander sein, die der verletzten Schwester oder dem verletzten Bruder bei der Strategie des Agierens helfen, statt im inneren „Autopilot“ zu reagieren. Wir können uns gegenseitig heilsame Perspektiven eröffnen. Wie oft schon wurden mir durch meine Frau oder andere gute Freunde die Augen für alternative Aktionen geöffnet …

Als Christen sind wir im Umgang mit Streit besonders gefragt. Wir berufen uns nämlich auf unseren Herrn Jesus. Er ist Mensch geworden, um das Gesetz der Vergeltung zu durchbrechen. Er löst es durch Vergebung auf. Er sprengt den Teufelskreis unseres Rechtsempfindens! Für seine Peiniger hat er am Kreuz zum himmlischen Vater um Vergebung gebeten. Diese Ressource hat Jesus auch uns eröffnet: Beten für die, von denen ich mich ungerecht behandelt fühle. Aus dieser Ressource heraus will ich agieren! Ich freu mich schon jetzt wieder, wenn das beim nächsten Mal gelingen darf, wenn Gott es gelingen lässt.

Folgender Liedschlager, den ich seit meiner Kindheit kenne, ploppt mir grade auf. Der beschreibt ganz gut was dann im besten Fall passiert und wie gut sich das anfühlt:

Wie ein Fest nach langer Trauer, wie ein Feuer in der Nacht, ein offnes Tor in einer Mauer, für die Sonne auf gemacht. Wie ein Brief nach langem Schweigen, wie ein unverhoffter Gruß, wie ein Blatt an toten Zweigen, ein Ich-mag-dich-trotzdem-Kuss.
Wie ein Regen in der Wüste, frischer Tau auf dürrem Land, Heimatklänge für Vermisste, alte Freunde Hand in Hand. Wie ein Schlüssel im Gefängnis, wie in Seenot Land in Sicht, wie ein Weg aus der Bedrängnis, wie ein strahlendes Gesicht.
Wie ein Wort von toten Lippen, wie ein Blick, der Hoffnung weckt, wie ein Licht auf steilen Klippen, wie ein Erdteil neu entdeckt. Wie der Frühling, wie der Morgen, wie ein Lied, wie ein Gedicht, wie das Leben, wie die Liebe, wie Gott selbst, das wahre Licht.

So ist Versöhnung, so muss der wahre Friede sein.
So ist Versöhnung, so ist vergeben und verzeih’n.

Pfarrer Jens-Daniel Mauer