Sonntagsgruß Reformationsfest 31.10.2021

[29.10.2021]

Liebe Mitglieder und Freund*innen unserer Halleiner Pfarrgemeinde!

„Frei zu sein, bedarf es wenig, nur wer frei ist, ist ein König.“ – so lautet eine neuere Fassung eines Kanons aus dem 19. Jahrhundert. Er spiegelt das Lebensgefühl von Menschen des 21. Jahrhunderts wider, denen ihre individuelle Freiheit extrem wichtig ist. Man möchte möglichst wenig eingeschränkt werden oder Verpflichtungen übernehmen, träumt von Reisen durch unberührte Landschaften oder dem eigenen Haus im Grünen. Viele Werbungen suggerieren Freiheit, wenn man nur dieses oder jenes Produkt kaufe und gebrauche.

Aber bin ich im Alltag wirklich so frei? Ich meine jetzt nicht die Einschränkungen während der Corona-Pandemie, sondern eher die Verpflichtungen in Beruf, Familie etc., das, was ich zu bewältigen habe, meine in ein Zeit-Korsett eingespannte Woche. Auch die Freiheit des Autofahrens ist – zum Glück – durch Verkehrsregeln begrenzt. Denn meine Freiheit muss ja immer auch mit der Freiheit anderer zusammenstimmen.

Der Apostel Paulus schreibt in seinem Brief an die christliche Gemeinde in Galatien über die Freiheit, allerdings in religiösen Fragen, und behauptet sehr pointiert: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Galater 5,1)

Im Anschluss an Jesus, der alle religiösen Regeln dahin relativiert hat, dass sie keinen Eigenwert an sich haben, sondern stets dem Menschen und seinem Wohl dienen müssen, macht Paulus klar, dass ich im Blick auf Gott keine Gesetze einhalten muss. Ja, noch schärfer, wenn ich meine, durch das Befolgen von religiösen Geboten vor Gott besser da zu stehen, dann habe ich den entscheidenden Punkt des Christseins „verspielt“.

Für Paulus ist klar: Gott nimmt mich an – auch als eine*n, der oder die nicht alles richtig macht, der*die immer wieder auf sich selbst, seinen Nächsten und auch Gott vergisst. Gottes Liebe und Gerechtigkeit brauche und kann ich mir nicht erarbeiten durch gute Taten oder das Befolgen religiöser Vorschriften! Dabei kann ich nur scheitern. Doch in Jesus Christus beschenkt mich Gott mit seiner Liebe, schaut mich mit barmherzigen Augen an.

Das macht mich frei! Wenn ich in diesem Vertrauen auf Gott lebe, in Christus bin, fällt der religiöse Druck von mir ab. Martin Luther hat das ganz existenziell erfahren und sich deshalb als der Befreite (Eleutherius) bezeichnet und seinen Nachnamen von Luder auf Luther abgewandelt.

Ich wünsche mir uns und uns zum heurigen Reformationstag, dass diese innere, religiöse Freiheit mir auch Freiraum schafft in meinem alltäglichen Leben. In dem Wissen, mein Wert hängt nicht an meiner Leistung oder meinem Aussehen, kann ich Überforderungen und Modetrends ablehnen, brauche nicht überall mitzumachen, darf auch mal Nein sagen. Die innere Freiheit macht mich gelassener und zuversichtlicher – auch in den Auf und Abs unserer Zeit.

So lautet mein Lied: „Frei zu sein, bedarf es Glauben, nur wer Gott glaubt, hat das Leben.“

Euer Pfarrer Peter Gabriel

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