Sonntagsgruß zum 15. Mai 2022

[13.05.2022] Sonntag Kantate

Liebe Mitglieder und Freund*innen unserer Halleiner Pfarrgemeinde!

Als Kind habe ich wenig gesungen und Musik gehörte nicht gerade zu meinen Lieblingsfächern. Das änderte sich, als ich mich nach der Konfirmation in meiner Pfarrgemeinde engagierte. Da wurden im Gottesdienst und in der Jugendgruppe traditionelle und neuere christliche Lieder gesungen. Die wichtigste Gruppe war ein Jugend-Psalmchor, mit dem ich jeden Sonntagmorgen in gregorianischer Weise einen Psalm im Gottesdienst vorgetragen habe.

So sind mir viele Lieder über die Jahre vertraut geworden, ich singe gern – wenn auch nicht immer richtig, oft auch für mich allein am Fahrrad oder unterwegs. Singen ist für mich zu einem ganz wichtigen Ausdruck meines christlichen Glaubens geworden. Viele Lieder geben mir Kraft und Trost, manche berühren mich mit ihren Bildern so sehr, dass ich feuchte Augen bekomme.

Die Bibel ist voller Geschichten, wo Menschen singen und mit ihrem Gesang Gott loben oder auch ihre Not und ihre Angst Gott entgegensingen.

Die Psalmen sind ein wundervolles Liederbuch, in dem viele menschliche Lebenssituationen singend Gott hingelegt werden. Aber es gibt auch die Lieder von Miriam, der Schwester von Mose, das Magnifikat von Maria, der Mutter Jesu, oder der Gesang der Kinder im Tempel.

In der Apostelgeschichte wird erzählt, wie Paulus und Silas im Gefängnis beten, Gott loben und laut singen. Dadurch geschehen gleich mehrere Wunder: die Gefängnistüren öffnen sich und der Kerkermeister findet zum Glauben an Jesus Christus.

Für mich ist diese Geschichte ein Beleg für das Psalmwort dieses Sonntags Kantate: „Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.“ (Psalm 98,1)

Ja, Singen verändert mich und die Welt. Singen schenkt neue Kraft und ermutigt. Ganz ähnlich haben es die Menschen im Baltikum erlebt, als sie gegen die russische Unterdrückung und das Verbot, estnische, lettische oder litauische Lieder zu singen, „ansangen“ und letztlich durch diese „singende Revolution“ die Unabhängigkeit der Baltischen Staaten erreichen konnten. Für mich ein Wunder, ein Geschenk Gottes.

Auch ich habe guten Grund, Gott zu loben, ihm auch singend dafür zu danken, womit er mich in meinem Leben beschenkt, wie er mich bisher geführt und behütet hat, wie sich vieles auf wunderbare Weise immer wieder fügt.

Das Psalmwort macht mir Mut, auf immer wieder neue Weise Gott zu loben und ihm singend Danke zu sagen. So schätze ich die seit Jahrhunderten vertrauten Lieder, freue mich aber auch immer wieder darüber, neue Lieder zu lernen, auf neue Weise, in der heutigen Sprache Gott zu loben – und habe hohe Achtung vor Menschen, die Lieder dichten und Melodien ersinnen.

Eine Kirche, ein Gottesdienst, ja mein Leben ohne Musik und Gesang – das kann ich mir nicht unvorstellen!

Euer Pfarrer Peter Gabriel