Sonntagsgruß zum 29. Mai 2022

[27.05.2022]

Liebe Mitglieder und Freund*innen unserer Halleiner Pfarrgemeinde!

Der kommende Sonntag „Exaudi“ verdankt seinen Namen dem Wochenpsalm 27, Vers 7: „HERR, höre meine Stimme, wenn ich rufe“. Mit den vorgeschlagenen Bibeltexten wendet er sich der Spannung zu, den die ersten Christen nach Christi Himmelfahrt und vor dem Pfingstereignis aushielten. Jesus hatte seinen Geist verheißen, doch dessen Kraft war noch nicht zur Gänze wirksam geworden – eine gemeinsame Zeit des Wartens mit viel Beten (nachzulesen in Apostelgeschichte 1).

Wir leben lange Zeit nach dem ersten Pfingsten, Gottes Geist hat über die Jahrhunderte enorme Wirkung entfaltet. Auch in meinem Leben durfte ich seine Spuren wahrnehmen. Und doch: Ich empfinde immer wieder eine Art Spannung, der ich ähnlichen Charakter zuschreibe, wie jene der ersten Christen damals.

Lebensherausforderungen, in denen ich mich frage, wo denn diese Kraft des Geistes nun ist, die mir Trost, Erkenntnis, Geduld und Nächstenliebe verleiht. Ich möchte das als Spannung zwischen Verheißung und Erfüllung, zwischen geglaubter und erlebter Wirklichkeit bezeichnen. Paulus hat ein wertvolles Wort-Bild gemalt, das mir hilft, mit dieser Spannung umzugehen, Römerbrief 8, Verse 26-28:

„Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen. Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er tritt für die Heiligen ein, wie Gott es will.“

Die Formulierung „mit unaussprechlichem Seufzen“ gefällt mir. Unaussprechlich heißt ja nicht, dass es unverständlich ist. Vielmehr deutet es darauf hin, viel tiefer als jedes Wort zu gehen, erheblich Intensiveres auszudrücken. Ich denke an das Phänomen beim Geplapper eines Babys: Es unterhält sich mit uns, sehr intensiv. Es kann keine Worte formen, sie sind noch unaussprechlich. Doch wenn wir das Baby kennen und lieben, dann „verstehen“ wir, welche Bedürfnisse durch sein Geplapper zum Ausdruck kommen und das geht viel tiefer, als hätte es dafür die korrekten Worte.

Gott kennt und liebt uns, ich glaube, wie kein anderer! Deshalb will und wird er unsere Herzen erforschen, ausrichten und leiten – zu unserem Besten, wie Paulus es im folgenden Vers 28 bekennt. Dessen darf ich mir vor allem in meinen schwachen Momenten bewusst werden: Gottes Geist erfasst meine tiefen Bedürfnisse und wird mich durch die Spannungen zwischen geglaubter und erlebter Wirklichkeit hindurchbegleiten. Er wird auch mich und Dich immer wieder ein persönliches Pfingstwunder erleben lassen.

Gemeinsam darauf betend zu warten,
wünscht Pfarrer Jens-Daniel Mauer