Sonntagsgruß zum 26. Juni 2022

[24.06.2022]

Liebe Mitglieder und Freund*innen unserer Halleiner Pfarrgemeinde!

Eine Woche Studienfahrt mit meinen Kolleginnen und Kollegen aus dem Vikariat liegen hinter mir. Es waren sieben schöne Tage in Deutschland. Wir haben uns so genannte „Projektgemeinden“ angeschaut, die in die Zukunft der evangelischen Kirchen weisen könnten. Manche Projekte waren atemberaubend und spannend, bei anderen habe ich mich ernsthaft gefragt, ob das überhaupt noch etwas mit Kirche zu tun hat. Mit diesen Eindrücken kehre ich heim. Und ich bin reicher geworden: Reicher an Ideen für meinen künftigen Pfarrdienst, aber leider auch reicher an Gewicht. Wenig Bewegung, dafür aber viel Speis und Trank. Meine Waage hat schon einmal bessere Zahlen gesehen.

„Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“

Johannes der Täufer hat diesen Satz gesagt, um deutlich zu machen, dass Jesus mehr Gewicht hat als er selbst. Dabei handelt es sich nicht um ein selbstentwickeltes Ernährungscoaching. Das wäre beim Täufer auch eine seltsame Sache gewesen. Schließlich war Johannes ein Mensch, der sich nur von Heuschrecken und wildem Honig ernährte. Was hätte er machen müssen, wollte er abnehmen? Wären es nur mehr die Ameisen und Spinnen gewesen, die er verzehren hätte dürfen? Auf die Diät hat es der Täufer nicht abgesehen. Gott sei Dank! So kann ich meine paar Kilos weiter behalten.

Der Täufer wollte auch nicht Jesus dazu ermutigen, seinem Ruf als „Fresser und Weinsäufer“ (Matthäus 11,19) bei den Menschen weiter zu festigen. Kein: „Iss noch ein bissl was“, ist damit gemeint. Das Gewicht hat viel mehr eine metaphorische Bedeutung. Johannes, der Prophet, hat das seine getan, er hat seine Umgebung auf Jesus vorbereitet. Seine Zeit ist gekommen, den Stab an Jesus weiterzugeben. Eine neue Zeit bricht an, ein Epochenwechsel findet statt.

In den letzten Monaten und Jahren gab es in unserem Land viele epochale Wechsel. Ich erinnere mich an junge Aufsteiger, ich erinnere mich an Aufbrüche, ich erinnere mich an kollektiven Rückzug in die eigenen vier Wände und ich erinnere mich an sicherheitspolitische Neuordnungen. Verheißungsvolle Aufbrüche sind es wohl nicht gewesen, es waren mehr Notwendigkeiten oder leere Versprechungen. Umbrüche haben aber nicht nur etwas mit Unannehmlichkeit zu tun, sie bieten stets die Chance, Dinge zu verändern und neues zu wagen. Ich sehe mich gerade dazu berufen, neue Schritte zu gehen. Nicht trotz, sondern wegen dieser Zeit. Mein Glaube beflügelt mich zu dieser inneren Einstellung. Und dieser Glaube speist sich daraus, dass ich Gottes Wort der Hoffnung mehr Gewicht gebe. Abnehmen sollen meine Zweifel und Ängste. Leichter gesagt als getan, aber ich versuche, mein „Training“ aufrechtzuerhalten.

Trainieren Sie mit mir mit und starten Sie glaubensfit in die neue Woche,
Euer Vikar Thomas Müller