Sonntagsgruß zum 11. September 2022

[09.09.2022]

13. Sonntag nach Trinitatis

Liebe Mitglieder und Freund*innen unserer Halleiner Pfarrgemeinde!

Als Jugendlicher hat mich in der Heilig-Geist-Kirche meiner Delmenhorster Heimatgemeinde der große Wandbehang eines einheimischen Künstlers beeindruckt – er stellt barmherziges Handeln dar, wie Jesus es aufzählt: Hungrige speisen, Durstige erfrischen, Fremde beherbergen, Nackte bekleiden, Kranke und Gefangene besuchen.

Diejenigen, die für andere da sind und genau damit im Sinne Gottes handeln, merken in der Erzählung Jesu aber gar nicht, was sie getan haben – denn es war und ist für sie selbstverständlich, gehört einfach zu ihrem Mensch- und Christsein dazu.
Doch Jesus macht deutlich, dass sie nicht nur ihren Nächsten, sondern Gott einen Dienst erwiesen haben. So lautet das biblische Wort für diesen Sonntag und die neue Woche aus dem Matthäusevangelium (Matthäus 25,40b): „Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“

Diese Aussage in der Mitte der Erzählung vom Weltgericht wird oft als Drohung verstanden. Wer nicht im Sinne Gottes handelt, der wird am Ende verdammt. Ich lese es dagegen vor allem als Ermunterung, mich immer wieder neu einzuüben in dieses selbstverständliche, unaufgeregte Dasein für andere. Ein Tun, das nicht überlegt, sondern mit allen möglichen Kräften versucht, Not zu lindern.

So nehme ich folgende Impulse aus der Ansage Jesu für mich mit in die neue Woche: In jedem Menschen, besonders demjenigen, der Not leidet, begegne ich Jesus Christus und Gott. Spiritualität, Gottes Nähe und Erfahrung wird hier anders verstanden als oft in unserer Zeit. Da heißt es, Gott bin ich in der Natur am nächsten. Oder Menschen gehen in die Meditation, suchen Gott in besonderen geistlichen Erlebnissen.
Jesus öffnet mir die Augen, im leidenden oder bedürftigen Nächsten Gott zu erkennen und im helfenden Tun Gottes Liebe zu verwirklichen.
So macht mir der Wochenspruch Mut, immer wieder neu sehen und hören zu lernen: Menschen mit besonderen Bedürfnissen, in Bedrängnis, in Verzweiflung.

Spannend finde ich, dass Jesus nicht die Schuldfrage stellt, also ob derjenige nicht selber verantwortlich ist für seine Misere. Auch entwirft Jesus kein Programm für eine grundsätzliche Veränderung der Verhältnisse.
Beides hat sicher auch seine Berechtigung und ist gut und nötig.

Doch Jesus fordert mich auf, wie er selbst es getan hat, zuallererst den konkreten Menschen in Not wahrzunehmen und mich ihm zuzuwenden.

So für andere Menschen da zu sein, diakonisch im Sinne Jesu zu handeln – das möge mich durch die neue Woche leiten.

Euer Pfarrer Peter Gabriel