Sonntagsgruß 1. Sonntag nach dem Christfest

[26.12.2020]

Liebe Mitglieder unserer Halleiner Pfarrgemeinde!

„Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ (Joh 1,14b – Wochenspruch).

Zu Johann Sebastian Bachs Zeiten gab es 3 Weihnachtsfeiertage. Also war der 27. Dezember der 3. Weihnachtsfeiertag. Und als wollte er den Glanz von Weihnachten möglichst lange festhalten, hat Bach dafür herrliche, festliche Musik komponiert – z.B. den 3. Teil des Weihnachtsoratoriums oder die Kantate „Ich freue mich in dir“ BWV 133 (hört sie euch an: https://www.youtube.com/watch?v=Uacp12VRxyI).

An diesem Sonntag würden wir euch in der Kirche die Geschichte von Simeon und Hanna erzählen (Lk 2,22-40). Sehr merkwürdig, wo diese beiden betagten Menschen die Herrlichkeit Gottes entdecken: Als Maria und Josef nach dem jüdischen Gesetz ihr Baby Jesus in den Jerusalemer Tempel bringen, nimmt Simeon es auf seine Arme. Er erkennt in dem Kleinkind den Christus und preist Gott. Ebenso fängt Hanna an, prophetisch über dieses Kind zu reden, ausgerechnet Hanna, eine 84jährige Witwe, die nur 7 Jahre ihres Lebens verheiratet war. Die Loblieder, die Simeon und Hanna sangen, haben sicher sehr anders geklungen als die Musik Bachs. Und doch kann niemand stumm bleiben, der der Herrlichkeit Gottes begegnet.

Was hat Hanna vielleicht alles an Ausgrenzung und Armut erfahren – jahrzehntelang als Witwe zu leben war im damaligen Umfeld ein schweres Los. Vielleicht war der Tempel, „von dem sie nicht wich“ (Vers 37), ihr einziger Schutzraum. Und was hat Simeon vielleicht schon alles an Gewalt und Willkür erlebt im damaligen Israel unter römischer Besatzung, für das er „auf den Trost wartete“ (Vers 25). Und sie finden Gottes Herrlichkeit in diesem wehrlosen Kind.

Nur wer sich der Gewaltlosigkeit Gottes hingibt, wird seine Herrlichkeit schauen – nicht wer die „erhöhte Verteidigungsbereitschaft Europas“ fordert und dafür Milliarden ausgibt. Nur wer sein Herz dem göttlichen Kind öffnet, wird erfahren, dass ein gemeinsames friedliches Leben möglich ist – nicht wer das Wort Barmherzigkeit aus seinem Wortschatz gestrichen hat und selbst angesichts der Tragödien von Kindern in griechischen Flüchtlingslagern stur an seinem Abschottungskurs festhält.

Ich wünsche euch einen gesegneten Sonntag voller „Licht zur Erleuchtung“ (Vers 32).

Peter Pröglhöf