Sonntagsgruß 3. Sonntag nach Epiphanias

[22.01.2021]

Liebe Mitglieder unserer Halleiner Pfarrgemeinde!

Wenn sich die Herrlichkeit Gottes offenbart, bleibt nichts wie es war. Dieser Gedanke setzt sich an den Sonntagen nach Epiphanias fort: MIT Gott und durch IHN kommt Veränderung in die Welt, etwas Neues kann geschehen – die Vollendung aber steht noch aus. Der Wochenspruch fasst das zusammen:

Viele werden kommen aus Ost und West und aus Nord und Süd. Und sie werden zu Tisch sitzen im Reich Gottes.

An diesem Sonntag geht es um das Thema „Grenzen überschreiten.“ Dabei ist das alles anders als leicht, besonders wenn es um die eigenen Grenzen geht. Der biblische Spruch „Bleib im Land und nähre dich redlich“ hat einen Unterton, bei dem sich viele nicht wohlfühlen. Gab es doch immer schon Menschen, die es im eigenen Land schwer hatten, die freiere Luft atmen wollten, die gegen die Herrscher opponierten und deshalb fliehen mussten. Nicht nur in Europa sind Emigranten seit Jahren schlecht angesehen. Sie waren es auch im Israel des Alten Testaments. Man fürchtete z.B. um die Reinheit der jüdischen Religion, des Landes und des Einzelnen. Auf dieser dunklen Folie beginnt die kleine Geschichte von Rut zu leuchten.

Wegen einer Hungersnot ist sie mit ihrer Familie nach Moab ausgewandert und ist dort freundlich empfangen worden. Sie gibt die Sicherheit des eigenen Volkes auf und zieht mit der Schwiegermutter Noomi in die Fremde. Wer weiß denn schon, wie es ihr dort geht, ohne Mann und ohne Verwandtschaft?

Für den Verfasser des Buches Rut ist klar: Gefühle sind wichtiger als Grenzen oder Volkszugehörigkeit. Liebe überwindet Grenzen, notfalls auch die der Religion. Es braucht nicht unbedingt die Liebe zwischen Mann und Frau, es können auch 2 Frauen sein, die sich die Treue versprechen. Sie stehen einander bei, in guten wie in schlechten Zeiten. Beide, Rut und Noomi brauchen einander und die Geschichte geht deshalb so gut aus, weil sie Zusammenhalten. Ihre Gemeinschaft wird mit eindringlichen Worten charakterisiert: „Wo du hingehst, da will auch ich hingehen und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch; da will ich auch begraben sein. Der Herr tue dies und das; nur der Tod wird dich und mich scheiden.“ (Rut 1,16 f)

Im Buch Rut ist an keiner Stelle die Rede von Angst gegenüber dem Fremden. Bei uns scheint das anders zu sein. Wir wissen es mit dem Verstand und doch bleibt es unendlich mühsam, für Migranten Geduld aufzubringen, freundlich zu sein, Vorurteile zu hinterfragen, ihren Kindern die „neue“ Sprache zu vermitteln und zu helfen, sich im Alltag zurechtzufinden. Ein Fürbittgebet spricht es aus, was ich, von Rut angeregt, weiterlernen will: „Wo du bist, Gott, zählen Geschlecht, Hautfarbe und Herkunft nicht mehr. Wo du wirkst, Gott, leben Menschen und Kulturen in aller Verschiedenartigkeit miteinander. Wo du bleibst, Gott, verlieren Angst, Vorurteile und Hochmut ihre Macht. Du stellst meine Füße auf weiten Raum, Gott, und ermöglichst mir so, zu leben und frei zu sein. Gib mir die Weite, Gott, dass ich auch anderen Raum gebe, auch wo sie ganz anders sind als ich.“

Ich wünsche euch eine gesegnete Woche!
Euer Hans Siller, Lektor

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