Sonntagsgruß 21. März 2021

[19.03.2021]

Liebe Mitglieder und Freunde unserer Halleiner Pfarrgemeinde!

Es war am 12. April 2020, also vor nicht einmal einem Jahr. Das Wetter am Ostersonntag war ungewöhnlich warm. Kaum Autos fuhren auf den Straßen. Viele Menschen gingen spazieren oder saßen in ihren Gärten. Dieses Ostern wirkte so idyllisch. Familienfeiern konnten zwar nicht stattfinden, dafür hatte die Feier im kleinen Kreis schon etwas Beschauliches und durchaus Schönes. Schauplatzwechsel: Vor dem Altenwohnheimen tummeln sich Familien und Angehörige. Sie stehen vor den Fenstern ihrer Liebsten. Sie winken ihnen zu. Viele Menschen brechen in Tränen aus. Es ist ein herzzerreißendes Bild, das man hier präsentiert bekommt. Besuche dürfen nicht stattfinden, dafür ist die Ansteckungsgefahr einfach zu groß. Die vorhin beschriebene Idylle entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als eine stille Angst, als eine Unsicherheit.

Ein Jahr und zwei Lockdowns später haben wir diese Bilder beinahe schon vergessen. Schutzausrüstung ist in Altenheimen nun ausreichend vorhanden, die Impfungen haben zudem für Erleichterungen gesorgt. Vergessen sollte man diese Bilder aber trotzdem nicht. Sie stehen für das menschliche Mitgefühl, welches in den Pandemiezeiten zu oft von menschlichen Egois- men zugedeckt wird. Wer erinnert sich zum Beispiel an die 53 Wiener Kraftwerksarbeiter, die am 20. März 2020 gemeinsam in die Isolation gingen. Sie waren über Wochen hinweg in Isolation, hatten keinen Kontakt zu ihren Familien. Wer erinnert sich noch an die Pflegekräfte, die sich mit ihren Klientinnen und Klienten wochenlang einen Haushalt teilten? Diese Menschen sahen nicht nur ihre Familie über Wochen nicht, sie waren über Tage nicht in ihrem eigenen Zuhause.

Die Liste der Menschen, die sich hingebungsvoll um andere gekümmert haben, ist lang. Es gab gar nicht so wenige Menschen, die ihr eigenes persönliches Glück zugunsten ihres Dienstes zurückgestellt haben. Und für mich stellt sich im Nachhinein die Frage, ob eine solche Hingabe nicht irgendwie aus der Zeit gefallen ist. Kann ich so eine Hingabe überhaupt annehmen? Der Gedanke, dass sich Menschen freiwillig in Isolation begeben, nur damit ich den Lichtschalter ein- und ausmachen kann, hatte etwas sehr Befremdliches.

Ich denke nicht, dass eine solche Hingabe aus der Zeit gefallen ist. Ich denke, dass hingebungsvolles Handeln in Zeiten einer Pandemie nur für kurze Zeit sichtbarer wird, um gleich danach wieder zugedeckt zu werden. Umso wichtiger empfinde ich es daher, sich an die Taten dieser Menschen in einer angemessenen Form zu erinnern. Und hierin liegt auch der Grund, weshalb ich die jährliche Passionszeit als so wichtig erachte, wo wir uns als Gemeinde intensiv an die Hingabe Jesu erinnern. Zu wissen, dass „mein Erlöser lebt“ (Hiob 19,25), dass sich Jesus für mich hingegeben hat, erliegt sonst allzu gerne dem allgemeinen Vergessen.

Ich wünsche euch eine gesegnete Woche und lade zum gemeinsamen Erinnern ein

Euer Vikar Thomas Müller

 

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