Sonntagsgruß für Sonntag Exaudi

[14.05.2021]

Liebe Mitglieder und Freunde unserer Halleiner Pfarrgemeinde!

Mit dem Beten ist das manchmal so eine Sache. Ich habe es lange Zeit nicht sonderlich ernsthaft verfolgt. Es kam für mich eher dann in Frage, wenn die Not recht groß gewesen war. Abgesehen davon hatte ich viele andere Dinge im Kopf. Wozu lange beten, wenn das Wetter tagsüber recht schön ist und es endlich wieder möglich ist, sich in der Natur irgendwo hinzupflanzen. Auch die Abendstunde war keine gebetsintensive Zeit für mich. Ich zog es des Nächtens eher vor, mir die Innenstädte etwas genauer anzusehen.

Warum aber nun dieser Schwank aus meiner Jugend? Einzig und allein darum, weil Beten ein sehr seltenes Phänomen in unserer Zeit geworden ist. Ich stehe mit meiner Geschichte auch nicht alleine da. Besonders im deutschsprachigen Raum ist das Gebet in der Öffentlichkeit kaum mehr präsent. Vielleicht, weil das Gebet einfach zu intim ist? Oder, weil es schlichtweg peinlich ist, darüber zu reden. Über Glaubenssachen spricht man schon nicht gerne, warum also dann vom noch viel „peinlicheren“ beten?

Eigentlich schade, denn man erzählt sich ansonsten recht viel Privates und Intimes. Zumindest trifft das auf den Bereich Internet zu. „Das Gebet ist ein Reden des Herzens mit Gott in Bitte und Fürbitte, Dank und Anbetung.“ Dieses Zitat stammt vom Württemberger Reformator Johannes Brenz. Ein Gespräch mit Gott, wo man seine Anliegen und seine Gefühle schildern kann. Oder wie in Psalm 27 bittend beschrieben wird: „HERR, höre meine Stimme, wenn ich rufe!“

Der Predigttext zum Sonntag ist sozusagen die Absicherung dafür, dass Gott unser Rufen und unsere Stimme hört. Das, was uns bewegt, kommt bei Gott an. Er nimmt es sogar freudig auf:

Aber am letzten, dem höchsten Tag des Festes trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen. Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht.“ (Johannes 7,37–39)

Wenn uns nach Begegnung mit Gott dürstet, dann erhöht das Gebet die Chancen, mit Gott in Kontakt zu kommen. Beten verändert den Menschen. Das Gebet bietet Perspektive, wo wir keine vermuten, und es bietet Leben, wo wir nur das Ende sehen. Als ich das für mich erfahren durfte, war das für mich etwas sehr Befreiendes und Wohltuendes. Und zugleich weiß ich: Es ist auch in Ordnung, wenn ich nicht immer Zeit für mein Gebet finde. Nicht immer dürstet es mich danach. Aber wenn meine Seele eine Erfrischung braucht, dann nimmt Gott mein Gebet wahr.

Ich wünsche euch eine gesegnete Woche und viele Momente der Stärkung!

Euer Vikar Thomas Müller

Der Sonntagsgruß als pdf-Datei zum Nachlesen und Ausdrucken