Sonntagsgruß für 27. Juni 2021

[25.06.2021]

Liebe Mitglieder und Freund*innen unserer Halleiner Pfarrgemeinde!

„Wie du mir, so ich dir!“ – nach diesem Grundsatz handeln viele Menschen. Ich will doch nicht auf mir sitzen lassen, was jemand mir angetan hat. So wehre ich mich, zahle mit selber Münze heim, vergelte Gleiches mit Gleichem. Und werde damit doch nicht glücklich, denn das erlittene Unrecht wurmt mich weiter. Nun ist auch noch mein unrechtes Tun dazu gekommen…

„Wie Gott mir, so ist dir!“ – das ist für mich der Grundsatz der Bibel und die Quintessenz aus der biblischen Geschichte dieses Sonntags.
Sie steht am Ende der langen Erzählung von Josef und seinen Brüdern (1.Mose 50,15-21). Auf der Suche nach Nahrung sind die 11 Brüder schließlich beim Verwalter des Pharao gelandet. Als der Vater Jakob stirbt, fürchten die Brüder, Josef könnte sich nun an ihnen für all das erlittene Unrecht rächen. In ihrer Furcht trauen sie sich nicht einmal persönlich zu ihm, sondern schieben eine erfundene Bitte des Vaters vor, Josef solle ihnen vergeben.

Doch Josef durchbricht den Teufelskreis der Vergeltung und rückt die Verhältnisse zurecht. Würde er ihnen vergeben, bliebe das „schiefe“ Verhältnis der Geschwister mit dem besonderen Bruder ja gerade bestehen. Zudem würde er sich damit an Gottes Stelle setzen, denn welcher Mensch kann wirklich die Schuld oder das

Verbrechen, dass jemand an ihm (oder anderen) begangen hat, tragen, aufheben oder gar vergeben?

So antwortet Josef: „Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt?“

Er hat erkannt: Gott allein ist der, der Vergebung schenken und einen Neuanfang bewirken kann. Gott nimmt das Schuldigwerden der Brüder, aber auch Josefs Eitelkeit und die Bevorzugung, die der Vater ihm zu Teil werden ließ, auf sich – und stellt allem seine vergebende Barmherzigkeit entgegen.

Josef hat gelernt, mit Gottes Augen auf seine Lebensgeschichte zu schauen. Letztlich zählt gar nicht all das Böse, dass sie sich gegenseitig angetan haben, sein Leiden unter dem Unrechttun seiner Brüder, sondern das Ergebnis! Dadurch, dass er in Ägypten gelandet ist, wird nun die ganze Familie vor dem Hunger gerettet, ja geht Gottes Geschichte mit dem aus Abraham entsprungenen Volk weiter. So bekennt Josef: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“

Ich möchte von Josef lernen, mich der Rache und auch der rächenden Gedanken zu enthalten, nicht die Schuld der anderen, sondern eher meine eigene zu sehen, und alles Gott und seiner Vergebung anheim zu stellen.

Ich möchte Gottes Liebesgeschichte mit uns Menschen sehen lernen, dass er – auch durch Unrecht und Leid – letztlich das Gute für mich und alle Menschen will.

So wünsche ich mir den Mut, auszusteigen, der Liebe zu vertrauen und der Furcht Adé zu sagen!

Euer Pfarrer Peter Gabriel

Der Sonntagsgruß als pdf-Datei zum Nachlesen und Ausdrucken