Sonntagsgruß für 4. Juli 2021

[02.07.2021]

Liebe Mitglieder und Freunde unserer Halleiner Pfarrgemeinde!

Wie kann man nur in einer Welt wie dieser an Jesus Christus glauben? Oder wie kann man überhaupt an ein göttliches Wesen glauben? Dieser Tage fällt das wieder einmal besonders schwer. Erst am vergangenen Wochenende sind wir in Österreich von einer Wahnsinnstat erschüttert worden. In Wien-Donaustadt wurde ein 13-jähriges Mädchen unter Drogen gesetzt, im Rauschzustand mehrfach vergewaltigt, anschließend ermordet und wie ein „Wegwerfprodukt“ am Straßenrand „abgelegt“. Festgenommen wurde unter anderem ein „subsidiär Schutzberechtigter“, wie es im Beamtensprech heißt.

Die Tat lässt niemanden kalt, auch mich nicht. Wie können Menschen so etwas tun? Man hat das Gefühl, dass sich diese Geschichte wie ein weiteres Puzzleteil in ein Gesamtbild unserer verkommenen Welt einfügt. Eine Welt, die nach und nach immer gefährlicher und ungemütlicher zu werden scheint. Angesichts solcher Geschichten verlieren Menschen ihre Hoffnung. Dass man trotz solcher Momente seinen Glauben behält, erachten viele Menschen zunehmend als Torheit, gar als Zumutung. Warum greift Gott in solchen Momenten nicht ein? Warum setzt er den Menschen keine klaren Zeichen, um künftig solche schlimmen Taten zu verhindern? Wenn es Gott gibt, dann muss er doch etwas dagegen tun.

Ich weiß, es sind ein bisschen viel schwere Fragen für einen Sonntagsgruß. Daher kommen auch keine weiteren vor. Eine Antwort dagegen bietet Paulus in seinem 1. Korintherbrief, im ersten Kapitel:
Gott spricht: »›Ich will zunichtemachen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.‹ Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?«

Man mag an den täglichen Berichten verzweifeln, die uns stets weitere Hiobsbotschaften zukommen lassen. Man mag dabei Gott auf die Anklagebank setzen und bei ihm nachfragen, was das eigentlich soll. Man mag Glaube und Hoffnung in die Wüste schicken. Aber mit Verlaub nachgefragt: Lindert eine Glaubensabsage unseren Schmerz? Ich wage „Nein“ zu behaupten. Vielmehr hilft es zu wissen, dass das arme 13-jährige Mädchen nun bei Gott ist und dass ihr Gerechtigkeit zukommen wird. Gott selbst ist das Leid nicht unbekannt – er hat es selbst am Kreuz durchleben müssen. Es hilft, dass Gott selbst im tiefsten Leiden und in der bösesten Situation seine Menschen begleitet. Vielleicht ist es das, was Paulus pathetisch als „Gotteskraft“ bezeichnet bei den Menschen, die glauben und hoffen.

Euer Vikar Thomas Müller

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