{"id":10846,"date":"2022-03-15T21:56:23","date_gmt":"2022-03-15T20:56:23","guid":{"rendered":"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/?p=10846"},"modified":"2022-11-20T16:18:03","modified_gmt":"2022-11-20T15:18:03","slug":"ich-muss-es-nicht-glauben-ich-hab-es-erlebt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/?p=10846","title":{"rendered":"Ich muss es nicht glauben, ich hab es erlebt"},"content":{"rendered":"<p>[15.03.2022] [Update 16.03.2022]<\/p>\n<p>Guter Neustart f\u00fcr die Fastenaktion der Halleiner Pfarrgemeinden nach der coronabedingten Zwangspause.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-10844 size-large\" src=\"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/andrea_leisinger_fa2022b-1024x883.png\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"883\" srcset=\"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/andrea_leisinger_fa2022b-1024x883.png 1024w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/andrea_leisinger_fa2022b-600x517.png 600w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/andrea_leisinger_fa2022b-300x259.png 300w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/andrea_leisinger_fa2022b-1536x1324.png 1536w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/andrea_leisinger_fa2022b-2048x1766.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/>Andrea Leisinger stellte dem interessierten Publikum im Pfarrzentrum Hallein-Rif die Philisophin Simone Weil vor. Ganze 90 Minuten lauschte das Publikum konzentriert den sehr gut aufbereiten Informationen \u00fcber diese &#8222;Querdenkerin der Neuzeit&#8220;.<\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\"><em><strong>\u201eDie Autorin liegt mir auf der Seele wie eine Prophetin; es ist der Literat in mir, der Scheu vor ihr hat; es ist der potentielle Christ in mir, der sie bewundert, der in mir verborgene Sozialist, der in ihr eine zweite Rosa Luxemburg ahnt; der ihr durch seinen Ausdruck mehr Ausdruck verleihen m\u00f6chte. Ich m\u00f6chte \u00fcber sie schreiben, ihrer Stimme Stimme geben, aber ich wei\u00df: ich schaffe es nicht, ich bin ihr nicht gewachsen, intellektuell nicht, moralisch nicht, religi\u00f6s nicht. Was sie geschrieben hat, ist weit mehr als , Literatur wie sie gelebt hat, weit mehr als ,Existenz&#8216;.<\/strong><\/em><\/span><br \/>\n<em><strong><span style=\"color: #0000ff;\">Ich habe Angst vor ihrer Strenge, ihrer sph\u00e4rischen Intelligenz und Sensibilit\u00e4t, Angst vor den Konsequenzen, die sie mir auferlegen w\u00fcrde, wenn ich ihr wirklich nahe k\u00e4me. In diesem Sinne ist sie nicht , Literatur als Gep\u00e4ck&#8216;, aber eine Last auf meiner Seele. Ihr Name: Simone Weil.&#8220;<\/span> (Heinrich B\u00f6ll)<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Nachstehend ein Auszug aus dem interessanten Vortrag; das gesamte Vortragskonzept kann am Ende des Beitrages als pdf-Datei heruntergeladen werden.<\/p>\n<h4>Philosophie und praktisch gelebtes Christentum muss zusammengehen<\/h4>\n<p>Nie h\u00e4tte ich gedacht, dass ich einmal \u00fcber eine Philosophin etwas erz\u00e4hlen werde. Die Philosophie in meinem Theologiestudium war mir nie sehr nahe \u2013 ich habe immer das praktische, gelebte Christentum f\u00fcr mich als das Erstrebenswerte gesehen. Als ich mich aber im Zuge der Vorbereitung mit dieser interessanten Frau besch\u00e4ftigt habe, habe ich gelernt, dass beides zusammengehen muss. Die Philosophie von Simone Weil hat auch immer mit dem Leben zu tun. Das Leben gibt zu denken. Das ist nach wie vor sehr aktuell \u2013 das Denken muss mit dem Leben zu tun haben und dann Fr\u00fcchte bringen. Das Denken hat bei ihr niemals Selbstzweck \u2013 sie setzt sich einer schweren Arbeit in der Fabrik aus um zu verstehen.<\/p>\n<p>Es gibt zum Beispiel eine sch\u00f6ne Geschichte von ihr, dass sie nach der Arbeit in der Fabrik mit den Arbeitern noch philosophiert hat. Die Arbeit ist da, aber die Arbeit ist nicht alles, weil sie immer noch einen Bezug hat.<\/p>\n<p>Simone Weil hat z. B. am Abend, als die Fr\u00e4serei nicht mehr im Betrieb war, in der Werkstatt Vorlesungen gehalten und die Fr\u00e4ser haben ihr zugeh\u00f6rt. Sie hat von Platon erz\u00e4hlt und die Arbeiterinnen und Arbeiter haben dadurch gelernt, dass sie nicht nur Fr\u00e4ser sind, sondern dass es ihnen als Menschen m\u00f6glich ist, sich selber mit ihrem Menschsein auseinanderzusetzen. Dazu braucht es kein Studium \u2013 ein sehr interessanter Ansatz \u2013 auch f\u00fcr uns heute.<\/p>\n<p>Sie prophezeite den Sieg der Nationalsozialisten, erlebte die Gr\u00e4uel des Spanischen B\u00fcrgerkriegs und schuftete in der Fabrik, um die Not der Arbeiter zu verstehen. Simone Weil ging f\u00fcr Ideale \u00fcber Grenzen. Sie h\u00e4tte uns gerade heute viel zu sagen.<\/p>\n<h4>Das Leben von Simone Weil<\/h4>\n<p>Simone wird am 3. Februar 1909 als Adopfine Simone Weil \u00a0in Paris geboren. Ihre Eltern sind Selma und Berhard Weil \u2013 Vater Arzt \u2013 in Paris geboren \u2013 Mutter zuhause \u2013 gut b\u00fcrgerliche Verh\u00e4ltnisse \u2013 Bruder Andr\u00e9. Beide Geschwister bringen eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Intelligenz mit \u2013 beide beginnen im Kindergartenalter schon Texte auswendig zu lernen \u2013 Gedichte zu lernen \u2013 fr\u00fche Begabungen \u2013 Andre wird sp\u00e4ter ein bedeutender Mathematiker \u2013 Simone hat auch eine Ader f\u00fcr Mathematik \u2013 vor allem bedeutsam werden Grimms M\u00e4rchen f\u00fcr sie \u2013 Philosophie ist in den einfachen Menschen oft sehr viel eigener und n\u00e4her als wir das gemeinhin denken.<\/p>\n<h4>Wichtigsten Themen, mit denen sich Simone zeitlebens besch\u00e4ftigte<\/h4>\n<ul>\n<li><strong>Gerechtigkeit<\/strong> &#8211; man erz\u00e4hlt sich, dass Simone schon als Kind eine gro\u00dfe Affinit\u00e4t zur Gerechtigkeit hatte \u2013 sie hat z. B. vom Familienhaushalt St\u00fchle verschenkt, weil andere zu wenig St\u00fchle hatten. Man sp\u00fcrt schon ihre Berufung, n\u00e4mlich sich einzusetzen f\u00fcr Menschen, die weniger haben oder die gar nicht dazu geh\u00f6ren. Die sozialen Fragen werden sie bis zu ihrem fr\u00fchen Tod mit 34 Jahren nicht mehr loslassen.<\/li>\n<li><strong>Sehnsucht<\/strong> \u2013 Nur wenige Menschen leisten sich den Luxus einer echten Sehnsucht. Das ist ein wunderbares Bild und auch ein starkes Thema bei S. Weil und auch mit viel eigener Erfahrung hinterlegt.<\/li>\n<li><strong>Gottesfrage<\/strong> &#8211; Hatte j\u00fcdische Wurzeln und sich dem Christentum zugewandt. Ihr Denken ist immer noch aktuell \u2013 es hat fast etwas \u00dcberzeitliches in sich \u2013 sie stellt in ihren Texten immer wieder die Frage nach dem, was dahinter ist. Nach dem, was bleibt. Nach dem Ewigen. Man muss sich mit dem Ewigen besch\u00e4ftigen, um aktuell zu sein. Die Welt muss immer in dieser Achse \u2013 Hier und Jetzt und der Ewigkeit \u2013 gesehen werden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Simone hat zeit ihres Lebens ein enges Verh\u00e4ltnis zu ihren Eltern \u2013 Mutter ist eher dominant \u2013 erlebt, dass Simone f\u00fcr das allt\u00e4gliche Leben eher ungeeignet ist und die Mutter immer dann wieder da ist, wenn bei Simone wieder etwas schief geht. Die Mutter macht sich gro\u00dfe Sorgen um Simone \u2013 diese Dominanz deuten auch manche als Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis. Simone hatte immer wieder mit Essst\u00f6rungen zu tun \u2013 sie hat sich selber sehr wenig geg\u00f6nnt \u2013 dazu werde ich sp\u00e4ter aus den Textpassagen des Fabrikstagebuches etwas vorlesen.<\/p>\n<p>Der Hunger begleitete sie seit der Pubert\u00e4t \u2013 damals hat man es noch nicht so benannt. M\u00f6glicherweise war es auch eine Geste der Auflehnung gegen diese starke Dominanz der Mutter. Simone w\u00e4chst nicht religi\u00f6s auf \u2013 sie ist eigentlich J\u00fcdin, aber hat zum Judentum kein Verh\u00e4ltnis, wenn \u00fcberhaupt ein negatives. Sie wird sich nie wesentlich damit besch\u00e4ftigen \u2013 doch sie wird im Jahr 1932 nach Deutschland fahren und sich intensiv mit dem aufkeimenden Nationalsozialismus auseinandersetzen. Mit 24 Jahren hat sie die Macht und die Korruption angeprangert. Als J\u00fcdin.<\/p>\n<p>1914 wird der Vater eingezogen\u00a0 und nimmt die Familie an die Front mit\u00a0 &#8211; \u00a0das ist das Umfeld in dem Simone aufw\u00e4chst. Mit 12 Jahren beginnen ihre Kopfschmerzen \u2013 Migr\u00e4neanf\u00e4lle \u2013 man vermutet einen Sportunfall aber vielleicht auch eine Veranlagung, diese Kopfschmerzen sind immer wieder Ausl\u00f6ser daf\u00fcr, dass sie sich Gedanken \u00fcber das Ungl\u00fcck macht.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-10856 alignright\" src=\"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/andrea_leisinger_fa2022c.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"342\" srcset=\"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/andrea_leisinger_fa2022c.png 1636w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/andrea_leisinger_fa2022c-527x600.png 527w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/andrea_leisinger_fa2022c-899x1024.png 899w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/andrea_leisinger_fa2022c-263x300.png 263w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/andrea_leisinger_fa2022c-1348x1536.png 1348w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Simone ist eine sehr sch\u00f6ne junge Frau \u2013 sie selber findet diese Sch\u00f6nheit aber eher l\u00e4stig \u2013 sie kann die Aufmerksamkeit von jungen M\u00e4nnern \u00fcberhaupt nicht brauchen \u2013 sp\u00e4ter wird sie sich deshalb eine dicke Hornbrille zulegen. \u00a0Ihre eigene Person und vor allem ihr K\u00f6rper sind ihr \u00fcberhaupt nicht wichtig \u2013 das wird auch gegen Ende ihres sehr kurzen Lebens dann sp\u00fcrbar. Ihr K\u00f6rper und wie sich kleidete waren f\u00fcr sie totale Nebens\u00e4chlichkeiten.<\/p>\n<p>Nach der Pubert\u00e4t und Jugendzeit entscheidet sie sich f\u00fcrs Philosophiestudium \u2013 Prof. Alain \u2013 Philosophie ist nichts f\u00fcr den universit\u00e4ren Raum, sondern ist dazu da, um das Konkrete des Alltags immer wieder zu hinterfragen. Philosophie muss diesen Raum beackern \u2013 und darf nicht nur ein Hirngespinst sein. Bildung ist nie nur Kopfsache, sondern hat auch mit Herzensbildung zu tun.<\/p>\n<p>Ihr Charakter \u2013 Widerspenstig, energisch, verr\u00fcckt und h\u00f6chst dem\u00fctig und h\u00f6chst arrogant. Es wird erz\u00e4hlt, dass sie einmal einem Philosophie-Professor das Manuskript, von dem er vorlas, aus der Hand genommen hat und selber weiter vorgetragen hat, weil sie der Meinung war, dass der Professor Hegel zu wenig gut darstellte.<\/p>\n<p>Ihre Diplomarbeit hat sie \u00fcber R. Descartes geschrieben, der zu dieser Zeit in Frankreich nat\u00fcrlich omnipr\u00e4sent gewesen ist, aber sie ist dann wieder zur\u00fcck zu Platon gegangen. Auch Kant spielte in ihrem Denken eine gro\u00dfe Rolle.<\/p>\n<p>Ihr Spitzname an der UNI zu dieser Zeit \u2013 &#8222;kategorischer Imperativ im Unterrock&#8220;. Exzentrisch unterwegs \u2013 extrem auffallend wahrgenommen \u2013 wenn Simone etwas behauptet, dann ist das so \u2013 macht es den anderen nicht leicht, sich ihr anzun\u00e4hern. Sie bezeichnet sich selbst in dieser Zeit als Atheistin und Kirche als Institution ist ihr hochverd\u00e4chtig. (Gegen Ende ihres Lebens hat sie einen Wandel erfahren). \u00a0Hohe Ablehnung gegen\u00fcber jeder Form von Kollektiv \u2013 das Kollektiv denkt nicht.<\/p>\n<p>Nach Abschluss des Philosophiestudiums hat sie auch in einem Gymnasium unterrichtet und hat da ihre Unterrichtseinheiten fast immer thematisiert \u00fcber die Zeit. Was hei\u00dft konkret, in dieser Zeit zu leben und hier das Gute zu suchen.<\/p>\n<p>Sie hatte aber nicht nur Freunde \u2013 sie wurde in ihrem Schuldienst fast jedes Jahr versetzt \u2013 sie hat die Arbeiterkinder immer bevorzugt und die b\u00fcrgerlichen Kinder haben die Pr\u00fcfungen nicht bestanden etc. Da konnte sie wahrscheinlich aus ihrer Haut auch nicht heraus. Sie f\u00fchlt sich berufen, als Lehrkraft mit den Arbeitern auf die Stra\u00dfe zu gehen \u2013 versucht sich als Kumpel \u2013 m\u00f6chte das Anliegen der Arbeiter mittragen. Wieder sieht man hier ihre gro\u00dfe Sehnsucht nach der Gerechtigkeit \u2013 ihre F\u00e4higkeit zur Empathie.<\/p>\n<p>Sie hat sich dann freistellen lassen und in verschiedenen Fabriken gearbeitet \u2013 wahrscheinlich lag dahinter ihrer Sehnsucht, dazuzugeh\u00f6ren. Mal so zu sein, wie der Gro\u00dfteil der damaligen Gesellschaft.<\/p>\n<h3>Arbeit in der Fabrik<\/h3>\n<p>Ich lade Euch ein, Euch vorzustellen \u2013 eine junge Frau knapp Mitte 20 \u2013 Studium der Philosophie \u2013 k\u00f6rperlich eher zart und kr\u00e4nklich. Wir befinden uns in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts.\u00a0Warum hat Simone das getan? F\u00fcr unsere heutigen Ohren sehr ungew\u00f6hnlich, f\u00fcr Simone war es normal, denn sie wollte das Leben und den Alltag der Menschen, \u00fcber die sie nachdachte, kennenlernen.<\/p>\n<ul>\n<li>1934 \u2013 1935 in Pariser Metallbetrieben<\/li>\n<li>wollte lernen, nicht dozieren!<\/li>\n<li>Suchte Ursachen f\u00fcr das Scheitern der Arbeiterbewegung<\/li>\n<li>Begegnete in der Fabrik dem modernen Sklaventum<\/li>\n<li>War f\u00fcr sie ein sehr lehrreiches Experiment<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Arbeit hat sie stark besch\u00e4ftigt \u2013 auch heute ist die Arbeit ein sehr starkes Thema \u2013 Kurzarbeit \u2013 keine Arbeit. Sie hat den spirituellen Aspekt der Arbeit betont.\u00a0 Sie macht in der Fabrik tiefste Erfahrungen \u2013 sie schreibt z. B. in ihrem Fabriktagebuch \u2013 ich komme nicht mehr zum Denken. Ich bin so m\u00fcde, dass ich nur daran denke, ob ich am Abend einen Platz in der Metro bekomme und noch ein St\u00fcck Brot zu Hause habe. Es war eine brutale und harte Arbeitswelt in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts. In ihrem Tagebuch steht z. B. Ich habe das Lachen verloren vor lauter Ersch\u00f6pfung. Und dem gegen\u00fcber steht dann aber wieder \u2013 wenn ich den liebevollen Blick eines Kollegen nach getaner Arbeit gesp\u00fcrt habe, dann habe ich gewusst, dass es Sinn macht. Freundschaft ist ein hohes Gut.<\/p>\n<p>Sie musste die Arbeitsstellen wechseln, weil sie z. B. die Akkordzahl nicht erreicht hat. Sie war sehr schw\u00e4chlich und hat nicht so viel geschafft. Ihr Thema ist die st\u00e4ndige Erniedrigung \u2013 auch nicht mehr sein als die Anderen.<\/p>\n<p>Ihr Fabriktagebuch z\u00e4hlt heute zu den wichtigsten politischen Dokumenten jener Epoche. Neben der Fabrikarbeit besch\u00e4ftigt sich Simone mit den Themen der industriellen Arbeitsorganisation und der Gewerkschaftsbewegung. Es gibt kein vergleichbares St\u00fcck politischer Literatur aus der Arbeitswelt zu jener Zeit.<\/p>\n<p>Nach der Arbeit in der Fabrik kehrt sie phasenweise in den Schuldienst zur\u00fcck, aber nie mehr mit einer fixen Anstellung und sp\u00e4ter dann auch, weil sie als J\u00fcdin keine Arbeitserlaubnis mehr hatte.<\/p>\n<p>Zu Lebzeiten war Simone Weil in Frankreich nur einem kleinen Kreis bekannt doch schon kurz nach ihrem Tod verbreiteten sich ihre Schriften rasant. Ihre philosophischen, sozialkritischen und politischen Ideen z\u00e4hlen zu den wichtigsten des 20. Jahrhundert.<\/p>\n<p>Als Simone am 24. August 1943 im englischen Exil starb, nahmen nur wenige Menschen davon Notiz. Einer von ihnen war Dr. Bennett, der die Franz\u00f6sin vier Monate vorher gegen ihren Willen in das Middlesex-Hospital bringen lies, in dem er t\u00e4tig war. Er fand Simone zuvor in einer Dachkammer am Boden liegend und es gen\u00fcgte ein Blick und er wusste: Hier hat sich ein Drama pers\u00f6nlicher Art abgespielt. Seine Patientin hatte hohes Fieber, war beinahe verhungert und so geschw\u00e4cht, dass sie im Krankenbett kaum aufrecht sitzen konnte. Beide Lungenfl\u00fcgel waren von Tuberkulose befallen \u2013 Simone rebellierte aber gegen jede Art von Behandlung. Sie wehrte sich gegen die Verlegung in ein Einzelzimmer, man musste sie mit der Notl\u00fcge, sie sei ansteckend, \u00fcberlisten. Da sie nicht a\u00df, f\u00fctterten die Krankenschwestern sie wie ein Kind. Sie dankte es dem Personal aber nicht sondern wurde immer ver\u00e4rgerter. Dr. Bennett gab schlie\u00dflich auf und erkannte, dass Simone sich selber zu Tode hungern wollte.<\/p>\n<p>Beim Begr\u00e4bnis von Simone waren nur 8 oder 9 Menschen anwesend \u2013 eine davon war ihre Zimmervermieterin.<\/p>\n<p>In ihrem Totenschein steht \u2013 die Verstorbene hat sich selber get\u00f6tet, in dem sie sich in einem Zustand geistiger Verwirrtheit weigerte, zu essen.<\/p>\n<h4>Simone und die Gottesfrage<\/h4>\n<p>F\u00fcr Simone stellt sich die Gottesfrage anfangs nicht \u2013 sie ist der Meinung, dass uns als normalen Menschen die Voraussetzungen fehlen, diese Frage reell zu beantworten.<\/p>\n<p>Wohl aber hatte sie eine Vorstellung von Gott \u2013 sie konnte sich nicht vorstellen, dass ein Gott sich ein besonderes Volk ausw\u00e4hlt. Sie konnte sich auch nicht vorstellen, dass es ein Gott ist, der Kreuzz\u00fcge veranlasst. Vom AT hat sie Hiob sehr gerne gehabt. Hiob gibt keine Antwort \u2013 ich bin ja blo\u00df ein Mensch. Ihr Verst\u00e4ndnis ist ein universales Verst\u00e4ndnis. Sie ist in Frankreich aufgewachsen und ist sicher christlich assimiliert. Sie spricht von sich selber \u2013 ich habe ein christliches Selbstverst\u00e4ndis \u2013 Inkarnation \u2013 Menschwerdung Gottes \u2013 das ist ihr sehr nahe gewesen. Sie suchte einen Gott, der eine Weite hat, der allumfassend ist. Der sich nicht in Schubladen stecken lie\u00df.<\/p>\n<p>Ich kann nur in dieser Zeit Aussagen \u00fcber die Gottesfrage machen. Das ist auszuhalten. Dieses Warten \u2013 attent \u2013 auf ein Zeichen aus der anderen Welt \u2013 diese Gelassenheit und Achtsamkeit ist heute nach wie vor sehr aktuell.<\/p>\n<h4>3 entscheidende Begegnungen mit dem Christentum<\/h4>\n<ol>\n<li>Die eine Begegnung geschieht in Portugal \u2013 sie ist dort mit ihren Eltern, um sich k\u00f6rperlich und seelisch zu erholen \u2013 sie erz\u00e4hlt von einer Erfahrung: Sie ist alleine in einem portugisischen Dorf unterwegs und erlebt dort eine Fronleichnamsprozession \u2013 von einfachen Fischern, die am Meer entlang mit Liedern und Ges\u00e4ngen und Kerzen abhalten \u2013 nimmt zutiefst war, wie sehr diese einfachen Menschen innig ihren Glauben Ausdruck geben. Diese Menschen sind gl\u00e4ubige Menschen, die nichts Absto\u00dfendes haben. Sie sp\u00fcrt, dass es zwischen den Christinnen und Christen und ihrem Gott auch eine Art Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis gibt \u2013 zusammengehalten von Bed\u00fcrftigkeit und Liebe. Sie ist sehr ber\u00fchrt von der Demut dieser Haltung \u2013 sie entdeckt das auch f\u00fcr sich selber \u2013 sehr zentral.<\/li>\n<li>Die zweite Begegnung geschieht in Assisi \u2013 Simone macht eine Italienreise, wo sie verschiedenen St\u00e4dte besucht \u2013 sie taucht ein in diese wunderbare Welt der Kunstsch\u00e4tze. Sie ist begeistert und nimmt diese franziskanische Landschaft auf und in der kleinen Kapelle \u2013 diese Portiunkula-Kapelle.<br \/>\n\u201eNie h\u00e4tte ich solch eine Landschaft, eine so pr\u00e4chtige Menschenart und so eindrucksvolle Kirchen ertr\u00e4umt. [&#8230;] Als ich dort in der kleinen romanischen Kapelle aus dem zw\u00f6lften Jahrhundert, Santa Maria degli Angeli, diesem unvergleichlichen Wunder an Reinheit, wo der heilige Franz so oft gebetet hat, allein war, da zwang mich etwas, das st\u00e4rker war als ich selbst, zum ersten Mal in meinem Leben auf die Knie.\u201c Gottesber\u00fchrung hat hier stattgefunden.<\/li>\n<li>Der dritte Kontakt ist eine Erfahrung der Kar- und Osterwoche in der Abtei Solemnes \u2013 OSB \u2013 es war im Jahr 1938 \u2013 Simone war 10 Tage mit ihrer Mutter dort \u2013 von Palmsonntag bis Osterdienstag.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Das Gedicht &#8222;Love&#8220; von George Herbert hinterlie\u00df einen starken Eindruck. Das Empfinden, dass Christus zugegen sei, beschrieb Simone Weil nicht als Erscheinung, sondern als \u201eeine pers\u00f6nliche, gewissere, wirklichere Gegenwart als die eines menschlichen Wesens\u201c. Weder Sinne noch Einbildungskraft seien an der \u201epl\u00f6tzlichen \u00dcberm\u00e4chtigung durch Christus\u201c beteiligt gewesen. Sie habe durch das Leiden hindurch die Gegenwart einer Liebe empfunden gleich jener, \u201edie man in dem L\u00e4cheln eines geliebten Antlitzes liest\u201c.<\/p>\n<p>\u201e<em>In meinen \u00dcberlegungen \u00fcber die Unl\u00f6sbarkeit des Gottesproblems hatte ich diese M\u00f6glichkeit nicht vorausgesehen: die einer wirklichen Ber\u00fchrung von Person zu Person hienieden, zwischen dem menschlichen Wesen und Gott. Ich hatte wohl unbestimmt von dergleichen reden geh\u00f6rt, aber ich hatte es niemals geglaubt.<\/em>\u201c<\/p>\n<p>Simone hatte bis dahin nicht gebetet \u2013 ausdr\u00fccklich nicht. Aber dieses Gedicht lernte sie auswendig und es wurde vor allem in Zeiten der sehr starken Kopfschmerzen f\u00fcr sie so etwas wie ein Gebet. Sie wird im Laufe der Zeit immer mehr die transzendente Bedeutung dieser Texte f\u00fcr sich entdecken und ersp\u00fcren. Hatte auch ein gro\u00dfes Faible f\u00fcr Poesie \u2013 f\u00fcr\u00a0 Sprache und sch\u00f6ne Texte.<\/p>\n<p>Sie entscheidet sich bewusst gegen die Taufe, sie sagte \u2013 mein Platz ist an der Schwelle der Kirche.<\/p>\n<p>Sie schreibt selber einmal, dass sie sich nie vorstellen konnte, dass Gott einen Menschen ergreift \u2013 n\u00e4mlich sie selber. Und das ist das Unfassbare! Sie war eine ungetaufte Mystikerin \u2013 sie hat nirgends dazugeh\u00f6rt und hat trotzdem diese Gotteserfahrung gemacht. Sie schreibt \u2013 ich muss das nicht mehr glauben, ich habe das erfahren! Diese Sehnsucht nach dem Letzten, das erhoffe ich nicht, ich wei\u00df, dass mir das zuteil werden wird. Diese Bezogenheit auf die Transzendenz \u2013 nicht die Religion im Sinne der Kultur, sondern die Religion im Sinne des Menschsein \u2013 diese tiefste Verbundenheit mit dem Heiligen vielleicht.<\/p>\n<h4>Zitate<\/h4>\n<ul>\n<li>\u201e<em>Und ist sie dann v\u00f6llig ein Ding geworden, das nur ihm angeh\u00f6rt, so verl\u00e4sst er sie. Er l\u00e4sst sie ganz allein. Und nun muss die Seele ihrerseits, doch in einem blinden Tasten, die unendliche Dichte von Zeit und Raum durchmessen, auf der Suche nach dem, den sie liebt. So legt die Seele nun in umgekehrter Richtung den Reiseweg zur\u00fcck, auf dem Gott zu ihr gekommen ist. Und dies ist das Kreuz.\u201c<\/em><\/li>\n<li><em>Das einzige auf der Welt, was der Zufall dem Menschen nicht rauben k\u00f6nne, sei das Verm\u00f6gen, \u201eich\u201c zu sagen. Genau dieses \u201eIch\u201c m\u00fcsse aber Gott gegeben werden:<\/em><\/li>\n<li><em>\u201eDas ist es, was wir Gott geben, das hei\u00dft: zerst\u00f6ren sollen. Es gibt durchaus keinen anderen freien Akt, der uns erlaubt w\u00e4re, au\u00dfer der Zerst\u00f6rung des Ich.\u201c<\/em><\/li>\n<li><em>Die g\u00f6ttliche Selbstliebe und ihre Erschlie\u00dfung in der Sch\u00f6pfung sei das Vorbild daf\u00fcr, wie sich der Mensch ebenfalls selbst lieben solle. Der Mensch habe den falschen Drang, sich wegzuwerfen und sich vor falschen G\u00f6ttern zu dem\u00fctigen. \u201eNicht weil Gott uns liebt, sollen wir ihn lieben. Sondern weil Gott uns liebt, sollen wir uns lieben. Wie k\u00f6nnte man sich selbst lieben ohne dieses Motiv?\u201c Das Universum dauert auch dann fort, wenn der Mensch stirbt. Das ist f\u00fcr ihn kein Trost, wenn das Universum etwas anderes ist als er selbst.<\/em><\/li>\n<li><em>\u201eIst jedoch das Universum f\u00fcr mich wie ein anderer Leib, dann h\u00f6rt mein Tod auf, f\u00fcr mich von gr\u00f6\u00dferer Bedeutung zu sein als der Tod eines anderen.\u201c<\/em><\/li>\n<\/ul>\n<p>Sie war der \u00dcberzeugung, dass selbst schwierigste Sachverhalte in einfacher Sprache erkl\u00e4rt werden k\u00f6nnen, wenn sie Wahrheit enthalten. Und dass es die Aufgabe ist, immer wieder in die \u00dcbersetzung zu gehen. Das w\u00e4re auch f\u00fcr die theolog. Inhalte immer wieder anzudenken. Verk\u00fcndigung \u2013 Sprache ist eine \u00dcberlebensfrage von Kirche.<\/p>\n<p>Simone Weil war ihrer Zeit voraus!<\/p>\n<p><em>Mag. Andrea Leisinger<\/em><\/p>\n<p>Das gesamte <a href=\"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Vortragskonzept_Weil.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Vortragskonzept zum herunterladen<\/a> und nachlesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>[15.03.2022] [Update 16.03.2022] Guter Neustart f\u00fcr die Fastenaktion der Halleiner Pfarrgemeinden nach der coronabedingten Zwangspause. Andrea Leisinger stellte dem interessierten Publikum im Pfarrzentrum Hallein-Rif die Philisophin Simone Weil vor. Ganze 90 Minuten lauschte das Publikum <a class=\"mh-excerpt-more\" href=\"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/?p=10846\" title=\"Ich muss es nicht glauben, ich hab es erlebt\">[&#8230;]<\/a><\/p>\n<\/div>","protected":false},"author":8,"featured_media":10845,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":{"0":"post-10846","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-fastenaktion-archiv"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10846","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10846"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10846\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10884,"href":"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10846\/revisions\/10884"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/10845"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10846"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10846"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10846"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}