{"id":7191,"date":"2020-04-26T00:00:27","date_gmt":"2020-04-25T22:00:27","guid":{"rendered":"http:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/?p=7191"},"modified":"2020-06-04T10:06:19","modified_gmt":"2020-06-04T08:06:19","slug":"geschwister-7-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/?p=7191","title":{"rendered":"Geschwister (7\/8)"},"content":{"rendered":"<p>[2020-04-25]<\/p>\n<h3>Br\u00fcderlein und Schwesterlein<\/h3>\n<p>Diesmal kein Lesetipp. Zumindest kein konkreter. Zu voll ist die Literatur mit Geschwistern. Schon die G\u00f6tter der antiken Mythologie stehen vielfach in geschwisterlichem Kontakt zueinander. Unsere M\u00e4rchenwelt ist voll davon. Und auch die moderne Literatur bedient sich immer wieder dieses Motivs, um Menschheitsgeschichten im Spiegel geschwisterlicher Verbindungen zu erz\u00e4hlen. Nicht zuletzt kann man an die Bibel denken, die ebenfalls in reichem Ma\u00dfe zu diesem Motiv greift.<\/p>\n<p>Es kann lohnend sein, sich einmal Gedanken \u00fcber das Warum zu machen. Warum gibt es in unserer Literatur so viele Geschwister?\u00a0Die einfachste Antwort w\u00e4re wohl, dass Geschwisterbeziehungen unsere Lebenswelt in den allermeisten F\u00e4llen stark pr\u00e4gen und es also nur nat\u00fcrlich ist, dass dies immer wieder Eingang in literarische Texte findet.<\/p>\n<p>Das f\u00fchrt dann aber zu der Frage, was genau ist hier so pr\u00e4gend?<\/p>\n<p>Einerseits wohl der Wunsch, der hinter dem Begriff steckt. Jeder von uns w\u00fcnscht sich einen Bruder, eine Schwester, die einen ein Leben lang begleiten, die da sind, wenn man sie braucht. Diese positive Besetzung des Begriffs f\u00fchrte sicherlich dazu, dass darin auch geistige Br\u00fcder- und Schwesterschaft inkludiert wurde. \u201eBruder\u201c und \u201eSchwester\u201c sind Anreden, die h\u00e4ufig au\u00dferhalb der Familie gebraucht werden, um eine besondere Verbindung zu anderen Menschen auszudr\u00fccken. In allen Kulturen kann man diese Begriffsverwendung finden und dahinter steht eben jener Wunsch nach dem Ideal, nach dem \u201eSeelenverwandten\u201c, ob man nun tats\u00e4chlich oder nur im Geiste verschwistert ist.<\/p>\n<p>Andererseits \u2013 und das zeigt die Literatur ebenso in vielf\u00e4ltiger Form \u2013 k\u00f6nnen gerade Geschwister auch erbitterte K\u00e4mpfe austragen, sich bekriegen und das beileibe nicht immer mit einem Happy End.<\/p>\n<p>Die Tatsache, dass man verschwistert ist, bietet keine Garantie daf\u00fcr, dass der oben dargestellte Wunschtraum Realit\u00e4t wird. Man denke nur an Erbschaftsstreitigkeiten, eine der statistisch h\u00e4ufigsten Krankheitsursachen!\u00a0Mit anderen Worten: Geschwisterlichkeit umfasst auch so etwas wie die Erkenntnis, dass da etwas ist, was man nicht beeinflussen kann. Man kann sich Bruder oder Schwester nicht aussuchen, sie sind einfach da. Geschwister zu haben, bedeutet also auch, mit etwas zurande kommen zu m\u00fcssen, einfach, weil es so ist.<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend wir vorher gerade noch einem Ideal nachgelaufen sind, stellen wir nun fest, dass wir damit ebenso gut vor vollendete Tatsachen gestellt werden,\u00a0mit denen wir \u2013 mehr oder weniger gut \u2013 zurechtkommen m\u00fcssen. Nun k\u00f6nnte man einwenden, dass diese Annahme doch nur f\u00fcr echte, also biologische Geschwister zutrifft. Aber auch das ist falsch, au\u00dfer wir lehnen den Begriff des \u201eMenschenbruders\u201c ab, mit dem wir seit jeher auch unsere Mitmenschen bezeichnen \u2013 zumindest dann, wenn wir es gut mit ihnen und uns meinen. In Zeiten der Klimakrise ist diese Sichtweise wohl eine sehr notwendige, durch die wir uns als eine Familie verstehen, die diesen Planeten bewohnt und die auf diesen Familienwohnsitz gut Acht geben sollte. Aber das (hier) nur am Rande. Zusammengefasst k\u00f6nnte man also die These aufstellen, dass die Faszination des Begriffes Geschwister darin steckt, dass er ein so weites Feld er\u00f6ffnet. Von der Suche nach unserem erg\u00e4nzenden Gegen\u00fcber, nach dem Menschen, der uns vollst\u00e4ndig macht, der (oder die!) zu uns geh\u00f6rt, uns st\u00e4rkt, st\u00fctzt und begleitet, zu der Erkenntnis, dass Geschwistersein auch bedeutet, keine Wahl zu haben und dennoch verbunden zu sein.<\/p>\n<p>Und&#8230; daraus \u201eetwas\u201c machen zu m\u00fcssen. Im besten Fall das Beste. Im schlechtesten Fall? Probieren Sie es lieber nicht aus. Lesen sie es maximal nach, wenn es denn sein muss.<\/p>\n<p><em>Hartmut Schwaiger<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>[2020-04-25] Br\u00fcderlein und Schwesterlein Diesmal kein Lesetipp. Zumindest kein konkreter. Zu voll ist die Literatur mit Geschwistern. Schon die G\u00f6tter der antiken Mythologie stehen vielfach in geschwisterlichem Kontakt zueinander. Unsere M\u00e4rchenwelt ist voll davon. 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