{"id":7327,"date":"2020-03-24T19:30:23","date_gmt":"2020-03-24T18:30:23","guid":{"rendered":"http:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/?p=7327"},"modified":"2020-09-17T11:28:13","modified_gmt":"2020-09-17T09:28:13","slug":"7327","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/?p=7327","title":{"rendered":"Dass dich des Tages die Sonne nicht steche"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_7354\" aria-describedby=\"caption-attachment-7354\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7354\" src=\"http:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/buenker-400x600.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"450\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7354\" class=\"wp-caption-text\">Hon. Prof. Dr. Michael B\u00fcnker (Bild: Evangelische Kirche A.B. in \u00d6sterreich)<\/figcaption><\/figure>\n<p>[2020-03-24]<\/p>\n<p><em>Den letzten Vortrag der diesj\u00e4hrigen Fastenaktion wollte der fr\u00fchere evangelische Bischof, Hon. Prof. Dr. Michael B\u00fcnker im Neualmer Pfarrzentrum abhalten. Wegen der Absage s\u00e4mtlicher Veranstaltungen durch die Corona-Krise ist das nun nicht mehr m\u00f6glich. Wir bedanken uns aber bei Dr. B\u00fcnker sehr f\u00fcr die \u00dcberlassung seines Konzeptes. Dieses ist umfangreicher als der urspr\u00fcnglich geplante Vortrag und dort und da wohl auch etwas abweichend. Um sich mit dem Thema auseinanderzusetzen ist er aber hervorragend geeignet.<\/em><\/p>\n<h3>Einleitung<\/h3>\n<p><em>Dass dich des Tages die Sonne nicht steche<\/em>, das ist als biblisches Motte \u00fcber den heutigen Abend gesetzt worden. Die Fortsetzung weist schon auf Ihren n\u00e4chsten und letzten Abend in der diesj\u00e4hrigen Fastenaktion hin, auf eine abendliche, ja n\u00e4chtliche Pilgerwanderung auf den D\u00fcrrnberg, denn die Fortsetzung hei\u00dft: noch der Mond des Nachts. Der Vers ist aus Psalm 121 entnommen, einem der sogenannten Wallfahrtspsalmen, der im Ganzen lautet (ich lese Luthers \u00dcbersetzung):<\/p>\n<p><em>Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat. Er wird deinen Fu\u00df nicht gleiten lassen, und der dich beh\u00fctet, schl\u00e4ft nicht. Siehe, der H\u00fcter Israels schl\u00e4ft noch schlummert nicht. Der HERR beh\u00fctet dich; der HERR ist dein Schatten \u00fcber deiner rechten Hand, dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts. Der HERR beh\u00fcte dich vor allem \u00dcbel, er beh\u00fcte deine Seele. Der HERR beh\u00fcte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!<\/em><\/p>\n<p>Der Psalm hat Eingang gefunden in unsere Liturgie, wenn wir bei jedem Aufbruch, also auch vor dem Einzug in die Kirche zum Gottesdienst aus ihm zitieren. Die Berge zu Beginn lassen nicht nur an das jud\u00e4ische Bergland denken, dass die Wallfahrer zum Tempel in Jerusalem durchwandern, sondern \u2013 \u00fcbertragen \u2013 auch an alle Hindernisse, Schwierigkeiten und Herausforderungen auf dem Weg. Weder Sonne noch Mond sind freundlich, allein im Schatten Gottes l\u00e4sst sich gut unterwegs sein. Passend zu unserem Thema ist am Schluss von jedem Ausgang und Eingang die Rede, von jedem Aufbruch und Ankommen, die alle unter der Beh\u00fctung Gottes stehen. Aber es ist nicht etwas Einmaliges, nicht etwas Besonderes, keine Ausnahme, sondern etwas, das alle Zeit gilt. Von nun an bis in Ewigkeit. Immer. Immer sind wir unterwegs.<\/p>\n<p>Vor Gott gibt es keine andere Form des Daseins als aufbrechen, unterwegs sein und ankommen und das immer so fort. Das Volk Gottes hat hier keine bleibende Stadt, es sucht die zuk\u00fcnftige (Hebr. 13,14). Es ist ein wanderndes Volk, das seine Ruhe (Hebr. 4,9), seine Heimat, seine B\u00fcrgerschaft im Himmel findet (Phil. 3,20), also bei Gott. Unser Herz ist unruhig und bleibt unruhig, bis es Ruhe findet in Gott (Augustinus, Bekenntnisse I,1). Auf diesem Weg hat das Volk nichts anderes als das Verhei\u00dfungswort Gottes. Wie Abraham und Sara aufgebrochen sind aus der vertrauten Heimat in ein ihnen v\u00f6llig unbekanntes neues Land, allein im Vertrauen auf das Wort Gottes, das ihnen gesagt worden ist.<\/p>\n<p>Das ist gleichsam die Hintergrundstrahlung, vor der wir auch \u00fcber den modernen Boom des Pilgerns nachdenken, wenn wir es auf biblischer Grundlage tun wollen.<\/p>\n<h3>\u00d6RK: \u201ePilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens\u201c<\/h3>\n<figure id=\"attachment_7348\" aria-describedby=\"caption-attachment-7348\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7348\" src=\"http:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Pilgerweg.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7348\" class=\"wp-caption-text\">Bild: Evangelische Kirche A.B. in \u00d6sterreich<\/figcaption><\/figure>\n<p>Diese biblisch fundierte Hintergrundstrahlung kann auch erkl\u00e4ren, wieso der \u00d6kumenische Rat der Kirchen, also die weltweite \u00d6kumene, 2013 auf seiner Vollversammlung in Busan (S\u00fcdkorea) alle Kirchen, alle Christinnen und Christen sowie alle Menschen guten Willens zu einem \u201ePilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens\u201c aufgerufen hat. Das Wort \u201ePilgerweg\u201c wurde gew\u00e4hlt, um auszudr\u00fccken, dass es sich um einen Weg mit einer tiefen spirituellen Bedeutung und mit hochtheologischen Konnotationen und Auswirkungen handelt. Als \u201ePilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens\u201c ist es weder ein Weg hin zu einem konkreten Ort auf der Landkarte, noch eine einfache Form des Aktivismus. Es ist sich vielmehr ein verwandelnder Weg, zu dem Gott aufgerufen hat, in Erwartung des letztlichen Ziels f\u00fcr die Welt, das der dreieinige Gott bewirkt. Die Bewegung der Liebe, die Teil des Wesens des dreieinigen Gottes ist, wird in der Verhei\u00dfung von Gerechtigkeit und Frieden offenbar. Sie sind Zeichen des kommenden Reiches Gottes, das bereits im Hier und Jetzt sichtbar ist, wenn es Vers\u00f6hnung und Heilung gibt.<\/p>\n<p>Die Christen sind aufgerufen, an diesen Zeichen von Gottes Reich teilzuhaben und f\u00fcr sie zu k\u00e4mpfen, als Antwort auf Gottes Willen und Verhei\u00dfung. Der Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens gr\u00fcndet demnach in Gottes eigener Mission f\u00fcr die Welt und im Vorbild Jesu. Jesus nachzufolgen bedeutet, ihn \u00fcberall da anzutreffen, wo Menschen Opfer von Ungerechtigkeit, Gewalt und Krieg sind. Gottes Gegenwart zusammen mit den schw\u00e4chsten Menschen, den Verwundeten, den Marginalisierten zu sp\u00fcren ist eine verwandelnde Erfahrung. Christen sind durch den Geist lebendig gemacht und entdecken ihre tief verankerte Kraft und Energie zur Verwandlung einer ungerechten Welt. Zusammen mit anderen Glaubensgemeinschaften und allen Menschen guten Willens sind sie gemeinsam unterwegs.<\/p>\n<p>Dabei wird auch Grunds\u00e4tzliches zum Pilgern gesagt: Pilgerinnen und Pilger, die unterwegs sind, reisen mit leichtem Gep\u00e4ck und lernen, dass nur das Wesentliche und Notwendige z\u00e4hlt. Sie sind offen f\u00fcr \u00dcberraschungen und bereit, durch Begegnungen und Herausforderungen auf ihrem Weg verwandelt zu werden. Alle, die mit offenem Herzen und offenem Geist mit uns gehen wollen, sind willkommene Gef\u00e4hrten (mit denen wir unser Brot teilen). Der Pilgerweg verspricht, ein verwandelnder Weg zu sein, auf dem wir uns selbst in neuen Beziehungen der Gerechtigkeit und des Friedens neu entdecken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dazu werden drei Elemente benannt, die einen Pilgerweg ausmachen und die sich, wenn wir das Pilgern recht, also im biblischen Sinn eines Verhei\u00dfungsweges, verstehen wollen, auch auf jedem Pilgerweg in unterschiedlicher Auspr\u00e4gung und Gewichtung finden lassen sollen.:<\/p>\n<h4>Die Gaben feiern (via positiva)<\/h4>\n<p>Wir sind nicht mit leeren H\u00e4nden oder alleine unterwegs. Der \u201eurspr\u00fcngliche Segen\u201c, nach dem Bilde Gottes geschaffen und zusammen \u2013 in Gemeinschaft \u2013 zu sein, ist, dass wir ein einzigartiger Bestandteil des Lebensnetzes sind, das uns in Erstaunen versetzt. Gemeinsam feiern wir Gottes gro\u00dfartige Gabe des Lebens, die Sch\u00f6nheit der Sch\u00f6pfung und die Einheit einer vers\u00f6hnten Vielfalt. Wir f\u00fchlen uns erm\u00e4chtigt von dieser Gnade, an Gottes Bewegung der Liebe, der Gerechtigkeit und des Friedens teilhaben zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<h4>Sich mit den Wunden besch\u00e4ftigen (via negativa)<\/h4>\n<p>Der Pilgerweg wird uns an Orte f\u00fchren, an denen schreckliche Gewalt und Ungerechtigkeit herrschen. Wir wollen auf Gottes menschgewordene Gegenwart inmitten des Leids, der Exklusion und der Diskriminierung schauen. Die wahre Begegnung mit realen, kontextabh\u00e4ngigen Erfahrungen einer zerbrochenen Sch\u00f6pfung und des s\u00fcndigen Gebarens gegen\u00fcber anderen Menschen kann uns an das Wesentliche des Lebens selbst erinnern. Es kann dazu f\u00fchren, dass wir Bu\u00dfe tun und uns \u2013 in einem Prozess der Reinigung \u2013 von der Besessenheit mit Macht, Besitz, Ego und Gewalt befreien, so dass wir Christus immer \u00e4hnlicher werden.<\/p>\n<h4>Ungerechtigkeit verwandeln (via transformativa)<\/h4>\n<p>Wenn wir selbst verwandelt werden, kann uns der Pilgerweg zu konkretem Handeln f\u00fcr Verwandlung f\u00fchren. Wir k\u00f6nnen vielleicht den Mut aufbringen, in wahrem Mitgef\u00fchl f\u00fcr einander und f\u00fcr die Natur zu leben. Dazu geh\u00f6rt auch die St\u00e4rke, allem B\u00f6sen zu widerstehen \u2013 aller Ungerechtigkeit und aller Gewalt, auch wenn eine Kirche in einer Minderheitssituation lebt. Wirtschaftliche und \u00f6kologische Gerechtigkeit sowie die Heilung der Verwundeten und das Streben nach friedlicher Vers\u00f6hnung ist unser Auftrag \u2013 in jedem Kontext. Wir lassen uns verwandeln durch unser Gebet und unser Handeln im Gebet.<\/p>\n<p>In \u00d6sterreich wurde dieses Anliegen umgesetzt im \u201e<strong>\u00d6kumenischen Klimapilgerweg<\/strong>\u201c, der 2014 von Wien nach Salzburg f\u00fchrte.<\/p>\n<h3>Die Reformation<\/h3>\n<p>Sie haben \u00fcber die biblischen Grundlagen und die historischen Entwicklungen zum Pilgern schon aus kompetentem Munde ausf\u00fchrlich geh\u00f6rt, das kann ich hier alles voraussetzen und komme gleich zur Kritik der Reformation am Pilgern der damaligen Zeit, konkret geht es um Martin Luther und seine Besch\u00e4ftigung mit dem Thema. Mit seiner Kritik hat Martin Luther aber vor allem den &#8222;Ablass&#8220; der damaligen Kirche im Blick gehabt, dass man also mit Geldleistungen, durch Pilger- und Bu\u00dfg\u00e4nge sich ein St\u00fcck vom himmlischen Seelenheil erkaufen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Zuerst ist er kritisch allen Wallfahrten gegen\u00fcber, vor allem gegen\u00fcber denen nach Rom, wo er selbst 1510\/11 gewesen war. In der Schrift \u201eAn den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung\u201c von 1520 sagt er:<\/p>\n<p><em>\u201eZum zwelfften, das man die walfarten gen Rom abethet \u2026 das sag ich nit darumb, das walfarten bosze seyn, szondern das sie zu disser zeit ubel geratten, dan sie zu Rom kein gut exempel, szondern eytel ergerni\u00df sehen, unnd wie sie selb ein sprichwort gemacht haben \u201aYhe nehr Rom, yhe erger Christen\u2018, bringen sie mit sich vorachtung gottis und gottis geboten.<\/em>\u201c\u00a0(WA 6,437, Z.1-8)<\/p>\n<p>In seiner Predigt am Jakobstag am 25. Juli 1522 geht er direkt auf Santiago de Compostela ein. Er wendet sich gegen die Reliquienverehrung und vor allem gegen die F\u00fcrbitte der Heiligen. Christus ist der einzige Mittler.<\/p>\n<p><em>\u201eWie er in Hispaniam kommen ist gen Compostel, da die gro\u00df walfart hin ist, da haben wir nu nichts gewi\u00df von dem: etlich sagen, er lig in Franckreich zu Thalosa, aber sy seind jrer sach auch nit gewi\u00df. Darumb la\u00df man sy ligen und laufft nit dahin, denn man wai\u00dft nit ob sant Jacob oder ain todter hund oder ain todts ro\u00df da ligt \u2026 Darum la\u00df predigen wer da will, la\u00df abla\u00df abla\u00df sein, la\u00df raisen wer da will, bleib du dahaim.<\/em>\u201c\u00a0(WA 10\/3, 235, Z. 8-17)<\/p>\n<p>In einer sp\u00e4teren Fassung der \u201eFestpostille\u201c von 1527 setzt er hinzu:<\/p>\n<p><em>\u201eWie er in Hispaniam kommen ist gen Compostel, da die gro\u00df walfart hin ist, da haben wir nu nichts gewi\u00df von dem: etlich sagen, er lig in Franckreich zu Thalosa, aber sy seind jrer sach auch nit gewi\u00df. Darumb la\u00df man sy ligen und laufft nit dahin, denn man wai\u00dft nit ob sant Jacob oder ain todter hund oder ain todts ro\u00df da ligt \u2026 Darum la\u00df predigen wer da will, la\u00df abla\u00df abla\u00df sein, la\u00df raisen wer da will, bleib du dahaim und warte deiner narung, versorge deyn hau\u00df unnd hilff mit dem selbigen gelte, das du allso unn\u00fctzlich verzerest, deynem nechsten der es bedarff.\u201c\u00a0<\/em>(WA 17\/2, 465 Anm. 17)<\/p>\n<p>Wallfahrt zwecks Heilserwerb leugnet Gottes Erl\u00f6sungsvollmacht. Daher sind getane Gel\u00fcbde hinf\u00e4llig. Luther in derselben Predigt:<\/p>\n<p><em>\u201eHat aber yemant ein gel\u00fcbd gethan, zu Sant Jacob zu raysen oder an andere orte, der lassz es hinfaren. Es ist ein gel\u00fcbd wider deyner seelen seligkayt, denn got hat kein gefallen in den narrenwercken noch nach solchen gel\u00fcbden, doch solt du solch dein nerrisch und ungotlich gel\u00fcbd berewen und Got umb gnade bitten, das er dir solche unwyssenheyt und unglauben w\u00f6lle verzeyhen. Denn Gott will jm nit gehandelt haben mit wercken, sondern allain mit dem glauben.\u201c\u00a0<\/em>(WA 17\/2, 465)<\/p>\n<p>Das Wallfahren spricht auch gegen die Alltagsorientierung lutherischer Fr\u00f6mmigkeit. Der Christ soll sich in Beruf, Familie und Gesellschaft bew\u00e4hren und nicht aus dem Alltag fliehen. In den Schmalkaldischen Artikeln von 1537 schreibt Luther:<\/p>\n<p><em>\u201eNu ist das ja gewi\u00df, da\u00df solch Wallfahrten uns nicht gepoten, auch nicht vonnoten, weil wir\u2019s wohl besser haben mugen und ohn alle Sunde und Fahr lassen mugen. Warumb l\u00e4\u00dft man denn daheimen eigen Pfarr, Gottes Wort, Weib und Kind etc., die notig und geboten sind, und l\u00e4uft den unnotigen, ungewissen, sch\u00e4dlichen Teufelsirrwischen nach, ohn da\u00df der Teufel den Bapst geritten hat, solchs zu preisen und best\u00e4tigen, damit die Leute ja h\u00e4ufig von Christo auf ihr eigen Werk fielen und abgottisch wurden, welchs das \u00c4rgste dran ist?\u201c\u00a0<\/em>(BSLK 422,10-18)<\/p>\n<p>Das Wort Gottes findet man in der eigenen Gemeinde. Ihr soll der Christ treu zugetan bleiben und nicht Gottes Wort oder die Kirche anderswo suchen.<\/p>\n<p><em>\u201eAber die Papisten schreien darwidder und sprechen: Ej, wiltu die kirche finden, so lauffe zu S. Jacob, gehe gen Ach, gehen Trier, da unsers herrn Christi rock sein sol, gehen Jherusalem zum Heiligen grab, gehen Rohm zu S. Peter und Paul, gehen Loreth zu S. Maria oder zur Maria gehn Regensburg oder zur Eichen, wie den der Walfart keine gewisze Zahl gewesen ist. alles darumb, das man vergebung der sunden erlange, die der Bapst in diese orth gesteckt hat. Antwortte du aber also drauff: Hore, du wirst keinen bessern schatz finden daselbst, dan du albereit daheim in deiner pfarkirchen hast. Jha es ist dort bej den walfartten alles verfelschet, und ist des Teufels religion, da ist keine Tauffe, kein abendmal, vergebung der sunde noch Euangelium, das man von diesen Stucken lehrete.\u201c\u00a0<\/em>(WA 47, 393, Z. 7-17)<\/p>\n<p>Seither hat man das Pilgern in der evangelischen Kirche nahezu komplett vergessen und man hat das Pilgern weitgehend abgelehnt. Allenfalls haben sich evangelische Christen auf Studien-, Bildungs- oder Gemeindereisen begeben. Aber Pilgern? Das war lange Zeit unter Evangelischen verp\u00f6nt.<\/p>\n<p>Dabei gibt es einige gute Gr\u00fcnde, zu pilgern, gerade wenn man evangelisch ist:<br \/>\nPilgern ist ein Weg mit Gott. Beim Pilgern wird der Start mit einem Segen begonnen, der Weg mit Gebeten und spirituellen Impulsen begleitet und das Ziel mit dem Nachdenken \u00fcber Glauben und den Sinn des Lebens bewusst verbunden. Egal, ob man sich nun alleine auf den Weg macht, oder ob man sich einer Pilgergruppe anschlie\u00dft oder einem erfahrenen Pilgerbegleiter oder einer erfahrenen Pilgerbegleiterin anvertraut.<\/p>\n<p>F\u00fcr Evangelische ist die Bibel, die Heilige Schrift von elementarer Wichtigkeit. Und wer die Bibel aufschl\u00e4gt, entdeckt, dass sie voller Weg- und Pilgergeschichten ist: Im zweiten Buch Mose wird von der Glaubenserfahrung der Israeliten berichtet, wie Gott durch Mose das Volk Israel aus der Sklaverei in \u00c4gypten auf einen Weg in die Freiheit gef\u00fchrt hat. Solche Texte k\u00f6nnen nachdenklich machen, gerade wenn man selbst auf der Suche nach Freiheit ist! Und weiter wird berichtet, wie Gott die Israeliten mit den M\u00f6glichkeiten, die sich in der W\u00fcste boten, vor dem Verhungern und dem Verdursten bewahrt hat. Und die Propheten erz\u00e4hlen sp\u00e4ter von ihrer Hoffnung, dass \u00fcber religi\u00f6se Grenzen hinweg alle V\u00f6lkern einmal zum heiligen Berg Zion wallfahren, zu dem Berg, auf dem der Jerusalemer Tempel steht, um dort gemeinsam Gott anbeten. Von Jesus und seinen J\u00fcngern wissen wir, dass sie ihrem Herrn wandernd in Galil\u00e4a und Jud\u00e4a nachfolgten und sogar zu den bekannten j\u00fcdischen Wallfahrtsfesten nach Jerusalem gepilgert sind. An einem Passahfest (dem Fest der Befreiung aus \u00c4gypten) besuchte der 12-j\u00e4hrige Jesus den Tempel (Lukasevangelium 2,41) und an einem Passahfest zog er nach Jerusalem, wurde dort gekreuzigt und ist auferstanden (Markus 14,1+12).<\/p>\n<h3>Der Weg des Buches<\/h3>\n<figure id=\"attachment_7342\" aria-describedby=\"caption-attachment-7342\" style=\"width: 600px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7342 size-medium\" src=\"http:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Auf-dem-Weg-des-Buches-600x188.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"188\" srcset=\"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Auf-dem-Weg-des-Buches-600x188.jpg 600w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Auf-dem-Weg-des-Buches-1024x320.jpg 1024w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Auf-dem-Weg-des-Buches-1536x480.jpg 1536w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Auf-dem-Weg-des-Buches.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7342\" class=\"wp-caption-text\">Bild: Evangelische Kirche A.B. in \u00d6sterreich<\/figcaption><\/figure>\n<p>Stellt euch vor: Eine Familie sitzt zu Hause. Es ist schon l\u00e4nger her, daher kein Fernseher. Der Vater sitzt mit den Kindern\u00a0 um den Tisch. Es sind Bauern, daher sind auch Knechte und M\u00e4gde anwesend. Die Mutter steht an der Arbeitsfl\u00e4che, sie ist damit besch\u00e4ftigt, Brot zu backen. Gerade knetet sie den Teig, einige Teigst\u00fccke liegen da und rasten. Der Backofen ist schon geheizt, die W\u00e4rme wird gleich genau richtig sein, um das Brot \u201eeinschie\u00dfen\u201c zu k\u00f6nnen. Die um den Tisch sitzen, lesen aus einem Buch. Es geht immer rundherum im Kreis, jeder und jede liest ein St\u00fcckchen, einen Absatz. Auch die Kinder, auch das Gesinde. Alle k\u00f6nnen lesen.<\/p>\n<p>Die Vorh\u00e4nge sind zugezogen. Da h\u00f6rt man von drau\u00dfen L\u00e4rm: Es kommt wer, Reiter sind es, schon sind sie vor dem Hof, gleich werden sie hereinkommen!\u00a0Alle durchzuckt es ganz hei\u00df! Das Lesen in B\u00fcchern war verboten.<br \/>\nDer Besitz von B\u00fcchern war verboten.\u00a0Wer damit erwischt wurde, wurde schwer bestraft. Wenn es nur eine Geldstrafe war, hatten die Betroffenen noch Gl\u00fcck. Es konnte auch schlimmer kommen. Der Vater im Gef\u00e4ngnis, und dann deportiert irgendwohin an die Grenze, wo gerade der Krieg aus war, Frau und Kinder mussten wom\u00f6glich da bleiben, die Kinder kamen zu anderen Leuten, die in den Augen der Obrigkeit, der Herrschaft verl\u00e4sslicher waren.<\/p>\n<figure id=\"attachment_7346\" aria-describedby=\"caption-attachment-7346\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7346\" src=\"http:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Gesangbuch-im-Baum-versteckt-600x400.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Gesangbuch-im-Baum-versteckt-600x400.jpg 600w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Gesangbuch-im-Baum-versteckt-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Gesangbuch-im-Baum-versteckt-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Gesangbuch-im-Baum-versteckt-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7346\" class=\"wp-caption-text\">Verstecktes Gesangbuch in einem Baum (Bild: Evangelische Kirche A.B. in \u00d6sterreich)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das gef\u00e4hrliche Buch war nichts anderes als die Bibel, zumeist in der \u00dcbersetzung Martin Luthers, also \u201edie ganze Heilige Schrift\u201c, wie es oft auf den Titelbl\u00e4ttern hie\u00df.\u00a0Und wo war das? Das war hier bei uns, vielleicht irgendwo in Ober\u00f6sterreich, in K\u00e4rnten, im Murtal, im Salzkammergut vielleicht, in Goisern, Hallstatt oder Bad Ischl oder auch hier im Schatten des D\u00fcrrnbergs.<\/p>\n<p>Und wann war das? Es ist schon lange her. Vor mehr als 200 Jahren. F\u00fcr Evangelische ist es die Zeit des Geheimprotestantismus, die rund im Jahr 1600 begonnen hat (Bischof Martin Brenner).und erst mit dem Toleranzedikt von Kaiser Joseph II. vom 13. Oktober 1781 zu Ende gegangen ist. Der Zeitraum umfasst also rund sechs Generationen, in denen der evangelische Glaube ohne jede kirchliche Organisation, ohne Pfarrer oder Lehrer weitergegeben und gelebt wurde. Im Kern handelte es sich um eine individuell oder famili\u00e4r gelebte Lesefr\u00f6mmigkeit. Die Evangelischen waren also auf B\u00fccher, die Bibel, Postillen (also Predigtsammlungen), Gebets- und Gesangsb\u00fccher angewiesen.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu unserer Familie:\u00a0Was kann jetzt geschehen? Normalerweise ist die Bibel drau\u00dfen im Stall versteckt, oben in den Balken des Dachstuhls. Aber hier in der K\u00fcche? Wo soll man sie so schnell verstecken? Schon h\u00f6rt man die Tritte der bewaffneten Soldaten im Vorraum des Hauses. Gleich wird die T\u00fcre aufgerissen werden.<\/p>\n<p>Die Geschichte der Evangelischen in \u00d6sterreich ist auch eine Geschichte der verbotenen B\u00fccher. Auf geheimen Wegen wurden sie ins Land geschmuggelt. Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts bis zum Toleranzpatent Joseph II 1781 gab es diesen Strom der Untergrundliteratur von den Druckereien in W\u00fcrttemberg oder in Franken ins Land gebracht, in F\u00e4ssern versteckt, oder auf dem R\u00fccken, auf der Kraxen getragen, von professionellen Kleinh\u00e4ndlern und Schmugglern, von Markt zu Markt, von Hof zu Hof. Gleichzeitig die st\u00e4ndigen Versuche der Obrigkeit, die B\u00fccher aufzusp\u00fcren und zu vernichten. Wer lesen konnte, war automatisch der Ketzerei verd\u00e4chtig.<\/p>\n<figure id=\"attachment_7343\" aria-describedby=\"caption-attachment-7343\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7343\" src=\"http:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/B\u00fccher-der-Vorfahren-600x450.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/B\u00fccher-der-Vorfahren-600x450.jpg 600w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/B\u00fccher-der-Vorfahren-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/B\u00fccher-der-Vorfahren-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/B\u00fccher-der-Vorfahren-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/B\u00fccher-der-Vorfahren-678x509.jpg 678w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/B\u00fccher-der-Vorfahren-326x245.jpg 326w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/B\u00fccher-der-Vorfahren-80x60.jpg 80w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7343\" class=\"wp-caption-text\">Bild: Evangelische Kirche A.B. in \u00d6sterreich<\/figcaption><\/figure>\n<p>Es waren Bauern, zumeist in abgelegenen T\u00e4lern, die auf ihren H\u00f6fen die B\u00fccher verwendeten. Aus Angst vor der Polizei, auch vor Denunziation, versteckten sie die B\u00fccher. Es ist abenteuerlich, die Aufz\u00e4hlung der B\u00fccherverstecke in den Polizeiprotokollen zu lesen. Unterm Herd, im Strohsack, irgendwo auf der Alm, im Stall, im Tenn, im Heu, bei den Pferden, im Bienenstock, ja sogar im Butterr\u00fchrk\u00fcbel, \u00fcberall waren die B\u00fccher. Zehntausende B\u00fccher sind gefunden und verbrannt worden, viele sind erhalten geblieben, nicht nur im Museum, sondern bis heute in den H\u00e4usern, in den Familien in Verwendung. Wer wei\u00df, wie viele noch versteckt sind weil sich niemand der Orte erinnert, an denen sie aufbewahrt wurden?<\/p>\n<p>Am Abend, beim Dunkelwerden, sa\u00dfen die Hausleute beisammen und der Bauer las aus dem Buch. Mehr als eine Kerze wird wohl nicht gebrannt haben. Die Vorh\u00e4nge waren zugezogen. Man wusste ja nie, wer vorbei kommt und sich wundert, wieso da noch Licht ist, und au\u00dferdem die Nachbarn\u2026 Aber die Dunkelheit hatte f\u00fcr diese Menschen nichts Furchterregendes. Einer von ihnen sagte im R\u00fcckblick: \u201eDie B\u00fccher waren unser Licht.\u201c<\/p>\n<p>Warum er denn so st\u00f6rrisch an seinen B\u00fcchern h\u00e4nge und sie nicht freiwillig herausgebe, wie es die anderen lutherischen Sektierer doch auch t\u00e4ten, wurde ein Bauer Mitte des 16. Jahrhunderts in der N\u00e4he von Kitzb\u00fchel im Verh\u00f6r gefragt. Wir sind mitten in einer gro\u00dfangelegten Polizeiaktion auf der Suche nach den verbotenen B\u00fcchern, um der evangelischen Ketzerei den Boden zu entziehen. N\u00e4chtliche Razzien und Denunziationen geh\u00f6rten ebenso dazu wie der Einsatz von polizeilicher Gewalt. Der Erfolg schien den B\u00fccherj\u00e4gern Recht zu geben. Mehrere zehntausend B\u00fccher wurden eingesammelt und verbrannt, sie sind nach Meinung der Obrigkeit zu nichts anderem gut, als das man ein Sonnwendfeuer mit ihnen mache. Eine unselige Tradition der Zensur, der Gedankenpolizei, der B\u00fccherverbrennung, die hier ihren Anfang genommen hat.<\/p>\n<p>Nun zur\u00fcck zu unserem Bauern. Sein Name ist \u00fcberliefert, er hie\u00df Christoph Linsegger und wusste wohl um die Folgen, wenn er sich nicht gehorsam zeigen sollte. Dennoch: Nein, sagte er, er werde die B\u00fccher niemals von sich aus hergeben, denn \u2013 und jetzt kommt die Begr\u00fcndung &#8211; mit ihnen speise er seine Seele.<br \/>\n\u00dcber diesen Satz bin ich gestolpert. Die B\u00fccher, allen voran die Bibel, die Heilige Schrift, als Speise und Nahrung f\u00fcr die Seele.<\/p>\n<p><em>\u201eChristus ist f\u00fcr die Armen vorzugsweise Erl\u00f6ser wordn und aus jeder Seite der hl. Schrift lacht \u00fcns sein Lieab entgegen, und jetzt verstehn mirs erst, was hoa\u00dft: Kimm und kost, wie guet der Herr ist.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Diese Worte stammen aus einer Predigt, die hier in der N\u00e4he gehalten wurde. Vielleicht am Hollereckboden bei Wagrain im Jahr 1731. Von Hann\u00df Mo\u00dfegger, ein f\u00fcnfzigj\u00e4hriger Zimmermann aus Wagrain, der immer wieder predigte, f\u00fcr ein Mittagessen oder ein Glas Branntwein. Er war als B\u00fccherschmuggler, als Kraxentrager, bekannt. Noch im September 1731 wurde er verhaftet. Er starb schon ein Jahr sp\u00e4ter, 1732, in Altenburg, in der Fremde. Wie viele andere musste er seine Heimat verlassen.<\/p>\n<p>Die Predigt des Mo\u00dfegger lesen wir heute wohl auch als sympathisches Dokument f\u00fcr die Fr\u00f6mmigkeit der hiesigen Evangelischen. Es war eine Fr\u00f6mmigkeit des Lesens, des Wortes, der Schrift.<\/p>\n<p><em>\u201eO, wie a sch\u00f6ne Zeit haben wir ghabt! Mit dem Evangeli und der hl. Schrift sind wir schlafn ganga, die Senndrin, der Hirte hats auf d\u2019Alma gnumma, der Holzknecht in den Wald, der Jager auf die B\u00fcrsch, die hl. Schrift war \u00fcnser Geschichtenbuech, \u00fcnser Heil und Gl\u00fcck, \u00fcnser Segen, Freud und Lust.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Zitiert nach: Gerhard Florey, Predigt eines Salzburger Pr\u00e4dikanten aus dem Jahre 1731, JGPr\u00d6 97 (1981) 135-146<\/p>\n<figure id=\"attachment_7341\" aria-describedby=\"caption-attachment-7341\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7341\" src=\"http:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/070419-304-Bibel-600x450.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/070419-304-Bibel-600x450.jpg 600w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/070419-304-Bibel-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/070419-304-Bibel-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/070419-304-Bibel-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/070419-304-Bibel-678x509.jpg 678w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/070419-304-Bibel-326x245.jpg 326w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/070419-304-Bibel-80x60.jpg 80w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7341\" class=\"wp-caption-text\">Bild: Evangelische Kirche A.B. in \u00d6sterreich<\/figcaption><\/figure>\n<p>Bis heute zeichnet diese Bindung an die Bibel, die Heilige Schrift, das Wort Gottes, den evangelischen Gottesdienst, den Unterricht und die pers\u00f6nliche Fr\u00f6mmigkeit, die Andacht, aus. Es sind diese Erinnerungen, die an vielen Orten noch sehr lebendig sind, die dem Weg des Buches sein Gepr\u00e4ge geben. F\u00fcr das 19. Jahrhundert berichtet der K\u00e4rntner Bauernsohn und sp\u00e4tere Lehrer Michael Unterlercher, wie lebendig diese Tradition bei ihnen daheim am Hof, dem Plie\u00dfnig am Blaas bei Wiedweg, gewesen ist: Zum Ostersonntag 1867 steht in seinen Lebenserinnerungen (\u201eIn der Einschicht\u201c):<\/p>\n<p><em>\u201e \u2018n Oastersunntig wert nachn Hausgottesdeanst, das is nachn Pr\u00f6diglesn, Betn und Heilige-Liader-Singen, a bsunders guats Essn afn Tisch gst\u00f6llt: Rahmsuppn, Fleisch, Bratl, Kraut, Kreanso\u00df, Krapfn, alls miglane und unmiglane Guate. Nachn Essn geaht nacher aniads mit an Buach in sei Winkele, der alte Matl mit Luthers Hauspostille, der Vater mit Arndts \u201aWahrem Christentum\u2018, die Schw\u00f6ster mitn Gsangbuach. Gar der junge Matl nimmp a Gebetb\u00fcachl, wann ers a oft umgekehrter vor seinder hat. Es is still in ganzn Haus.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Nun zur\u00fcck zu unserer Familie: Wie geht die Geschichte weiter? Gleich wird die T\u00fcre auffliegen. Da packt die Mutter entschlossen die Bibel, und wickelt sie mit dem Brotteig ein und schiebt diesen ganz besonderen Laib in den Backofen.<\/p>\n<p>Gerade zieht sie den Laden heraus, fliegt auch schon die T\u00fcre auf: Was macht ihr da? Gebt die B\u00fccher heraus! Aber es ist kein Buch zu finden. Ohne Erfolg m\u00fcssen die Soldaten wieder abziehen. Diesmal ist es gut ausgegangen. Die Mutter holt das Brot heraus, darunter auch den Laib mit dem eingebackenen Buch. Sie brechen die Brotrinde rundherum auf, essen dabei vom frischen, warmen duftenden Brot. Und dann kommt sie zum Vorschein, eine sch\u00f6ne kleine Bibel. Noch ist sie ein bisschen hei\u00df vom Backofen, aber sie hat gut zum Brot gepasst. Beides n\u00e4hrt. Das eine den Leib, das andere die Seele.<\/p>\n<p>Von solchen Leuten und ihrer Geschichte erz\u00e4hlt der Weg des Buches. Der Weg des Buches ist ein Weitwanderweg quer durch \u00d6sterreich, von Nord nach S\u00fcd, auf den Spuren der Bibelschmuggler aus der Zeit des Geheimprotestantismus. Dabei verschwimmt die Grenze zwischen Pilgerweg und Themenweg. Der Weg beginnt in Sch\u00e4rding an der bayerischen Grenze und f\u00fchrt in 29 Tagesetappen \u00fcber das Salzkammergut, den Dachstein, die K\u00e4rntner Nockberge bis an die slowenische Grenze nach Arnoldstein. Ein Weg zum Nachdenken, zum Pilgern, zum Lesen in der Bibel \u2013 es ist der Weg des Buches.<\/p>\n<figure id=\"attachment_7339\" aria-describedby=\"caption-attachment-7339\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7339\" src=\"http:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/05_-Bl\u00e4serensemble-Seekarkirche-600x450.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/05_-Bl\u00e4serensemble-Seekarkirche-600x450.jpg 600w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/05_-Bl\u00e4serensemble-Seekarkirche-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/05_-Bl\u00e4serensemble-Seekarkirche-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/05_-Bl\u00e4serensemble-Seekarkirche-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/05_-Bl\u00e4serensemble-Seekarkirche-678x509.jpg 678w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/05_-Bl\u00e4serensemble-Seekarkirche-326x245.jpg 326w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/05_-Bl\u00e4serensemble-Seekarkirche-80x60.jpg 80w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7339\" class=\"wp-caption-text\">Bild: Evangelische Kirche A.B. in \u00d6sterreich<\/figcaption><\/figure>\n<p>Mittlerweile ist er deutlich verl\u00e4ngert worden, einmal nach S\u00fcden bis nach Triest und geht dabei den Spuren der slowenischen Reformation nach, die sich mit dem Namen Primoz Trubar bis heute im Ged\u00e4chtnis der Menschen verbunden hat. Slowenien ist das einzige Land Europas, in dem der Reformationstag Nationalfeiertag ist, obwohl es dort nur ganz wenige Evangelische gibt. Es ist auch das einzige Land der Eurozone, das einen Reformator auf der Ein-Eurom\u00fcnze abgebildet hat. Es ist die Dankbarkeit f\u00fcr die Bibel\u00fcbersetzung ins Slowenische, durch die erst die slowenische Kultur entstehen konnte. Die Verl\u00e4ngerung des Weg des Buches von Villach nach Triest in 18 Tagesetappen ist benannt nach der Gr\u00fcnderin der diakonischen Einrichtungen in Treffen in K\u00e4rnten, die Gr\u00e4fin Elvine de la Tour. Ein eigener Primoz Trubar Weg wird von slowenischen Tr\u00e4gereinrichtungen als Radweg von Murska Sobota nach Triest eingerichtet.<\/p>\n<p>Von Sch\u00e4rding ist der Weg des Buches nach Norden verl\u00e4ngert worden, \u00fcber den Bayerischen Wald und einem kleinen Abschnitt in Tschechien (bei Eger) bis nach Zwickau, wo unser Weg des Buches auf den Lutherweg trifft und damit bis zur Wartburg f\u00fchrt. Dort hat ja Martin Luther im Jahr 1521 mit seiner Bibel\u00fcbersetzung begonnen.<\/p>\n<p>Der Weg des Buches ist nat\u00fcrlich nicht der einzige evangelische Pilgerweg, der in den letzten Jahren entstanden ist. In Norwegen gibt es den Olavweg, in Deutschland den Brigittaweg und nat\u00fcrlich den Lutherweg, besser soll ich sagen: Ein ganzes Netz von Lutherwegen und \u2013 als einen der ersten \u2013 den \u00f6kumenischen Pilgerweg von Loccum nach Volkenroda.<\/p>\n<p>Der \u201eLutherweg Sachsen-Anhalt\u201c wurde 2008 er\u00f6ffnet und f\u00fchrt 400 Kilometer lang von Wittenberg \u00fcber Eisleben nach Mansfeld.<\/p>\n<p>Weniger Jahre sp\u00e4ter kam es zur Er\u00f6ffnung des \u201eLutherwegs Sachsen\u201c, der mehr als 500 Kilometer lang ist und von Torgau \u00fcber verschiedene Stationen nach Leipzig f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Unter anderem f\u00fchrt er auch durch Zwickau, wo unser \u201eWeg des Buches\u201c auf den Lutherweg trifft.<br \/>\nDer \u201eLutherweg 1521\u201c wurde im Mai 2017 er\u00f6ffnet. Er f\u00fchrt \u00fcber rund 400 Kilometer von Worms zur Wartburg, geht also den Spuren der Reise nach, die Luther nach dem Reichstag von Worms im April 1521 auf sein Versteck auf der Wartburg gef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p>Der \u201eLutherweg Th\u00fcringen\u201c, stolze 1000 Kilometer lang, folgt im Kern dem Weg, den Luther 1537 nach dem Treffen des Schmalkaldischen Bundes wieder nach Wittenberg genommen hat. Er reicht im S\u00fcden mit der Veste Coburg bis nach Bayern.<\/p>\n<figure id=\"attachment_7340\" aria-describedby=\"caption-attachment-7340\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7340\" src=\"http:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/07_-Schmugglerbibel-auf-Steinen-600x400.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/07_-Schmugglerbibel-auf-Steinen-600x400.jpg 600w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/07_-Schmugglerbibel-auf-Steinen-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/07_-Schmugglerbibel-auf-Steinen-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/07_-Schmugglerbibel-auf-Steinen-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7340\" class=\"wp-caption-text\">Schmugglerbibel (Bild: Evangelische Kirche A.B. in \u00d6sterreich)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ein anderer evangelischer Pilgerweg ist der Weg der Hugenotten und Waldenser. Der Wanderweg m\u00f6chte auf das historische Exil der Hugenotten und Waldenser hinweisen und ihre schrittweise Integration in die Gastl\u00e4nder in Erinnerung rufen, einer Komponente unserer gemeinsamen europ\u00e4ischen Geschichte und unseres kulturellen Erbes. Er unterstreicht auch die europ\u00e4ischen Kernwerte Freiheit, Achtung der Menschenrechte, Toleranz und Solidarit\u00e4t. Diese Route beginnt entweder in den Cevennen oder im Piemont und f\u00fchrt 2000 Kilometer \u00fcber Genf nach Deutschland, wo die Vertriebenen letztlich Aufnahme gefunden haben.<\/p>\n<p>Seit einigen Jahren bem\u00fchen sich all diese Initiativen, als \u201eEuropean Cultural Routes\u201c vom Europarat anerkannt zu werden. Das Kulturroutenprogramm wurde 1987 vom Europarat mit der Erkl\u00e4rung von Santiago de Compostela (!) ins Leben gerufen. Indem die Kulturrouten des Europarates Menschen und Orte in Netzwerken gemeinsamer Geschichte und gemeinsamen Erbes zusammenf\u00fchren, laden sie ein zu reisen und das reiche und vielf\u00e4ltige Erbe Europas zu entdecken. Sie hauchen den Werten des Europarates &#8211; Menschenrechte, kulturelle Demokratie, kulturelle Vielfalt, gegenseitiges Verst\u00e4ndnis und grenz\u00fcberschreitender Austausch &#8211; Leben ein: Mehr als 30 Kulturrouten des Europarates bieten allen B\u00fcrgern Europas und dar\u00fcber hinaus reichhaltiges Erholungs- und Bildungsprogramm an, und bilden eine Schl\u00fcsselressource f\u00fcr verantwortlichen Tourismus und nachhaltige Entwicklung. Sie decken eine Vielzahl von Themen ab, von Architektur und Landschaft bis zu religi\u00f6sen Einfl\u00fcssen, von Gastronomie und immateriellem Erbe bis zu wichtigen Figuren der europ\u00e4ischen Kunst, Musik und Literatur.<\/p>\n<p>Schon 1987 wurden die <strong>Jakobswege<\/strong> nach Santiago de Compostela als ECR zertifiziert. Routen des j\u00fcdischen und maurischen Erbes von Al-Andalus geh\u00f6ren ebenso dazu wie Routen um Mozart, Robert Louis Stevenson, St. Martin, den Zisterziensern, den Iroschottischen M\u00f6nchen, dem Eisernen Vorhang, der Industrialisierung und viele andere.<\/p>\n<p>2010 wurde der <strong>Olavsweg<\/strong> als ECR zertifiziert. Olav II. Haraldsson, sp\u00e4ter bekannt als Sankt Olav, war ab 1015 K\u00f6nig von Norwegen. Nach seinem Tod in der Schlacht von Stiklestad im Jahr 1030 wurde er zum M\u00e4rtyrer und Heiligen erkl\u00e4rt, was zur Verbreitung seines Mythos beitrug. Bald wurde er als Heiliger verehrt und zahlreiche Pilgerwege aus ganz Europa, auch aus dem Heiligen Land (es gibt ein Bild von Olav in der Geburtskirche von Bethlehem von 1160 n.Chr.), f\u00fchrten zu seinem Grab. F\u00fcr Jahrhunderte reisten Pilger nach seinem Tod durch Skandinavien entlang der Routen, die zur Nidaros-Kathedrale in Trondheim f\u00fchrten, in der Sankt Olav begraben wurde. Dieses Pilgern kam mit der Reformation, ca. 1540, zu einem Ende bis es in unseren Tage wiederbelebt wurde.<\/p>\n<p>Der heutige <strong>Birgitta Pilgerweg<\/strong> verl\u00e4uft von Sassnitz auf R\u00fcgen \u00fcber die Hansestadt Stralsund, G\u00fcstrow, die mecklenburgische Landeshauptstadt Schwerin weiter nach Zarrenthin bis nach Niedersachsen. Vorbei an Meisterwerken der Backsteingotik, durch das Sternberger Seenland und zu ehemaligen Kl\u00f6stern \u2013 so vermutet man die Pilgerroute der Heiligen Birgitta im Jahr 1341. Die Heilige Birgitta, Begr\u00fcnderin des nach ihr benannten Erl\u00f6serordens, begab sich 1341 gemeinsam mit ihrem Mann Ulf auf Pilgerreise von Schweden nach Santiago de Compostela. Dabei durchquerte sie das heutige Mecklenburg-Vorpommern. Die damaligen Pilger orientierten sich an Wallfahrts- und Kraftorten, wie dem Antoniter-Hospital und Kloster Tempzin oder den Domen in G\u00fcstrow und Schwerin.\u00a0Im Jahr 1391 wurde Birgitta von Papst Bonifatius IX heiliggesprochen. Im Jahr 1396 ernannte sie der Papst zur Schutzheiligen von Schweden. Papst Johannes Paul II ernannte sie 1998 zur Schutzpatronin Europas.<\/p>\n<p>2013 wurde der <strong>Weg der Hugenotten und Waldenser<\/strong> ins Programm aufgenommen. 1685 begann eine \u00c4ra der Verfolgung, nachdem der franz\u00f6sische K\u00f6nig Ludwig XIV. das Edikt von Nantes widerrufen hatte. 200.000 Hugenotten suchten Zuflucht in den protestantischen L\u00e4ndern Europas und der Welt. Die Waldenser aus den T\u00e4lern des Piemonts gingen ebenfalls ins Exil und folgten dem gleichen Weg. Diese ca. 2.000 km lange internationale Route verfolgt den historischen Weg, der w\u00e4hrend dieses Exils beschritten wurde. Der Weg f\u00fchrt von S\u00fcdfrankreich \u00fcber Italien (Piemont) nach Genf und von dort weiter nach Hessen, wo er in Bad Karlshafen, einer hugenottischen Ansiedlung, endet.<\/p>\n<p>Dieser Weg weist eine \u00c4hnlichkeit mit dem Weg des Buches auf: Beide verbinden keine heiligen Orte und f\u00fchren nicht zu einem M\u00e4rtyrergrab oder dergleichen, sondern erinnern an historische Erfahrungen in der Folge des reformatorischen Umbruchs in Europa. Sie sind also auch Erinnerungs-und Gedenkwege, die im Zusammenhang stehen mit anderen Routen, auf denen zumeist leidvolle Erfahrungen der Unterdr\u00fcckung und Diskriminierung, der Deportation und Vertreibung, von Flucht und Exil gemacht wurden.<\/p>\n<h3>\u00d6kumenischer Pilgerweg Loccum &#8211; Volkenroda<\/h3>\n<p>Ein \u00d6kumenischer Pilgerweg der Pilgerweg Loccum &#8211; Volkenroda, verl\u00e4uft von Loccum in Niedersachsen bis nach Volkenroda in Th\u00fcringen. Der Pilgerpfad passiert die Orte Hameln, Stadtoldendorf, Uslar und Heiligenstadt und bringt dabei 300 Kilometer hinter sich. Die evangelische Landeskirche er\u00f6ffnete den Weg im Jahr 2005. Er f\u00fchrt entlang der Weser, der Leine und der Unstrut. Man lernt das Zisterzienserkloster Amelungsborn, den Naturbark Solling und die ehemalige Grenze zur DDR kennen. Der Pilgerweg verbindet die ehemaligen Zisterziensterkl\u00f6ster Loccum und Volkenroda. Es gibt viele weitere Kl\u00f6ster auf diesem Pilgerweg zu entdecken. Sie beheimaten heute unterschiedliche Konfessionen. Es ist historisch nicht belegt, ob der Weg fr\u00fcher tats\u00e4chlich durch M\u00f6nche benutzt worden ist. Aber es darf als feststehend betrachtet werden, dass die Zisterzienserm\u00f6nche fr\u00fcher die Wege gepilgert sind, die zwischen dem Kloster Loccum und dem Kloster Volkenroda liegen, denn es wurden dazwischen mehrere weitere Zisterzienserkl\u00f6ster gegr\u00fcndet.\u00a0Der Weg ist mit Wegmarken beschildert und in 17 Tagesetappen unterteilt.<\/p>\n<h3>\u00d6kumenischer Pilgerweg G\u00f6rlitz &#8211; Vacha<\/h3>\n<p>Dieser \u00d6kumenische Pilgerweg verl\u00e4uft entlang der historischen Via Regia. Er beginnt in Breslau bzw. G\u00f6rlitz (polnische Grenze) und f\u00fchrt nach Vacha. Hier schlie\u00dfen sich weitere Pilgerwege an, insbesondere der Jakobsweg, der nach Santiago de Compostela leitet. In Deutschland verl\u00e4uft der \u00d6kumenische Pilgerweg somit durch die Bundesstaaten Sachsen, Sachsen-Anhalt und Th\u00fcringen. Er bew\u00e4ltigt eine Strecke von 420 Kilometern Der Weg verl\u00e4uft durch die Orte Bautzen, Gro\u00dfenhain, Leipzig, Naumburg, Erfurt, Gotha und Eisenach. Verfehlen kann man diesen Pilgerweg nicht, denn er ist mit der Jakobsmuschel beschildert. Auch Pilgerunterk\u00fcnfte findet man in all diesen Orten, entweder von der Kirchengemeinde oder aber von Privatpersonen. Es handelt sich oftmals um historische Pilgerherbergen. Der Pilgerpfad folgt der alten Via Regia, einer historischen Handelsstrasse im mitteldeutschen Raum. Er ist im Jahr 2003 er\u00f6ffnet worden.<\/p>\n<p>Alte Pilgerwege werden wiederbelebt, wie die Via Francigena von Canterbury nach Rom, oder die verschiedenen Elisabethpfade, die zum Grab der Heiligen nach Marburg f\u00fchren.<br \/>\nNeue werden begr\u00fcndet, wie der Benediktweg zu Ehren Papst Benedikt XVI., der als Rundweg mit Ausgangs- und Zielpunkt in Alt\u00f6tting verschiedene Orte, die mit dem Leben Joseph Ratzingers in Verbindung stehen (Marktl usw.) miteinander verbindet.<\/p>\n<p>In \u00d6sterreich nennt die Website von pilgern.at 21 Pilgerwege, darunter nat\u00fcrlich die verschiedenen Jakobswege, die Wege nach Mariazell, die Hemmapilgerwege im fr\u00fcheren Inner\u00f6sterreich, also Steiermark, K\u00e4rnten (mit dem Zentrum der Hemmaverehrung im Dom von Gurk) und Slowenien, und auch den Weg des Buches mit vielen anderen. Dazu kommen 3 Alpine Pilgerwege, darunter \u201eHoch und Heilig\u201c, der Osttirol, S\u00fcdtirol und K\u00e4rnten verbindet (Ziel ist Heiligenblut) mit 13 000 H\u00f6henmetern in 9 Etappen sicher eine Herausforderung, und 3 Radpilgerwege, die auch mit dem E-Bike Boom zusammenh\u00e4ngen. Hier wird es in Zukunft sicher mehr geben.<\/p>\n<h3>Pilgern ist menschlich<\/h3>\n<p>Seit es Menschen gibt, waren sie auch pilgernd unterwegs zu besonderen heiligen Orten und zu besonderen heiligen Zeiten. Schon immer traf man sich an Heiligt\u00fcmern, um gemeinsam zu beten, zu singen, zu feiern, die Gemeinschaft zu genie\u00dfen oder auch ein Opfer darzubringen und es zu teilen.<br \/>\nWer pilgert, bricht auf (manchmal auch aus), ist f\u00fcr eine gewisse Zeit unterwegs und kommt wieder heim. Ver\u00e4ndert. Erneuert. Gewandelt.<\/p>\n<p><em>Wir lauschen der Stimme des anderen Tages,<\/em><br \/>\n<em>der in uns beginnt.<\/em><br \/>\n<em>Und h\u00f6ren nicht auf zu wandern,<\/em><br \/>\n<em>bis wir verwandelt sind.<\/em><br \/>\n(Marie Luise Kaschnitz, 1901-1974)<\/p>\n<p>Die Dreistufigkeit der Pilgergrunderfahrung (also Aufbruch, Unterwegssein und Ankommen) zeigt dasselbe Grundmuster wie \u00dcbergangsrituale. \u00dcbergangsrituale bestehen aus drei Phasen: Trennung, \u00dcbergang und Wiedereingliederung. Bei der Trennung erfolgt die Losl\u00f6sung vom Alltag. Die Identit\u00e4t wird einmal geschw\u00e4cht, in Frage gestellt, damit etwas Neues entstehen kann. Der \u00dcbergang ist meistens ambivalent. Man ist \u201ebetwixt and between\u201c, weder-noch, nicht mehr der oder die Alte, aber auch noch nicht neu. Oft geh\u00f6rt zu dieser Phase auch ein besonderes Verhalten: Schweigen, Askese, k\u00f6rperliche Anstrengung. Die schon mit dem Aufbruch einsetzende Schw\u00e4chung der Identit\u00e4t wird stark gesteigert. Deshalb kann gerade in der \u00dcbergangsphase die Gemeinschaft wichtig werden. Sie ist meist anders als die Formen von Gemeinschaft, die aus dem Alltag bekannt sind, also nichthierarchisch und selbstlos.<\/p>\n<p>Solche \u00dcbergangsrituale k\u00f6nnen best\u00e4tigend oder ver\u00e4ndernd wirken. Das zeigt sich in der dritten Phase, bei der Wiedereingliederung in den Alltag. Mache ich die Pilgerwanderung, um noch fitter und noch besser angepasst in den Alltag zur\u00fcckzukommen oder riskiere ich eine Verwandlung, die es mir schwer oder sogar unm\u00f6glich macht, einfach dort fortzusetzen, wo ich aufgeh\u00f6rt habe?<\/p>\n<p>Schon diese ersten \u00dcberlegungen machen deutlich, dass der Pilgerweg immer auch in Beziehung steht zum eigenen Lebensweg. In konzentrierter Form l\u00e4sst uns ein Pilgerweg Erfahrungen machen, die sich in Beziehung setzen zu unseren jeweiligen Lebenswegen. Der wird immer zumindest ein St\u00fcck weit, manchmal auch sehr weit, in Frage gestellt. Aber auch umgekehrt: Wenn der eigene Lebensweg schon in Frage steht, kann es gut und hilfreich sein, die konzentrierte Wegerfahrung des Pilgerns zu machen. Ob es jetzt kl\u00e4rend oder eher verwirrend ist, in jedem Fall ist wirkliches Pilgern kein blo\u00dfer Freizeitspa\u00df und auch nicht nur eine sportliche Unternehmung. Das sollte man sich gut \u00fcberlegen, bevor man sich allein oder in einer Gruppe auf den Weg macht.<\/p>\n<figure id=\"attachment_7350\" aria-describedby=\"caption-attachment-7350\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7350\" src=\"http:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Weg_des_Buches_CMYK-600x284.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"142\" srcset=\"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Weg_des_Buches_CMYK-600x284.jpg 600w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Weg_des_Buches_CMYK.jpg 1025w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7350\" class=\"wp-caption-text\">Bild: Evangelische Kirche A.B. in \u00d6sterreich<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Weg des Buches entspricht genau der sogenannten \u201eVessel-Rituality\u201c. Darunter wird in der Religionsforschung folgendes verstanden: Rituale \u2013 und das Pilgern ist auch ein Ritual im weitesten Sinn \u2013 k\u00f6nnen heute nicht einfach einen, f\u00fcr alle verbindlichen Sinn vorgeben. In unserer pluralisierten und individualisierten Gesellschaft ist das nicht mehr m\u00f6glich. Rituale bieten bestenfalls noch einen gemeinsamen Rahmen, eben ein Gef\u00e4\u00df, ein \u201eVessel\u201c, das gemeinsam vollzogen werden kann. Aber die innere Haltung der Teilnehmenden ist dabei frei. Das Ritual muss sich nicht erkl\u00e4ren, es gen\u00fcgt, wenn es vollzogen wird. Als Vessel bleiben sie aber in einer gewissen Unverbindlichkeit, die aber das Gef\u00fchl der Gemeinschaft nicht st\u00f6ren muss. Das Gef\u00e4\u00df Ritual ist nicht \u00fcberfl\u00fcssig, es bietet einen Schutzraum, der Offenheit erm\u00f6glicht und den individuellen Sehns\u00fcchten Raum gibt. Viele Pilger legen Wert darauf, sich den Sinn jeweils selbst zu erschlie\u00dfen und ihn nicht quasi fertig vorgesetzt zu bekommen. Hier ist also die individuelle Erfahrung und Deutung von gro\u00dfer Wichtigkeit. Gleichzeitig \u2013 und das ist ein wenig paradox \u2013 wird es gesch\u00e4tzt, wenn der Pilgerweg selbst, also der Vollzug des Rituals, ganz konventionell ist. Man geht wieder in eine Kirche. Bei gemeinsamem Pilgern werden die geistlich gepr\u00e4gten Stationen, Texte, Lesungen und Lieder sehr gesch\u00e4tzt. Die Teilnahme daran verpflichtet zu nichts, nicht einmal dazu, eine innere, eigene Beziehung zu den Inhalten zu entwickeln. Aber es ist angeboten und immer wieder wird es auch gerne angenommen.<\/p>\n<p><em>Einmal sollte man seine Siebensachen<\/em><br \/>\n<em>Fortrollen aus diesen glatten Gleisen.<\/em><br \/>\n<em>Man m\u00fcsste sich aus dem Staube machen<\/em><br \/>\n<em>Und fr\u00fch am Morgen unbekannt verreisen.<\/em><br \/>\n<em>Man sollte nicht p\u00fcnktlich wie bisher<\/em><br \/>\n<em>Um acht Uhr zehn den Omnibus besteigen.<\/em><br \/>\n<em>Man m\u00fcsste sich zu Baum und Gr\u00e4sern neigen,<\/em><br \/>\n<em>Als ob das immer so gewesen w\u00e4r.<\/em><\/p>\n<p>So die Dichterin Mascha Kaleko (1907-1975). Ja, einmal sollte man, einmal m\u00fcsste man. Warum ist das Pilgern, das Wandern, Trekking und Wallfahrten heute so beliebt? Weil Menschen einmal weg wollen, einmal weg m\u00fcssen. Fortrollen aus diesen glatten Gleisen, die den Alltag ausmachen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_7337\" aria-describedby=\"caption-attachment-7337\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7337\" src=\"http:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/01_Cover-Wanderbuch-WdB-386x600.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"467\" srcset=\"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/01_Cover-Wanderbuch-WdB-386x600.jpg 386w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/01_Cover-Wanderbuch-WdB-658x1024.jpg 658w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/01_Cover-Wanderbuch-WdB-987x1536.jpg 987w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/01_Cover-Wanderbuch-WdB-1316x2048.jpg 1316w, https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/01_Cover-Wanderbuch-WdB.jpg 1594w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7337\" class=\"wp-caption-text\">Bild: Evangelische Kirche A.B. in \u00d6sterreich<\/figcaption><\/figure>\n<p>Viele, die heute unterwegs sind, als Wanderer, als Pilger, suchen etwas. Und es werden von Jahr zu Jahr mehr, die sich auf den Pilgerweg machen. Das schl\u00e4gt sich in der Literatur nieder, etwa bei Paolo Coelho (\u201eAuf dem Jakobsweg\u201c 1999), Hape Kerkeling (\u201eIch bin dann mal weg\u201c 2006) oder Shirley MacLaine (\u201eDer Jakobsweg\u201c 2001), aber auch in manchen Filmen (\u201ePilgern auf Franz\u00f6sisch\u201c, Frankreich 2005; \u201eDein Weg\u201c USA\/Spanien 2010 und aus \u00d6sterreich \u201eAuf dem Jakobsweg \u2013 Br\u00fcder III\u201c mit Andreas Vitasek, Wolfgang B\u00f6ck und Erwin Steinhauer, Regie: Wolfgang Murnberger).<\/p>\n<p>Erste wissenschaftliche Besch\u00e4ftigungen mit den Motiven und Erfahrungen von Pilgern und Pilgerinnen sind durchgef\u00fchrt worden. Pilgerliteratur erscheint immer mehr. Insgesamt: Pilgern ist in. Aber was suchen die Menschen eigentlich? Ich vermute: Sie suchen das Weite. Das Buch von Hape Kerkeling steht daf\u00fcr. Einen Ausbruch aus den beengenden Bedingungen des allt\u00e4glichen Lebens. Aber: Wer das Weite sucht, ist oft auch vor irgendetwas auf der Flucht, ist nicht selten dabei, Davonzulaufen. Wer das Weite sucht, will m\u00f6glichst viel von dem hinter sich lassen, was einen Tag aus Tag ein besch\u00e4ftigt, vielleicht auch bedr\u00fcckt und qu\u00e4lt. Nicht wenige wollen auch sich selbst zur\u00fccklassen. Sie sind getrieben von der Sehnsucht nach dem Anderen, nach dem ganz Anderen und davon, selbst anders zu werden. Davon spricht Paolo Coelho. Manche verwechseln diese Sehnsucht mit Zerstreuung, mit Zeitvertreib, mit Fitness und Wellness und kehren unverwandelt, unver\u00e4ndert, nur fitter, frischer, munterer in ihren grauen Alltag zur\u00fcck. Wieder in den glatten Gleisen. Andere wieder \u2013 wie Shirley MacLaine \u2013 suchen das Eins-Werden mit der Natur, die Aufl\u00f6sung des eigenen Ich in einem gro\u00dfen Ganzen. Zwischen Selbst\u00fcberwindung und Kampf (bei Coelho), oder dem Ausprobierten und Experimentieren mit sich selbst und der Welt (Kerkeling) und dem Eins-Werden, dem Aufl\u00f6sen (wie bei MacLaine) spannt sich ein weiter Bogen. Was in der Literatur begegnet, best\u00e4tigen auch die empirischen Befragungen von Pilgern und Pilgerinnen.<br \/>\nAber christliche Fr\u00f6mmigkeit ist keine Anleitung, das Weite zu suchen. Christlicher Glaube l\u00e4dt ein dieWeite zu suchen. Nicht die Zerstreuung, sondern die Sammlung und Konzentration auf die Mitte, das Zentrum des Lebens, nicht den Zeitvertreib, sondern die Ewigkeit im Jetzt, die F\u00fclle, die Erf\u00fcllung der Zeit. Als gottgewollter Mensch in Gemeinschaft mit allem, was gottgewollte Sch\u00f6pfung ist. Sich wieder zu Baum und Gr\u00e4sern neigen, als ob das immer so gewesen w\u00e4re. Dabei scheinen mir die drei Aspekte hilfreich, die der \u00d6TK f\u00fcr seinen Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens benannt hat: Die via positiva, also die Freude an der Sch\u00f6pfung und der eigenen Leiblichkeit, die via negativa, also das Wahrnehmen der Wunden und Leiderfahrungen, seien sie historisch oder aktuell, aber auch der eigenen Grenzen, und schlie\u00dflich vor allem die via transformativa, die ver\u00e4ndernde, ja verwandelnde Kraft des Pilgerns.<\/p>\n<h3>Schluss<\/h3>\n<p>Zum Schluss will ich Ihnen und Euch ein besonderes evangelisches Pilgerlied vorstellen. Es findet sich im EG (393), leider nicht im GL.<\/p>\n<p><strong>Gerhard Tersteegen<\/strong> (1697-1769) stammte aus einem frommen Elternhaus. Er hatte f\u00fcnf \u00e4ltere Br\u00fcder und zwei Schwestern. Einer seiner Br\u00fcder war Prediger, die anderen Kaufleute. Der Vater, der Kaufmann Heinrich Tersteegen, verstarb bereits 1703. Im gleichen Jahr, also im Alter von sechs Jahren, begann Tersteegen mit dem Besuch der Lateinschule, wo er auch Griechisch und Hebr\u00e4isch lernte. Da seiner Mutter die Mittel f\u00fcr ein von ihm gew\u00fcnschtes Theologiestudium fehlten, ging Tersteegen 1713 zu einem Schwager nach M\u00fclheim, um Kaufmann zu werden. Nach Abschluss der Lehre im Jahr 1717 gr\u00fcndete er ein eigenes Gesch\u00e4ft. 1719 zog er sich wieder aus dem Beruf zur\u00fcck, da er ihn nach seiner Erweckung mit 16 Jahren zu sehr zerstreute und vom Wachsen der Gnade abhielt. Er suchte sich ein stilleres Gewerbe zuerst als Leinenweber, da ihm diese Arbeit nicht gesundheitlich zutr\u00e4glich, war dann als Seidenbandweber in k\u00e4rglicher Armut und Einsamkeit. Zugleich nahm er an den \u00dcbungen, den w\u00f6chentlichen Erbauungsstunden, des Candidaten Wilhelm Hoffmann teil und ergriff hier auch selbst das Wort. 1728 gab er das Weben ganz auf und lebte von Gaben zu seinem Lebensunterhalt und f\u00fcr seine Mildt\u00e4tigkeit. So wurde er Laienprediger und der einzige Mystiker des reformierten Pietismus, indem er unter anderem Schriften katholischer Mystiker, wie Teresa von \u00c1vila, \u00fcbersetzte. Er predigte auch am ganzen Niederrhein und in Holland. 1756 musste er dies wegen schlechter Gesundheit einschr\u00e4nken und im M\u00e4rz 1769 erkrankte er an Wassersucht (Herzinsuffizienz). Er starb am 3. April.<\/p>\n<p>Obwohl Tersteegen soweit mir bekannt ist kein Pilger war, spricht er aus Erfahrung. Das Leben des Christen, der Christin wird als Pilgerweg verstanden. An einer Stelle kann man meinen, es geht um den Pilgerweg zum Heiligen Grab nach Jerusalem. Aber das eigentliche Ziel ist die Einkehr, die Heimkehr bei Gott. Vieles von dem, was Menschen heute von ihren Pilgererfahrungen berichten, findet sich im Text des Liedes. Menschsein hei\u00dft unterwegs sein, vor allem Christsein! Die eingangs erw\u00e4hnte Hintergrundstrahlung des Biblisch begr\u00fcndeten Glaubens beginnt hell zu leuchten.<\/p>\n<ol>\n<li>Kommt, Kinder, lasst uns gehen,<br \/>\nder Abend kommt herbei;<br \/>\nes ist gef\u00e4hrlich stehen<br \/>\nin dieser W\u00fcstenei.<br \/>\nKommt, st\u00e4rket euren Mut,<br \/>\nzur Ewigkeit zu wandern<br \/>\nvon einer Kraft zur andern;<br \/>\nes ist das Ende gut.<\/li>\n<li>Es soll uns nicht gereuen<br \/>\nder schmale Pilgerpfad;<br \/>\nwir kennen ja den Treuen,<br \/>\nder uns gerufen hat.<br \/>\nKommt, folgt und trauet dem;<br \/>\nein jeder sein Gesichte<br \/>\nmit ganzer Wendung richte<br \/>\nfest nach Jerusalem.<\/li>\n<li>Geht&#8217;s der Natur entgegen,<br \/>\nso geht&#8217;s gerad und fein;<br \/>\ndie Fleisch und Sinnen pflegen,<br \/>\nnoch schlechte Pilger sein.<br \/>\nVerlasst die Kreatur<br \/>\nund was euch sonst will binden;<br \/>\nlasst gar euch selbst dahinten,<br \/>\nes geht durchs Sterben nur.<\/li>\n<li>Man muss wie Pilger wandeln,<br \/>\nfrei, blo\u00df und wahrlich leer;<br \/>\nviel sammeln, halten, handeln<br \/>\nmacht unsern Gang nur schwer.<br \/>\nWer will, der trag sich tot;<br \/>\nwir reisen abgeschieden,<br \/>\nmit wenigem zufrieden;<br \/>\nwir brauchen&#8217;s nur zur Not.<\/li>\n<li>Schm\u00fcckt euer Herz aufs beste,<br \/>\nsonst weder Leib noch Haus;<br \/>\nwir sind hier fremde G\u00e4ste<br \/>\nund ziehen bald hinaus.<br \/>\nGemach bringt Ungemach;<br \/>\nein Pilger muss sich schicken,<br \/>\nsich dulden und sich b\u00fccken<br \/>\nden kurzen Pilgertag.<\/li>\n<li>Kommt, Kinder, lasst uns gehen,<br \/>\nder Vater gehet mit;<br \/>\ner selbst will bei uns stehen<br \/>\nbei jedem sauren Tritt;<br \/>\ner will uns machen Mut,<br \/>\nmit s\u00fc\u00dfen Sonnenblicken<br \/>\nuns locken und erquicken;<br \/>\nach ja, wir haben&#8217;s gut.<\/li>\n<li>Kommt, Kinder, lasst uns wandern,<br \/>\nwir gehen Hand in Hand;<br \/>\neins freuet sich am andern<br \/>\nin diesem wilden Land.<br \/>\nKommt, lasst uns kindlich sein,<br \/>\nuns auf dem Weg nicht streiten;<br \/>\ndie Engel selbst begleiten<br \/>\nals Br\u00fcder unsre Reihn.<\/li>\n<li>Sollt wo ein Schwacher fallen,<br \/>\nso greif der St\u00e4rkre zu;<br \/>\nman trag, man helfe allen,<br \/>\nman pflanze Lieb und Ruh.<br \/>\nKommt, bindet fester an;<br \/>\nein jeder sei der Kleinste,<br \/>\ndoch auch wohl gern der Reinste<br \/>\nauf unsrer Liebesbahn.<\/li>\n<li>Kommt, lasst uns munter wandern,<br \/>\nder Weg k\u00fcrzt immer ab;<br \/>\nein Tag, der folgt dem andern,<br \/>\nbald f\u00e4llt das Fleisch ins Grab.<br \/>\nNur noch ein wenig Mut,<br \/>\nnur noch ein wenig treuer,<br \/>\nvon allen Dingen freier,<br \/>\ngewandt zum ewgen Gut.<\/li>\n<li>Es wird nicht lang mehr w\u00e4hren,<br \/>\nhalt noch ein wenig aus;<br \/>\nes wird nicht lang mehr w\u00e4hren,<br \/>\nso kommen wir nach Haus;<br \/>\nda wird man ewig ruhn,<br \/>\nwenn wir mit allen Frommen<br \/>\nheim zu dem Vater kommen;<br \/>\nwie wohl, wie wohl wird&#8217;s tun.<\/li>\n<li>Drauf wollen wir&#8217;s denn wagen,<br \/>\nes ist wohl wagenswert,<br \/>\nund gr\u00fcndlich dem absagen,<br \/>\nwas aufh\u00e4lt und beschwert.<br \/>\nWelt, du bist uns zu klein;<br \/>\nwir gehn durch Jesu Leiten<br \/>\nhin in die Ewigkeiten:<br \/>\nEs soll nur Jesus sein.<\/li>\n<\/ol>\n<h3>Pilgern ist biblisch<\/h3>\n<p>Auch andere Religionen kennen die Pilgerschaft: Ein Moslem soll einmal in seinem Leben den Hadsch auf sich nehmen und eine Pilgerreise zur Kaaba nach Mekka (Saudi Arabien) und nach Medina (Grab des Propheten Mohammed) unternehmen.<\/p>\n<p>Im Buddhismus und im Hinduismus kennt man die Pilgerschaft zum schneebedeckten Berg Kailash (6741 m) bei Lhasa\/Tibet, der als Sitz des Gottes Siva gilt. Und im buddhistischen Japan gibt es den Shikoku-Pilgerweg mit 88 Tempeln (1400km). Das sind nur wenige Beispiele.<\/p>\n<p>Die Wurzeln der christlichen Pilgerschaft liegen im antiken Judentum. Dort gibt es drei Feste im Jahr, zu denen man nach Jerusalem aufbrechen konnte: Das Befreiungsfest (Passah), das Wochenfest (Schavuot) und das Laubh\u00fcttenfest (Sukkot). Die Juden in Jud\u00e4a, Kleinasien und Nordafrika haben teilweise sehr weite Wege auf sich genommen, um rechtzeitig zum Fest in Jerusalem am Tempel zu sein. Selbst der j\u00fcdische Philosoph Philo von Alexandria (20 v. Chr. \u2013 ca. 45\/50 n. Chr.) brach zu einem gut siebenhundert Kilometer langen Weg nach Jerusalem auf, um dort an einem Pilgerfest teilzunehmen. Auf dem Pilgerweg hat man Wallfahrtspsalmen gebetet, zum Beispiel den Psalm 121 oder die Psalmen 136\u2013150, die auch das Gebet der heutigen Pilger inspirieren. Und schon im Alten Testament kennt man den Gedanken der \u201eV\u00f6lkerwallfahrt zum Zion\u201c (Zion ist der Berg, auf dem sie Stadt Jerusalem gebaut ist): Alle Menschen sind vereint, um am Jerusalemer Tempel Gott ehren (Jesaja 2,2\u20135). Und noch heute spielt die Stadt Jerusalem in j\u00fcdischen Gebeten eine gro\u00dfe Rolle und manche Juden pilgern zur Westmauer des fr\u00fcheren Jerusalemer Tempelareals, um dort zu beten.<\/p>\n<p>Der christliche Glaube hat seine st\u00e4rksten \u2013 die biblischen \u2013 Erfahrungen auf dem Weg gemacht: Jesus war mit seinen J\u00fcngern in Galil\u00e4a wandernd unterwegs. Und bereits als Zw\u00f6lfj\u00e4hriger, so erz\u00e4hlt der Evangelist Lukas in Lukas 2, pilgerten er und seine Familie nach Jerusalem zum Passahfest, dem j\u00fcdischen Fest Befreiung aus \u00c4gypten und dem langen Weg der Bewahrung des Volkes Israel in der W\u00fcste. An einem Passahfest hat Jesus seinen Tod erlitten. Und der vielerorts heute noch bekannte \u201eOsterspaziergang\u201c, erz\u00e4hlt vom Weg der J\u00fcnger von Jerusalem nach Emmaus und wieder zur\u00fcck und von der Verwandlung, die die J\u00fcnger dabei erfahren haben (Lukas 24). Jesus selbst hat sich als den Weg bezeichnet (Johannes 14,6) und das fr\u00fche Christentum nannte man anfangs einfach nur den \u201eNeuen Weg\u201c (Apostelgeschichte 9,2; 19,23). Diese vielen biblischen Weg-Texte der Bibel gilt es neu zu entdecken!<\/p>\n<h3>Pilgern ist christlich<\/h3>\n<p>Bereits im vierten Jahrhundert brachen Christen ins Heilige Land auf, um die St\u00e4tten zu besuchen, an denen Jesus gelebt hat, zum Beispiel die Pilgerin Egeria (um 400) oder der Pilger von Bordeaux (um 333 n.Chr.). Die Mosaik-Landkarte auf dem Boden der Georgs-Kirche in der jordanischen Stadt Madaba ist die erste Karte von Pal\u00e4stinapilgern (542 n. Chr.).<\/p>\n<p>Die ber\u00fchmtesten christlichen Pilgerorte sind neben Jerusalem: Die Stadt Rom, weil man dort die Gr\u00e4ber von Paulus und Petrus vermutet. Heute geht man nach Rom auf der Via Romea oder der Via Francigena. Und auf dem Camino nach Santiago de Compostela, weil man das dortige Grab dem Apostel Jakobus dem \u00c4lteren zuschreibt.<\/p>\n<p>Der Boom des Pilgerns ist ein neues Ph\u00e4nomen auf alten Spuren. Menschen brechen auf, um ihrem Leben Tiefe und Sinn zu geben. So spricht man gerne von einer Wiederbelebung der Jakobswege, auch wenn man heute unter modernen Vorzeichen pilgert. Heute wie fr\u00fcher bedeutet Pilgern aus der Alltagswelt auszubrechen, und die Einfachheit und die direkte menschliche Begegnung zu suchen und um Gott zu begegnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>[2020-03-24] Den letzten Vortrag der diesj\u00e4hrigen Fastenaktion wollte der fr\u00fchere evangelische Bischof, Hon. Prof. Dr. Michael B\u00fcnker im Neualmer Pfarrzentrum abhalten. Wegen der Absage s\u00e4mtlicher Veranstaltungen durch die Corona-Krise ist das nun nicht mehr m\u00f6glich. <a class=\"mh-excerpt-more\" href=\"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/?p=7327\" title=\"Dass dich des Tages die Sonne nicht steche\">[&#8230;]<\/a><\/p>\n<\/div>","protected":false},"author":8,"featured_media":7354,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":{"0":"post-7327","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-fastenaktion-archiv"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7327","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7327"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7327\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8029,"href":"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7327\/revisions\/8029"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/7354"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7327"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7327"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7327"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}