{"id":7866,"date":"2020-09-21T00:00:19","date_gmt":"2020-09-20T22:00:19","guid":{"rendered":"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/?p=7866"},"modified":"2020-09-22T14:12:01","modified_gmt":"2020-09-22T12:12:01","slug":"angst-und-vertrauen-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/?p=7866","title":{"rendered":"Angst und Vertrauen (2\/6)"},"content":{"rendered":"<div class=\"page\" title=\"Page 6\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>[21.09.2020]<\/p>\n<h3>Interview mit Anna Kohl<\/h3>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-7868\" src=\"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/anna_kohl.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"389\" \/>Anna Kohl lebt in Wien. Sie gilt als Kennerin der jungen Wiener Start-Up-Szene und als gut vernetzt. Sie hat sich 2018 selbstst\u00e4ndig gemacht und arbeitete als Marketingexpertin und als Business Coach. Gegenw\u00e4rtig ist die Szene in wirtschaftliche Bedr\u00e4ngnis geraten. Wie geht man mit so einer Situation um? Welche Rolle spielt Angst und Vertrauen dabei? Wir stellen diese Fragen Anna Kohl und bekommen interessante Einblicke in die Szene der Jungunternehmer*innen und weit dar\u00fcber hinaus. Sie erz\u00e4hlt uns von ihren Hoffnungen und W\u00fcnschen in gesellschaftlicher aber auch kirchlicher Hinsicht. Das Interview f\u00fchrte Vikar Thomas M\u00fcller \u201ecoronakonform\u201c via Skype.<\/p>\n<h4>Wie hast du die ersten Tage des \u201eLockdowns\u201c in Erinnerung?<\/h4>\n<p>Das war f\u00fcr mich und mein Umfeld eine komplett neuartige Situation \u2013 es herrschte eine Art kollektive Angst. Eine solche Angst habe ich zuvor nur im kleineren Rahmen \u2013 vor allem unter jungen Leuten \u2013 zum Thema Klimawandel erlebt, eine ernstzunehmende Zukunftsangst. Man hat das Gef\u00fchl, dass es keine Antworten auf diese Situation hat. Man konnte auf keine Erfahrungswerte zur\u00fcckgreifen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 7\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Die allgemeine Skepsis gegen staatliche Institutionen hat mittlerweile zugenommen. Im Februar haben die \u00d6sterreichischen Beh\u00f6rden die Situation noch heruntergespielt, mittlerweile haben die Regierungsmitglieder gro\u00dfe Hilfspakete versprochen. Kommen diese Hilfen bei der jungen Start-Up-Szene an?<\/p>\n<p>Ich glaube, es hat verschiedene Stadien gegeben. Kurz nach dem Lockdown gab es noch Hoffnung; diese ist aber sehr rasch verflogen und der Entt\u00e4uschung und Orientierungslosigkeit gewichen. Unternehmerinnen und Unternehmer sind nicht daf\u00fcr bekannt, an Demonstrationen auf der Stra\u00dfe teilzunehmen. Dennoch l\u00e4dt sich jetzt Aggression auf, die sich in irgendeiner Form entladen wird. Besonders die jungen Unternehmen haben mittlerweile verstanden, dass sie eigentlich keine ernstzunehmende Interessensvertretung in \u00d6sterreich haben. Die wirtschaftliche Situation wird sich in den kommenden Monaten noch verschlechtern. Ich habe mit ca. 40 Start-Ups in den Krisenmonaten gesprochen und ca. die H\u00e4lfte gibt an, bei den jetzigen Hilfspaketen am Ende des Jahres Insolvenz anzumelden zu m\u00fcssen. Den Wegfall der jungen Wirtschaft darf sich \u00d6sterreich langfristig nicht leisten!<\/p>\n<h4>F\u00fchrt das auch zur Erkenntnis: \u201eUns hilft man nicht, wir m\u00fcssen uns jetzt selber helfen.\u201c?<\/h4>\n<p>Absolut. Ich glaube das Misstrauen gegen\u00fcber den Beh\u00f6rden war noch nie so gro\u00df wie jetzt. Die Leute haben das Gef\u00fchl: \u201eWir sind auf uns alleine gestellt.\u201c Das betrifft nicht nur die Wirtschaft, denn schlie\u00dflich sind das auch einfach nur Menschen. Das strahlt in die Gesellschaft aus. Beinahe alle Eigent\u00fcmer*innen der EPUs (Ein-Personen-Unternehmer) und KMUs (klein und mittlere Unternehmen) investieren gerade ihr Privatverm\u00f6gen in ihre Firmen, um sie aufrecht zu erhalten. Das ist die Spitze der sozial-ungerechten Umverteilung: Denjenigen, die gutes Geld haben, tut dieses Investment nicht so weh. F\u00fcr\u00a0die Eigent\u00fcmer*innen eines KMUs kann das eine finanzielle Katastrophe sein. Kleinunternehmer*innen haben nicht einen so gro\u00dfen Sicherheitspolster. Aber auch die Gro\u00dfen trifft\u2019s nat\u00fcrlich hart.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<h4 class=\"column\">Die jungen Start-Up-Unternehmen trifft die Rezession also besonders. Wird die Krise nachhaltig-negative Auswirkungen haben?<\/h4>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 8\">\n<p>Lass mich zu den jungen Unternehmern sagen: Das, was die Wirtschaft unfassbar stark treffen wird, ist das Thema Innovation. Wir haben jahrelang f\u00fcr das Werteverst\u00e4ndnis von Innovation gek\u00e4mpft, aber jetzt wird genau diese Innovation durch Sicherheit ausgetauscht. Und das ist f\u00fcr die Wettbewerbsf\u00e4higkeit \u00d6sterreichs und Europas ein R\u00fcckschlag. Da wird man sich auf h\u00f6heren politischen Ebenen etwas \u00fcberlegen m\u00fcssen.<\/p>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<h4>Wie stark trifft die Krise Unternehmerinnen und Unternehmer unter 35?<\/h4>\n<p>Wir sind die Generation, die schon in jungen Jahren zweimal eine Krise durchgemacht hat. Die Wirtschaftskrise [2008 Anm.]. Zudem hat eine Studie \u00fcber Wertedynamik belegt, dass diese Generation sinnstiftende Arbeit sucht. \u201eold labelling\u201c [z.B. alt anmutende Flaschenetiketten etc. Anm.] spielen eine immer geringere Rolle. \u201ework-life-balance\u201c ist veraltet \u2013 Privatbed\u00fcrfnisseund berufliche Planung sollen nicht mehr gegeneinander ausgespielt werden. Und das Thema Absicherung ist jetzt besonders in den Vordergrund ger\u00fcckt. Wir haben gelernt: \u201eIch muss mich um alles selber k\u00fcmmern.\u201c Das ist das Ergebnis eines besonders stark ausgepr\u00e4gten Neoliberalismus. Und was sagt der Neoliberalismus? Er sagt uns, dass das Erwerbsleistungsprinzip \u00fcber dem gesellschaftlichen Leistungsprinzip steht \u2013 die Erfolgs-Verantwortung liegt also beim Individuum. Im Umkehrschluss nimmt das Gef\u00fchl zu, dass du als junger Mensch mehr leisten musst und trotzdem weniger schaffen kannst.<\/p>\n<h4>Verkaufen sich junge Menschen aktuell unter ihrem Wert?<\/h4>\n<p>Vielleicht eine Erfahrung dazu, was f\u00fcr junge Unternehmerinnen und Unternehmer momentan auff\u00e4llig ist: Es bewerben sich so viele High Potentials wie noch nie \u2013 also junge Menschen, die bereits eine beeindruckende Vita haben \u2013 und sie sind alle bereit, f\u00fcr viel weniger Gehalt zu arbeiten, um derzeit einen Job zu bekommen. Das f\u00fchrt langfristig in die Perspektivenlosigkeit. Andererseits entwickelt sich in den sozialen Medien gerade das genaue Gegenteil, die so genannte \u201etoxic positivity\u201c [ungesunde positive Einstellung Anm.]. Dieser toxische Positivismus ist deshalb so verblendend, da er die systemischen gesellschaftlichen Probleme, wie die der sozialen Ungleichheit, die sozial ungerechte Umverteilung, Geschlechterungerechtigkeiten etc. ausklammert. Es ist eine Flucht.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<h4>Was gibt dir in solchen schwierigen Phasen kraft?<\/h4>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 9\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>(Kurze Pause) Ich glaube, dass die Aussage: \u201eIch habe Angst\u201c in meinem Freundes- und Bekanntenkreis einen neuen Stellenwert gefunden hat. Psychische Belastungen waren auf einmal Thema. Sogar ehemalige Kundinnen und Kunden haben mich angerufen und gefragt, wie es mir geht und wollten selbst erz\u00e4hlen. Das war interessant.<\/p>\n<h4>Kommt in diesen Zeiten den Kirchen und Religionsgemeinschaften eine besondere Aufgabe zu?<\/h4>\n<p>Die Kirche kann eine unglaublich wichtige Arbeit leisten, indem sie diese Hoffnungslosigkeit aufgreift und das Thema in einem offenen und transparenten Diskurs bearbeitet. Dabei soll sie auf Dialog bauen und gemeinschaftlich dieses Problem angehen, die Menschen also nicht damit alleine lassen. Ich bin auch gespannt, was sich die Glaubensgemeinschaften f\u00fcr digitale L\u00f6sungen einfallen lassen werden.<\/p>\n<h4>Die gibt\u2019s schon, Stichwort \u201edigitale Kirche\u201c.<\/h4>\n<p>Das f\u00e4nde ich sch\u00f6n, denn ich glaube viele Leute haben derzeit eine Hemmschwelle vor Menschenansammlungen. Manchmal tut es gut, in der Anonymit\u00e4t zu verschwinden.<\/p>\n<h4>Was gibt dir in herausfordernden Zeiten Vertrauen?<\/h4>\n<p>Ich finde Vertrauen als etwas sehr Besonderes und Empfindliches. Wenn wir das Wort zerlegen, geht es auch darum, sich etwas zu trauen. F\u00fcr mich war es wichtig zu erkennen, dass ich vollstes Vertrauen in meine Kompetenzen habe. Auch meine Schmerzerfahrung schenkt mir Vertrauen. Wer schon Krisen \u2013 pers\u00f6nliche und berufliche \u2013 erlebt und aufgearbeitet hat, ist besser f\u00fcr den Umgang mit weiteren gewappnet.<\/p>\n<p>Anna Kohl<br \/>\nBusiness Coach &amp; Beraterin<br \/>\nMarketingkommunikation<br \/>\ninfo@annakohl.at<br \/>\nwww.annakohl.at<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>[21.09.2020] Interview mit Anna Kohl Anna Kohl lebt in Wien. Sie gilt als Kennerin der jungen Wiener Start-Up-Szene und als gut vernetzt. 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