{"id":9579,"date":"2021-07-06T00:00:33","date_gmt":"2021-07-05T22:00:33","guid":{"rendered":"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/?p=9579"},"modified":"2021-06-05T14:17:25","modified_gmt":"2021-06-05T12:17:25","slug":"mitgefuehl-mit-fremden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/?p=9579","title":{"rendered":"Mitgef\u00fchl mit Fremden?"},"content":{"rendered":"<p>[06.07.2021]<\/p>\n<p>Schwindet in unserer Gesellschaft das Mitgef\u00fchl? Die eigene Familie und vielleicht noch Freunde bekommen es. Nur dann ist schon eine Grenze erreicht, die viele nicht mehr \u00fcbertreten wollen. Dieser Schwund verst\u00e4rkt sich rapide, wenn es um Menschen geht, die einem fremd sind, die aus einer v\u00f6llig anderen Kultur kommen. Fremdes macht Angst. Auch ich gehe nicht sofort auf Fremde zu. Letztes Jahr traf mich die Aussage eines Politikers im ersten Lockdown. \u201e\u00d6sterreich habe die Grenzen bez\u00fcglich Covid zugemacht und werde sie auf keinen Fall f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge \u00f6ffnen.\u201c Das schlug ein. Muss ich das so hinnehmen oder kann ich etwas tun? Endergebnis waren 7 Wochen \u00fcber den Jahreswechsel im Camp Mavrovouni auf Lesbos. Nachdem Moria angez\u00fcndet wurde und somit ca. 14 000 Fl\u00fcchtlinge \u00fcber Nacht auf der Stra\u00dfe landeten, wurde es in wenigen Tagen aufgebaut. Wie durch ein Wunder starb niemand bei dem Brand!<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-9580 aligncenter\" src=\"https:\/\/hallein-evangelisch.at\/wp\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/lager01-600x304.png\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"304\" \/>Mein erster Besuch im Camp fand an einem sonnigen Tag mit blauem Himmel statt. Viele Menschen waren gesch\u00e4ftig unterwegs, Kinder spielten fr\u00f6hlich mit ihren Murmeln. Frauen wuschen ihre W\u00e4sche an den Waschpl\u00e4tzen und ich h\u00f6rte unverst\u00e4ndliche Worte. Die Situation hatte etwas Friedliches. Ich war in einer riesigen Zeltstadt gelandet mit damals ca. 7000 Bewohnern im Alter von Neugeborenen bis \u00fcber 70-J\u00e4hrigen. Als Mitarbeiterin im Social Care Team von Euro Relief (www.eurorelief.net) besuchte ich Leute in ihren Zelten, die gr\u00f6bere psychische Probleme hatten. Ehrlich, mein Respekt vor den Bewohnern wuchs mit jeder Begegnung. Wer von uns will in einem Zelt leben, wenn es drau\u00dfen null Grad hat und der Wind den Regen dir ins Gesicht peitscht und es im Zelt keine Heizungsm\u00f6glichkeit gibt? F\u00fcr eine warme Dusche m\u00fcsste man das Zelt verlassen und ein St\u00fcck gehen (bei dem Wetter laufen). Ich freute mich \u00f6fters auf die hei\u00dfe Dusche in meinem Apartment.<\/p>\n<p>Alle Bewohner haben mindestens ein Trauma erlebt. Entweder in ihrem Herkunftsland oder auf der Flucht oder im Camp. Sie reagieren jedoch unterschiedlich darauf. Eine Somalierin, die zu Hause vergewaltigt wurde und schwerst mit Messern verletzt wurde, getraute sich zum Beispiel nicht allein aus dem Zelt. Auf Grund der k\u00f6rperlichen Behinderung konnte sie sehr schlecht gehen und war inkontinent. Da bewegte mich, wie die Mitbewohnerinnen sich um sie k\u00fcmmerten. Sie organisierten einen Rollstuhl, als die Frau zum Arzt musste und schoben sie auf dem steinigen Weg durchs Camp bis zum Arzt. Au\u00dferdem begleiteten sie sie immer zur Toilette und versorgten sie mit Essen. F\u00fcr alle war v\u00f6llig klar, wir lassen sie nicht allein. Dabei hatte jede ihre Geschichte. Eine von ihnen war mit ihrer Tante gefl\u00fcchtet. In der T\u00fcrkei wurden sie \u00fcber einen Berg getrieben und die Tante war nicht so schnell. Die Nichte durfte nicht zu ihr zur\u00fccklaufen. Seitdem hat sie die Tante nicht mehr gesehen. Sie hat keine Ahnung, ob die Tante noch lebt.<\/p>\n<p>Junge M\u00fctter kamen zu uns, weil ihre M\u00e4nner sie geschlagen hatten. Die M\u00e4nner verstanden nicht, warum wir ihre Frauen in ein anderes Zelt brachten. In vielen Kulturen ist es \u201enormal\u201c, dass man seine Frau schl\u00e4gt, wenn man zornig oder hilflos ist. Durch mein Alter konnte ich mit diesen M\u00e4nnern reden, ohne dass es f\u00fcr sie ein Gesichtsverlust gewesen w\u00e4re. Dabei h\u00f6rte ich wieder Geschichten von Angst, Hoffnungslosigkeit und vor allem Hilflosigkeit. Sie sollten doch ihre Familien ern\u00e4hren und f\u00fcr sie sorgen. Aber wie?<\/p>\n<p>Es ist leicht, \u00fcber Hoffnung zu reden, wenn man am Abend das Camp verl\u00e4sst. Und doch erlebte ich h\u00e4ufig, dass die Ermutigung und die Begegnung mit Respekt und Liebe und der Versuch ihnen im Kleinen zu helfen, viel f\u00fcr die Menschen bedeutete. Auch wenn wir sie nicht aus dem Camp bringen k\u00f6nnen. In dieser Spannung sind alle Mitarbeiter, praktisch zu helfen und doch das Kernproblem (das Camp zu verlassen) nicht l\u00f6sen zu k\u00f6nnen. Aber sie bringen den Gefl\u00fcchteten Gottes Liebe ganz praktisch nahe und stehen ihnen in der schwierigen Situation bei.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche mir sehr, dass wir in der reichen EU uns dieser Verantwortung stellen und konstruktive L\u00f6sungen angehen. Es leben sehr wertvolle und liebensw\u00fcrdige Menschen in diesen Camps!<\/p>\n<p><em>Margit Eichhorn<\/em><br \/>\nPsychotherapeutin, Mitarbeiterin bei \u201eCampus f\u00fcr Christus\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>[06.07.2021] Schwindet in unserer Gesellschaft das Mitgef\u00fchl? Die eigene Familie und vielleicht noch Freunde bekommen es. Nur dann ist schon eine Grenze erreicht, die viele nicht mehr \u00fcbertreten wollen. 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