[28.09.2026]
Zum Nachdenken – Unsere innere Wahrheit

Im Artikel des evangelischen Pressedienstes über die Bauernkriege (siehe Blick über den Zaun) sagt Superintendent Gerold Lehner: „Beide Seiten haben sich auf ihren Glauben berufen und waren überzeugt, das christlich Richtige zu tun.“
Doch was ist eigentlich das Richtige? Was ist Wahrheit?
Wie unsere Wahrnehmung geprägt wird
Dazu fällt mir ein Experiment der Neurowissenschaftler Colin Blakemore und Grahame Cooper aus den 1970er-Jahren ein. Kätzchen wurden in zwei unterschiedlich gestalteten Räumen aufgezogen: Der eine Raum enthielt ausschließlich horizontale Muster und Strukturen, der andere ausschließlich vertikale. Als die Tiere einige Wochen später in eine normale Umgebung kamen, zeigten sich erstaunliche Unterschiede. Die Kätzchen aus dem ersten Raum hatten Schwierigkeiten, vertikale Strukturen wahrzunehmen, und stießen etwa gegen Tisch- oder Stuhlbeine. Die Tiere aus dem zweiten Raum nahmen dagegen horizontale Flächen wie Stufen oder Kanten nur unzureichend wahr.
Dieses Experiment zeigt eindrücklich, wie sehr unsere Wahrnehmung durch frühe Erfahrungen geprägt wird. Hätten die Kätzchen miteinander sprechen können – hätten sie die unterschiedliche Wirklichkeit des anderen überhaupt verstehen können?
Auch wir Menschen werden in den ersten Lebensjahren tief geprägt. In dieser Zeit entwickelt sich unser Gehirn besonders intensiv, und vieles, was wir erleben – in der Familie, im gesellschaftlichen Umfeld oder durch Werte und Überzeugungen –, wird Teil unseres inneren Weltbildes. Diese frühen Erfahrungen wirken oft unbewusst und bilden gewissermaßen die Schienen, auf denen der Zug unseres Lebens zunächst fährt.
Die Welt durch unsere eigene Brille
Im Laufe unseres Lebens sammeln wir unzählige weitere Erfahrungen. Doch wie ordnen wir sie ein? Meist durch die Brille unserer bisherigen Prägungen. Hinzu kommt, dass unser Gehirn nur einen winzigen Teil der Informationen verarbeitet, die ständig auf uns einströmen. Es ist, als würden wir mit einer kleinen Taschenlampe in eine riesige Landschaft leuchten. Wohin wir den Lichtkegel richten, hängt nicht zuletzt davon ab, wie wir geprägt wurden.
Vielleicht sagt deshalb einer meiner Lieblingsweisheitslehrer, Eckhart Tolle: „Nimm deine Gedanken nicht zu ernst.“
Offen für andere Perspektiven
Vielleicht beginnt Wahrheit dort, wo wir erkennen, dass unsere Sicht auf die Welt immer nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit ist – und wo wir offen werden für die Perspektive anderer.
Ursula Brandweiner