Sonntagsgruß zum 8. Jänner 2023

[06.01.2023]

Du bist ein Gott, der mich sieht. 1. Mose 16,13

Liebe Mitglieder und Freund*innen unserer Halleiner Pfarrgemeinde!

Es ist Hagar, „die Übersehene“, die laut dem 1. Buch Mose vom „sehenden Gott“ spricht. Bitter hatte sie erfahren müssen, was es bedeutet, „benutzt“ zu werden. Sie war die persönliche Sklavin von Sara, der Frau des biblischen Stammvaters Abraham – Sara und Abraham, ein durchaus wohlhabendes älteres Ehepaar mit einem wunden Punkt: Die beiden hatten keine Kinder. Dabei, so erzählt es die biblische Geschichte, hatte doch Gott selbst Abraham das große Versprechen gegeben, dass er nicht nur einmal Vater werden würde, sondern sogar der Stammvater eines ganzen Volkes.

Doch als es nicht klappen will mit der Zeugung, verlieren die beiden die Geduld. Sie entscheiden sich für eine Leihmutterschaft. Sara gibt Abraham ihren Segen, dass er mit der Sklavin Hagar schläft und sie ihm den lang ersehnten Sohn gebiert. So kommt es dann auch. Hager wird schwanger. Wie sich Hagar gefühlt haben mag? Als Gebärmaschine für Abraham? Missbraucht als Mittel zum Zweck? Vielleicht auch mit der bescheidenen Hoffnung, eben doch nicht nur eine Sklavin zu sein? Gesehen zu werden?

Mit ihrer Schwangerschaft wächst tatsächlich Hagars Gefühl: „Ich bin doch nicht nur eine Sklavin. Ich habe einen Wert, ich habe eine Bedeutung.“ Doch als Sara, ihre Herrin, das mitbekommt, drückt sie ihre Untergebene recht schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Sie, die durch die unerfüllte Schwangerschaft selbst gekränkt und durch den Deal gedemütigt ist, behandelt die hochschwangere Hager so herabwürdigend, dass dieser nur die Flucht in die Wüste bleibt.

Wie viel Verletzungen und wie viele Kränkungen liegen in dieser Geschichte! Hagar steht vor dem kompletten Nichts. Einsam, vertrieben, nicht einmal mehr gut genug, um als Sklavin zu dienen. Ihr ganzes Leben in Scherben, als alleinerziehende Mutter ohne Rechte und ohne Schutz. „Niemand sieht mich!“

Gott schickt einen Boten zu Hagar, der sie in ihrer Einsamkeit und Not aufsucht und lässt ihr ausrichten, dass er sich um sie kümmern wird, dass sie sich nicht aufgeben und wieder zu Sara und Abraham zurückzukehren soll. Gottes Kraft werde sie durch alles durchtragen. Hagar erkennt: Du bist ein Gott, der mich sieht.

Ich bitte unseren Gott, dass wir in diesem Jahr keine solch existentiellen Nöte erleiden müssen, um tief berührt zu bemerken: Gott sieht auch mich und dich. ‚Lassen wir uns doch immer wieder von ihm anschaun‘ , auf dass auch wir die Gotteskraft wahrnehmen, die uns durch die Höhen und Tiefen des Jahres tragen wird.

In Gottes Richtung blickend, Pfarrer Jens-Daniel Mauer
(inspiriert von Pfarrer Marcus Tesch)

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