[07.09.2026]
„Du sollst nicht lügen!“ – so wird oft das 8. Gebot in Kurzform wiedergegeben.
Das haben wir alle schon erlebt: Wenn jemand mich bewusst anlügt, mir die Unwahrheit erzählt, dann geht Vertrauen verloren, dann fühle ich mich getäuscht.
Dabei gibt es „harmlose“ Lügen, die keinen großen Schaden anrichten (z.B. wenn ich behaupte, dass die Sonne scheint, obwohl es regnet), häufig gebrauchte Lügen wie „Ich habe keine Zeit“ (korrekt wäre zu sagen, dass mir anderes wichtiger ist), Notlügen, aber auch Lügen mit großen Folgen, wenn ich z.B. einen Herzinfarkt vortäusche, die Rettungskette anläuft, und ich dann alle auslache: war doch nur ein Scherz. Mit Bombendrohungen ist es ganz ähnlich.
Mehr als nur „Du sollst nicht lügen!“
Doch die Kurzfassung geht am eigentlichen Sinn des Gebotes vorbei! In der Übersetzung Martin Luthers heißt es „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“ Und in seiner Erklärung im Kleinen Katechismus führt er aus: „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unseren Nächsten nicht belügen, verraten, verleumden oder seinen Ruf verderben, sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren.“
Ursprünglich ist wohl die Falschaussage des Zeugen vor Gericht gegenüber einem Angeklagten gemeint. Deshalb werden in der Regel mehrere Zeugen benötigt, damit nicht auf Grund einer Falschaussage jemand unschuldig verurteilt wird.
Aber das Gebot greift viel weiter! Es will davor schützen, dass jemand über eine andere Person etwas behauptet, was gar nicht stimmt, sie damit in ein schlechtes Licht setzt, vor anderen blamiert. Ich kann damit den Ruf eines Menschen unwiederbringlich kaputt machen, sogar seine berufliche Existenz zerstören. Verleumdung nennen wir das. Mobbing geht in eine ähnliche Richtung. Und im medialen Zeitalter läuft das nicht nur über das gesprochene Wort, ein geschickt gestreutes Gerücht, sondern online verbreitet sich alles viel schneller, wird gepostet, verlinkt – und ist aus den Tiefen des weltweiten Netzes fast nicht mehr zu löschen.
Wenn Worte Menschen verletzen
Im Zeitalter des Bewusstseins, wie wichtig Gewaltschutz ist, bekommt das Gebot eine weitere Dimension: Wenn jemand mir auf irgendeine Weise zu nahekommt, ist es wichtig, das zu äußern. Die Bibel rät dazu, Konflikte mit der betroffenen Person zu klären oder ein Gespräch mit einer vermittelnden Person zu suchen. Wir wissen heute: Bei massiven Übergriffen ist die Anzeige der richtige Weg. Doch Gerüchte zu streuen, öffentlich den anderen in den Schmutz zu ziehen – das ist nicht im Sinne Jesu Christi.
Das Gebot will verhindern, dass falsche Anschuldigungen gerade auch in den Bereichen erhoben werden, die der Gewaltschutz umfasst. Wissend, wie sensibel dieses Thema ist, wie wichtig ein guter Umgang mit Übergriffen ist – ist es umso verwerflicher, jemand anderen zu verleumden, etwas in die Welt zu setzen, was jeder Realität entbehrt.
Und ganz allgemein: Wenn ich schon über einen anderen Menschen spreche, dann sollte ich Gutes, Positives über ihn erzählen, ihn loben, sagen, wo er mir gutgetan hat.
Freiheit durch Achtung und Respekt
Das Ziel der 10 Gebote, die Gott dem Volk Israel schenkt und die ja auch für Christen und Christinnen gelten, ist die Freiheit. Die Israeliten haben erlebt, wie Gott sie aus der Sklaverei in Ägypten befreit. Doch Freiheit geht viel weiter. Wo ich um mein Leben fürchten muss, wo Unehrlichkeit in Beziehungen herrscht, wo Menschen das weggenommen wird, was sie zum Leben brauchen, wo Neid, Gier und Missgunst das Miteinander bestimmen und wo wie im 8. Gebot schlecht über andere gesprochen, ja jemand verleumdet wird – da geht die Freiheit verloren.
Die Freiheit für mich als einzelnen, die Freiheit, sich ungezwungen, mit Achtung und Respekt in einer Gruppe zu begegnen.
Gott wünscht sich, dass Menschen seine Gebote beherzigen, dass sie in seinem Sinne miteinander umgehen, mit Achtung und Respekt, mit Barmherzigkeit, Liebe und Vergebung. Doch Gott, Jesus und die Bibel wissen, wie schwer das ist…
Ich möchte es dennoch immer wieder versuchen! Macht ihr mit?
Euer Pfarrer Peter