Du sollst nicht lügen (2/7)

[14.09.2026]

Falsches Zeugnis – aus der Sicht einer Journalistin

Constanze Kreuzberger

„Du sollst Wahrheit redn und Wahrheit tuan“, sangen André Heller und Wolfgang Ambros einst und stellten in Aussicht, so bleibe man „Für immer jung“. Ob das wahrheitsgemäße Sprechen und Handeln wirklich ein ewiger Jungbrunnen sind, muss sich erst zeigen, beruflich hätte ich aber zumindest die besten Voraussetzungen dazu. Denn „Wahrheit reden“ ist unsere Aufgabe und nichts ist im Journalismus fataler, als ein falsches Zeugnis abzulegen.

Die Wahrheit braucht Zeit

Heutzutage legen wir aber jeden Tag ein neues Zeugnis ab, behandeln täglich andere Themen, sprechen mit anderen Menschen und tragen das gesammelte neue Wissen dann zusammengefasst nach draußen. Mehrere Tage, gar Wochen oder Monate mit einem Thema, einer Recherche zu verbringen – dieser Luxus ist uns heute nicht mehr vergönnt. In so kurzer Zeit die Wahrheit zu finden, sie zu verstehen und dann mit gutem Gefühl an hunderttausende Menschen zu transportieren, ohne dabei falsches Zeugnis gegen jemanden zu sprechen, ist aber umso schwieriger. Denn die Wahrheit zu finden, dauert im Normalfall ja deutlich länger und ist komplexer, als wir in wenigen Stunden fassen können.

Je nachdem mit wem man spricht, lassen Situationen mehrere Interpretationen zu. Um die – aus unserer Sicht – richtige zu finden, hilft nur eines: Die Faktenlage zu checken und vor allem viel Zeit hineinzustecken. Mit allen Betroffenen zu reden, mit ExpertInnen zu reden, in der Redaktion darüber zu reden.

Genau die Zeit fehlt uns heute aber oft. Ob man am Ende dann trotzdem auf die richtige Geschichte kommt? Ich hoffe, wir kommen ihr zumindest nahe. Ich bin der Meinung, dass Journalismus auch dazu da ist, Dinge einzuordnen.

Zwischen Einordnung und Unvollständigkeit

Was steckt dahinter, welche Vorgeschichte gibt es, wer hat welche Interessen? Wenn uns wegen des Zeitdrucks aber selbst der nötige Einblick oder die Erfahrung mit einem Thema fehlt, funktioniert das nicht. Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als die Seiten gegenüberzustellen und zu hoffen, dass das Publikum genug Informationen hat, um sich selbst ein Bild zu machen. Lieber Vorsicht walten lassen, als falsches Zeugnis zu sprechen, lautet die Devise, die heute unseren Alltag prägt.

Wir sind es gewohnt, zu verknappen, zu verkürzen und die Schlagzeile hinter einer Geschichte zu finden. Gleichzeitig die Komplexität eines Themas zu verdeutlichen ist angesichts der begrenzten Zeit oder Zeichenanzahl, die uns für die Vermittlung der Inhalte zur Verfügung steht, schwierig.

Ist es ein falsches Zeugnis, wenn gewisse Dinge weggelassen und ausgespart werden? Was, wenn wir mit Beteiligten nicht sprechen können, weil wir nicht an sie herankommen oder sie nicht mit uns sprechen wollen? Fehlt uns dann eine Seite, die wir brauchen, um eine Geschichte überhaupt erzählen zu können? Sollen wir es dann ganz bleiben lassen? Es ist kein falsches Zeugnis, aber ein unvollständiges, würde ich sagen.

Macht und Verantwortung der Medien

Wir als Medienschaffende haben viel Macht, mehr, als uns im Alltag oft bewusst ist. Oft bin ich selbst verwundert, dass sich Menschen dazu bereit erklären, vor die Kamera zu treten, ein Interview zu geben und das von ihnen Gesagte damit völlig aus der Hand geben. Schließlich kann sich niemand sicher sein, was ich später daraus fabriziere. Es zeugt von einem nach wie vor großen Vertrauen in unsere Arbeit und die Medien, das zu tun. Dem Vertrauen darin, dass wir eben kein falsches Zeugnis ablegen, sondern das Gesagte verantwortungsbewusst einordnen werden. Es erfordert viel Integrität, allen gegenüber fair zu sein.

Ich bin der Meinung, dass es unbedingt Teil unseres Jobs als JournalistInnen sein muss, sich ständig selbst zu hinterfragen. Das bedeutet auch, sich der Wahrheit eigentlich nie ganz sicher zu sein. Oft genug verlässt man die Redaktion mit Bauchweh und einem Kopf voller Zweifel, ob man wohl allen Seiten gerecht geworden ist. Und obwohl das anstrengend ist, werte ich es als positives Zeichen der angestrengten Wahrheitssuche. Ich kann schließlich nur hoffen, dass ich und wir genug Wahrheit „reden und tun“, um sehr lange jung zu bleiben.

Constanze Kreuzberger

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