[10.03.2026 Update 10.03.2026 22:20]
Der dritte Abend der Fastenaktion 2026 der Halleiner Pfarrgemeinden und der nächste Höhepunkt. In der Evangelischen Schaitberkirche Hallein leistete keine Geringere als die „neue“ Evangelische Bischöfin Professorin Dr.in Corneia Richter der Einladung des Vorbereitungsteams Folge. Wie schon bei den beiden ersten Vorträgen war an diesem Abend auch die Evangelische Kirche bestens besucht und brillierte die Bischöfin mit einem bestens auf die Anwesenden abgestimmten Vortrag.
Nachstehend eine Zusammenfassung des Vortrages (weiter unten gibt es eine komplette Version!).
Worum es in der Resilienzforschung geht

Im Rahmen der 35. Fastenaktion der Halleiner Pfarrgemeinden sprach Bischöfin Prof.in Dr.in Cornelia Richter in der Schaitbergerkirche über zentrale Erkenntnisse der Resilienzforschung und über die Frage, welche Rolle Religion im Umgang mit Krisen spielen kann.
Zu Beginn erläuterte sie, dass sie im Jahr 2014 die interdisziplinäre Forschungsgruppe „Resilience and Humanities“ gegründet habe. An dieser Forschungsgruppe seien neben der Theologie auch Fachrichtungen wie Palliativmedizin, psychosomatische Medizin und Psychotherapie beteiligt. Während viele Studien Resilienz auf größere Systeme wie Ökosysteme, Städte oder politische Strukturen beziehen, konzentriere sich ihre Forschung vor allem auf den einzelnen Menschen und auf die Frage, wie Menschen mit Krisen umgehen und was ihnen hilft, schwierige Situationen zu bewältigen.
Dabei werde der Begriff Resilienz häufig sehr allgemein verwendet. In der Forschung lasse sich jedoch zwischen verschiedenen Formen unterscheiden. Eine wichtige Rolle spiele die existenzielle Krisenresilienz, also die Fähigkeit, schwere Lebenskrisen körperlich und seelisch zu bewältigen. Daneben gebe es die entwicklungspsychologische Resilienz, bei der beobachtet wurde, dass sich manche Kinder trotz sehr schwieriger Lebensbedingungen überraschend gut entwickeln. Weitere Formen seien die Anpassungsresilienz, die sich auf die Bewältigung länger anhaltender Belastungen bezieht, sowie die traumabezogene Resilienz, bei der es um die Verarbeitung von Erfahrungen geht, die sich tief in Körper und Psyche einschreiben können.
Neben diesen unterschiedlichen Bedeutungen gebe es auch verschiedene Intensitätsstufen von Krisen. Im Alltag verfügten Menschen meist über eine gewisse Grundresilienz, mit der sich kleinere Probleme bewältigen lassen. Komplexer werde es, wenn gewohnte Routinen nicht mehr funktionieren und der Alltag neu organisiert werden müsse. Als Beispiel nannte Richter die Corona-Pandemie. Während manche Familien mit ausreichend Platz und technischer Ausstattung relativ gut mit den Veränderungen zurechtkamen, stellte die Situation für andere eine erhebliche Belastung dar. Heute sei deutlich, dass diese Zeit vielen Menschen eine große Anpassungsleistung abverlangt habe.
Im Mittelpunkt ihrer Forschung stünden jedoch existenzielle Krisen, in denen die gewohnte Lebensordnung vollständig zusammenbricht. Dazu gehörten etwa plötzliche Todesfälle, schwere Krankheitsdiagnosen oder traumatische Gewalterfahrungen. In solchen Situationen stelle sich die grundlegende Frage, wie Menschen unter diesen Bedingungen weiterleben können.
Früher sei häufig angenommen worden, Resilienz sei eine feste persönliche Eigenschaft. Heute gehe man jedoch davon aus, dass sie sich vor allem im Verlauf eines Prozesses zeigt. Entscheidend sei weniger, ob jemand grundsätzlich resilient sei, sondern wie Menschen in konkreten Krisensituationen reagieren.
Die Forschung habe verschiedene Faktoren identifiziert, die dabei unterstützend wirken können. Dazu gehören etwa die Fähigkeit, Gefühle auszudrücken, die eigene Situation realistisch einzuschätzen, Entscheidungen zu treffen und ein Gefühl von Sinn zu bewahren. Eine besondere Rolle spiele zudem soziale Unterstützung. Gleichzeitig falle es Menschen in Krisen oft schwer, selbst um Hilfe zu bitten. Deshalb könne es hilfreicher sein, nicht nur Hilfe anzubieten, sondern aktiv Kontakt aufzunehmen.
Ein weiterer Teil des Vortrags widmete sich einem verbreiteten Missverständnis über Resilienz. In vielen Ratgebern werde Resilienz als eine Art Schutzschild dargestellt, das Menschen unerschütterlich durch Krisen trägt. Diese Vorstellung greife jedoch zu kurz. Tatsächlich spreche man über Resilienz meist gerade dann, wenn Menschen sich in tiefen Krisen befinden – etwa bei Krankheit, Verlust oder Trauer. Resilienz sei deshalb weniger ein Gefühl von Stärke als vielmehr ein ambivalentes Krisenphänomen.
Resilienz werde zudem immer erst im Umgang mit einer Krise sichtbar. Sie lasse sich nicht einfach aktivieren und bleibe auch nicht dauerhaft stabil. Menschen könnten mehrere schwierige Situationen gut bewältigen und später dennoch an einer zusätzlichen Belastung scheitern.
Im weiteren Verlauf ging Richter auf die Rolle religiöser Traditionen ein. In vielen Studien würden Begriffe wie Vertrauen, Sinn, Spiritualität oder Religion als mögliche Ressourcen genannt, allerdings mit unterschiedlichen Ergebnissen. Daraus ergebe sich die Frage, unter welchen Bedingungen Religion tatsächlich zur Bewältigung von Krisen beitragen könne.
In diesem Zusammenhang verwies sie auf biblische Texte, die seit Jahrhunderten Erfahrungen mit Krisen widerspiegeln. Ein Beispiel seien die Klagepsalmen, in denen Leid sehr direkt ausgesprochen wird – etwa Krankheit, Bedrohung oder Ungerechtigkeit. Gleichzeitig entwickelten sich diese Texte häufig von der Klage über ein Gespräch mit Gott hin zu einer vorsichtigen Hoffnung. Eine Kollegin habe diesen Prozess treffend mit den Worten beschrieben, in den Psalmen „ringe man mit Destruktivität“.
Aus solchen Beobachtungen habe sich ein Modell mit drei zentralen Elementen ergeben: Ambivalenz, das Ringen mit destruktiven Kräften und die immer wieder neu aufbrechende Hoffnung. Diese Elemente entwickelten sich nicht geradlinig, sondern stünden in einem ständigen Spannungsverhältnis.
Besondere Aufmerksamkeit widmete Richter außerdem der Bedeutung von Sprache. Manche Sätze hätten eine Kraft, die über eine reine Beschreibung hinausgehe. In der Sprachwissenschaft spreche man hier von performativer Sprache, also von Worten, die Wirklichkeit verändern können – etwa Aussagen wie „Du bist frei“ oder ein Segenswort.
Neben Texten spielten auch Rituale, Lieder und gemeinschaftliche Erfahrungen eine wichtige Rolle. Als Beispiel nannte Richter die ökumenische Gemeinschaft von Taizé in Frankreich, zu der jedes Jahr zahlreiche junge Menschen kommen. Untersuchungen hätten gezeigt, dass dort nicht einzelne Elemente allein entscheidend seien, sondern das Zusammenspiel von Musik, Stille, Ritualen, Raumgestaltung und Gemeinschaft.
Besonders eindrucksvoll zeige sich die Wirkung gemeinsamer Rituale beim Singen. Gerade bei Begräbnissen könne das gemeinsame Singen eine wichtige Erfahrung sein, weil die Stimmen der anderen die Trauernden gewissermaßen mittragen und dadurch ein Moment der Ruhe entstehen kann.
Zum Abschluss betonte Richter, dass religiöse Traditionen eine Vielzahl von Worten, Bildern, Geschichten und Ritualen bereithalten, die Menschen helfen können, Krisen zu durchleben und gleichzeitig an der Hoffnung festzuhalten. In diesem Zusammenhang erinnerte sie an einen Satz, der in biblischen Texten immer wiederkehrt und bis heute eine besondere Bedeutung habe: „Fürchte dich nicht.“

Weitere Angebote
Neben der obigen Text-Wiedergabe bieten wir eine weitere Möglichkeit, sich tiefer mit dem Vortrag auseinanderzusetzen.
Hier der komplette Vortrag (fast) wortwörtlich zum Nachlesen.
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Und hier den kompletten Vortrag noch einmal anhören!