[30.06.2026]
Superkompensation – Eine Erkenntnis aus dem Sport, die auch für andere Lebensbereiche wertvoll sein kann
In unserer Leistungsgesellschaft sind oft diejenigen Menschen am angesehensten, die ständig arbeiten, jederzeit ab- (und in Handyzeiten an-)rufbar sind, die permanent verfügbar und arbeitswillig sind. Sie werden als Vorbild hingestellt, sie halten unsere Gesellschaft und unseren Wohlstandsstaat am Laufen, sie sind es, auf die wir uns verlassen können.
Andererseits hört man in letzter Zeit vermehrt die Schlagworte „Burnout“ und „Erschöpfung“ als Phänomene, die unsere Arbeitswelt, und letztlich unser ganzes Dasein prägen. Nun kann man sicherlich manches Burnout (zumindest aus medizinischer Sicht) in Zweifel ziehen, vielleicht ist dieses Wort ein wenig zum Modewort geworden. Aber oftmals ist es auch wirklich so, dass sich da jemand überarbeitet und dann über die permanente Erschöpfung, über den permanenten Einsatz, ins Burnout schlittert. Besonders in unruhigen Zeiten, in denen wir nun mal leben und die die Psyche mehr stressen, weil vieles ins Wanken geraten ist, was wir lange als unumstößlich angenommen haben.
Themenwechsel Sport: Der Spitzensport ist oftmals ein gerne verwendetes Beispiel für unbegrenzte Leistungsfähigkeit. Spitzensportler*innen sind Vorbilder, sind Menschen, die mutmaßlich alles zuwege bringen und die unermüdlich dafür gearbeitet haben: Nur wer sich immer über seine Grenzen fordert, erreicht das scheinbar Unmögliche, so denken viele.
Halt. Das ist falsch, ganz falsch. Spitzensport ist ein Drahtseilakt, in dem Belastung und Erholung in ein empfindliches Gleichgewicht gebracht werden muss. Dann, und nur dann, sind Leistungssteigerungen möglich. Der zentrale Begriff dafür in der Sportwissenschaft ist die Superkompensation.
Einfach erklärt bedeutet dieses Phänomen, dass ich mich an (und manchmal – aber nicht zu oft – über) meine Grenzen belasten muss. Der Körper merkt nun, dass sein bisheriges Leistungsniveau nicht reicht und reagiert durch Anpassung (z.B. Muskelwachstum). Der entscheidende Punkt ist der Zeitpunkt, wann das passiert: Es passiert nämlich in der Trainingspause, also in der Erholung!
Mit anderen Worten: Leistung kann nur der und die bringen, die sich Zeit für die Pausen nehmen. Provokant formuliert: Das Nichtstun nach dem intensiven Tun ist die Zeit, wo Leistungsfortschritt passiert. Wer sich keine Pausen gönnt, wirtschaftet sich langfristig nach unten, nicht nach oben.
Darum ist beispielsweise auch Schlaf so wichtig. Wenn der Körper und der Geist scheinbar nichts zu tun haben, tun sie verdammt viel: Sie bereiten sich auf kommende Leistungen vor. In Abwandlung eines bekannten Sprichworts kann man also sagen: „In der Pause liegt die Kraft!“
Klar: Wer sich nie fordert, wird sich auch nie weiterentwickeln. Aber wer sich nur fordert und keine Pause gönnt, nimmt sich ebenfalls die Chance zur Weiterentwicklung. Erholung und Pausen sind nicht notwendiges Übel, sondern die entscheidende Voraussetzung, dass wir uns sinnvoll fordern und damit fördern können.
Also: Lassen wir uns kein schlechtes Gewissen einreden, wenn wir auf unsere Pausen achten; nur damit bleiben wir im Gleichgewicht.
Das Christentum hat es aus meiner Sicht nicht immer so ganz gut gemeint mit diesem „Gleichgewicht“: Denken wir nur daran, wie oft altruistische Menschen als Vorbilder hingestellt werden. Nur wer ganz in der Arbeit am Nächsten aufgeht und sich hintanstellt, würde dem christlichen Ideal gerecht. Ich glaube das nicht. Zumindest nicht in dieser Radikalität. Da ist sie schlichtweg Überforderung.
Mir gefällt die Botschaft der Nächstenliebe anders besser: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Um das zu erreichen, muss man manchmal vielleicht erst lernen, eben „sich selbst“ zu lieben. Und dazu gehört es, sich selbst die notwendige Erholung zu gönnen, um danach wieder für andere da sein zu können.
Hartmut Schwaiger
Quelle: Evang. Gemeinde Hallein, Gemeindebrief 2026-2