Das schönste Weihnachtsgeschenk

Herr Müller hatte einen Bruder, der war ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann, Herr Müller selbst verdiente auch nicht schlecht, aber eben weniger als sein Bruder. Deutlich weniger, um ehrlich zu sein. Und das ließ der Bruder Herrn Müller auch immer wieder ein wenig spüren. Vor allem zu Weihnachten. Die beiden hatten nämlich eine Mutter, die war schon seit Jahren im Altersheim und weil die Brüder so viel zu tun hatten, konnten sie sie nicht sehr oft besuchen (das redeten sie sich jedenfalls ein, um kein schlechtes Gewissen zu haben).

Und der Bruder von Herrn Müller schenkte ihrer Mutter immer ganz tolle und ganz teure Geschenke, dagegen wirkten die Geschenke von Herrn Müller eigentlich fast beschämend klein und billig. Als Herr Müller seiner Mutter zum Beispiel einen kleinen Radio schenkte, damit sie ihre Lieblingssendung hören konnte, in der klassische Musik gespielt wurde, schenkte sein Bruder der Mutter eine riesige Stereoanlage mit 50 Klassik-CD´s dazu. Oder als Herr Müller ihr eine Theaterkarte für ihr Lieblings-Theaterstück schenkte, kam der Bruder daher mit einem HD-Fernseher inklusive 20 Theater-DVD´s. Das kleine Zimmer der Mutter war schon völlig überfüllt mit all den teuren Geschenken, die sie auf ihrer Kommode stehen hatte, die darunter gar nicht mehr zu sehen war.

Auch in diesem Jahr nahte das Weihnachtsfest wieder und Herr Müller fürchtete sich davor, wieder einmal nur das kleinere, unwichtige Geschenk zu haben.

Dabei hatte er eigentlich in diesem Jahr ganz viel Geld gespart, um ein Geschenk kaufen zu können, das größer und schöner als das seines Bruders war. Aber dann war seine Frau krank geworden und es hatte sehr viel Geld gekostet, die besten Ärzte zu finden, die ihr helfen konnten. Seine Frau war Gott sei Dank wieder gesund geworden (und darüber war Herr Müller auch wirklich sehr froh!), aber das ganze Ersparte war weg. Also würde seine Mutter von ihm wieder nur ein bescheidenes, kleines Geschenk bekommen!

Aber eine gute Idee hatte er schließlich doch: Seine Mutter hatte schon seit Jahren keinen Christbaum mehr gehabt! Wenn es schon kein ordentliches Geschenk zu Weihnachten gab, dann sollte sie sich wenigstens wieder einmal über einen schön geschmückten Christbaum freuen können.

Und so ging Herr Müller am Weihnachtstag mit einem Christbaum zu seiner Mutter und einem Karton voll Christbaumschmuck, damit er ihn bei ihr im Zimmer schmücken könnte.

Aber als er das Zimmer betrat, passierte es: Herr Müller drehte sich in dem kleinen Zimmer um, weil er seine Schuhe ausziehen wollte. Da er aber den Christbaum über der Schulter trug, stieß er mit dem Baum gegen die Kommode mit all den teuren Geschenken. Es krachte ganz fürchterlich und dann lagen die Stereoanlage, der Fernseher, CD´s und DVD´s und noch jede Menge anderer, teurer Sachen in Scherben auf dem Boden. Und als sich Herr Müller erschrocken umdrehte, da erwischte der Baum, der nun über die Kommode wieder zurück geschwenkt wurde, auch noch den bisher unversehrt gebliebenen, vollautomatischen Kaffeeautomaten mit Sahnesonderfunktion, ein weiteres teures Geschenk des Bruders und auch der fiel auf den Boden und war kaputt.

Doch ehe Herr Müller noch irgendetwas tun oder sagen konnte, passierte wiederum etwas völlig Unerwartetes: Herrn Müllers Mutter fing an zu lachen! Sie lachte, bis ihr die Tränen kamen und es dauerte mindestens fünf Minuten, ehe sie überhaupt etwas sagen konnte. Aber das, was sie sagte, das würde Herr Müller nie mehr vergessen. Sie sagte nämlich:

„Gott sei Dank, dass du mir heuer einen Christbaum gebracht hast! Der hat endlich dafür gesorgt, dass ich Weihnachten wieder sehen kann. Denn die ganzen teuren Geschenke, die haben mir doch nur die Sicht auf das richtige Weihnachten verstellt!“

Hartmut Schwaiger

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