Das Weihnachtswunder 1914

„Armer kleiner Gott der Liebe, in dieser Nacht geboren, wie kannst du nur die Menschen lieben?“ 


Dieser Satz stammt aus dem Tagebuch des französischen Leutnants Maurice Laurentin, der Weihnachten 1914 einer der unzähligen Soldaten war, die an der damaligen Westfront Dienst taten und den unfassbaren Wahnsinn des Ersten Weltkriegs miterleben mussten. Damals wurde dieser Krieg der „große Krieg“ genannt, man wusste ja noch nicht, dass die Menschheit 30 Jahre später in den nächsten Wahnsinn getrieben werden würde.

Und trotz all dieses Leids, das der „große Krieg“ mit sich brachte, ist es wert, die Geschichte jener Kriegsweihnacht 1914 an der Westfront zu erzählen, denn sie kann Mut machen. Was war damals passiert? Kurz gesagt entstand entlang der mehrere hundert Kilometer langen Westfront – und völlig unabhängig voneinander – ein Phänomen, das wohl als ein großartiges Lebenszeichen der Menschlichkeit gesehen werden kann: An unzähligen Frontabschnitten fassten sich die Soldaten ein Herz, nahmen Kontakt zueinander auf und vereinbarten – gegen den klaren Befehl ihrer Vorgesetzten – einen Weihnachtsfrieden. Ursprünglich wollten sie nur erreichen, dass sie in dieser kurzen Zeit des Friedens Weihnachten feiern und getötete Kameraden begraben konnten. Doch aus diesem Wunsch entstand mehr. Als sie merkten, dass der Friede hielt, dass sie tatsächlich hinaus auf die Schlachtfelder gehen konnten und ihre Kameraden begraben, da geschah es ganz natürlich auch, dass sie einander begegneten. Und daraus wurde dann das, was man als das Weihnachtswunder 1914 bezeichnen kann: Gemeinsame Weihnachtsfeiern wurden organisiert, man sang miteinander „Stille Nacht“, saß beisammen, beschenkte sich, spielte Karten miteinander, zeigte sich die Fotos der Familien zuhause, ja sogar ein Fußballspiel England gegen Deutschland ist historisch belegt.

Aber aus diesen spontanen Weihnachtsfeiern entstand noch mehr. An vielen Frontabschnitten dauerte dieser Weihnachtsfriede mehrere Wochen lang. Um die eigenen Vorgesetzten zu täuschen, gab man sich Zeichen, wann man unter Beobachtung stand, warnte sich gegenseitig, wann man also „mal kurz schießen“ würde müssen und kündigte an, dass man gewiss „drüber schießen“ würde.

Es dauerte lange, bis die Generäle und Offiziere beider Seiten dahinterkamen,was ihnen da vorgespielt wurde. Und es ist leider auch traurige Wahrheit, dass die Mächtigen dafür sorgten, dass sich diese Geschehnisse in den Folgejahren des Krieges kaum mehr wiederholen konnten.
Entlarvend ist vor allem aber die militärische Sprache, die davon berichtete, dass die „Fraternisierungen“ an allen Frontabschnitten schließlich „erfolgreich“ eingestellt werden konnten. Mit einem Wort: Die „Verbrüderung“ der Menschen an der Front war gefährlich und musste gestoppt werden!

Aber trotzdem ist es eine unglaubliche Geschichte. Nachzulesen ist sie in dem Buch „Der kleine Frieden im Großen Krieg“ von Michael Jürgs. In einer Rezension über dieses Buch hat die Journalistin Elke Heidenreich einen treffenden Satz formuliert: „Ein anrührendes Buch darüber, wie Kriege zwar irgendwo ausgeheckt werden – aber vorne stehen immer Menschen, und irgendwann, in irgendeiner Situation verhalten sie sich dann auch wirklich wie Menschen.“

1914 war Weihnachten eine solche Situation, durch die sich die Menschlichkeit Bahn gebrochen hat; gegen alle Widerstände verbohrter Generäle und mit unglaublicher Wucht und Eindrücklichkeit. „Der kleine Frieden im Großen Krieg“ wäre eine lohnenswerte Feiertagslektüre. Sie gibt Hoffnung und Mut, dass Menschlichkeit und Liebe große Kräfte sind. Und was anderes ist die Botschaft unseres Weihnachtsfestes?

Hartmut Schwaiger