Hirten in unserer Zeit

Bild von Ulrike Mai auf Pixabay

Wir alle kennen natürlich die Geschichte von den Hirten rund um die Geburt Jesu. Damals gehörten die Hirten eher zur unteren Gesellschaftsschicht, man war misstrauisch diesen Menschen gegenüber, die quer durchs Land zogen, oftmals auch über Grenzen hinweg. Ihr Lebensrhythmus war eng an die Natur gebunden, sie wanderten mit dem Zyklus der Jahreszeiten, immer auf der Suche nach gutem Weideland, da sie meist aus Ländern kamen, wo dauerhafter Bodenanbau keine Option war. Im sog. Trockengürtel haben sich die Wandervölker daher am stärksten ausgebreitet, von Mauretanien über die Sahara, die arabische Halbinsel bis in die Mongolei.

Aber warum waren es gerade die Hirten, die als erste zur Krippe kamen? Schäfer gelten als friedfertige, fromme Menschen, die es gewohnt sind, die Umgebung immer im Blick zu behalten und auf Ungewöhnliches zu achten. Vielleicht waren sie deshalb die ersten, die das Wunder der Geburt Jesu bemerkt und verstanden haben.

Und heute? Gibt es heute überhaupt noch Hirten? Ein Hirte ist jemand, der sich um eine Herde Nutztiere kümmert, sie bewacht und versorgt. Er ist seinen Tieren nah, bleibt auch nachts bei seiner Herde, um sie vor Raubtieren und Räubern zu schützen. Meist ziehen sie mit ihren Herden umher, begleitet oft nur von einem treuen Hütehund.

  • Auch im heutigen Leben gibt es diesen Beruf noch. Almhirten bewirtschaften neben dem Hüten der Herde eine Alm, Schafhirten ziehen mit ihren Schafherden umher. Rinderhirten hoch zu Ross findet man in Amerika, wo der Cowboy noch immer hoch angesehen ist, sein mexikanischer Kollege heißt CHARRO, der argentinische Cowboy nennt sich GAUCHO, in der Toskana gibt es den BUTTERO, in Ungarn den CSIKOS, in Süd-Frankreich den GARDIAN und in Spanien den VAQUERO.
  • Bekannter sind die TUAREG in Algerien, Mali, Niger, Libyen und Burkina Faso. Ca. 3 Millionen leben nomadisch in Zelten aus Ziegenleder oder Palmwedeln. Ihr wichtigstes Nahrungsmittel ist ungekochte Kamelmilch und sie betreiben Karawanenhandel. Machthabern sesshafter Völker galten Nomaden stets als suspekt, sie wurden als Barbaren betrachtet, waren schwer zu kontrollieren, wechselten immer wieder über Landesgrenzen hinweg und entzogen sich so jeglichem Einfluss. Sie wurden ausgegrenzt, verfolgt und bekämpft. So erging es zum Beispiel auch den indianischen Ureinwohnern Amerikas.
  • Man entzog den Bison jagenden INDIANERN die Lebensgrundlage durch die Dezimierung der Büffelherden und führte auf diese Weise eine ethnische Säuberung durch.
  • Den SAMEN in Skandinavien erging es nicht viel besser: Bis in die 1920iger Jahre vertrat die Regierung die Ansicht, dass man die “ Samenrasse“ bevormunden müsse, da sie “nicht in der Lage sei, eine höhere Kulturstufe einzunehmen“. Eigene Nomadenschulen wurden errichtet, in denen samische Kinder auf niedrigem Niveau unterrichtet wurden. Neue Grenzziehungen schränken die alten Wanderrouten stark ein.
  • Eine weitere große Gruppe von Nomaden lebt in der MONGOLEI, ihre Tradition geht auf den berühmten Heerführer und Reiterfürsten Dschingis Khan zurück. Noch heute ziehen die Großfamilien durch die weiten Steppen der Mongolei und Chinas mit ihren zeltartigen Jurten, die immer einen Heiz- und Kochplatz in der Mitte haben und deren Wände mit Filz abgedichtet werden.
  • In Thailand gibt es die ehemaligen Nomaden MLABRI, die heute zu einem sesshaften Leben gezwungen sind. Die MOKEN sind südostasiatische Seenomaden, die im Gebiet der Straße von Malakka halbnomadisch leben.
  • NENZEN sind traditionell nomadische Rentierhirten in Sibirien ähnlich wie die SAMEN in Skandinavien.
  • In den Karpaten gibt es das Nomadenvolk der HUZULEN.
  • Auch in Australien lebten die ABORIGINES als nomadische Jäger und Sammler.
  • Die AFAR leben im Osten Eritreas und in Äthiopien.
  • Nomadische Wüstenbewohner der arabischen Halbinsel sind die BEDUINEN und BERBER.
  • In Ostafrika gibt es die MASSAI, in Kenia die TURKANA. NAVAJO sind seit dem16. Jh. halbnomadische Schafhirten im Südwesten Nordamerikas.
  • CHANGPA leben als Hirtennomaden in über 4000 m hohen Regionen Indiens und Tibets. Die KASCHGAI sind ein turksprachiges Nomadenvolk im Iran. Diese Liste könnte man noch fortsetzen.

Selbst auf Twitter hat ein Schäfer namens Sven vor kurzem Werbung für seinen Beruf gemacht, um Nachfolger zu finden. Es gibt diesen Beruf als Fachrichtung des Tierwirts und Sven betont, wie wichtig der Beruf des Wanderschäfers auch für die Landschaftspflege ist. Sven zieht mit rund 1000 Schafen und seinen Hunden auf uralten Routen quer durch Süddeutschland. Um junge Leute für diesen Beruf, der fast so alt ist wie die Menschheit, zu begeistern hat Sven kurzer Hand beschlossen auf Twitter aktiv zu werden. Tatsächlich hatte er innerhalb kürzester Zeit 6400 Follower und einen Stellenmarkt für Schäfer ins Leben gerufen. Etliche Menschen, die ihr Leben verändern möchten, haben sich bereits gemeldet, es gab 20 ernstzunehmende Bewerbungen und eine Menge Menschen, die inspiriert wurden, über ihr eigenes Leben und das moderne Leben und seine Werte im Allgemeinen nachzudenken. Das freut Sven mindestens genauso.

Tatsächlich gibt es auch moderne Nomaden. Darunter versteht man Menschen, die nicht nach dem typischen Modell leben – an einem bestimmten Ort ansässig mit festem Job. Nein, sie haben es sich zum Prinzip gemacht, sich nicht festzulegen und berichten, dass der Verzicht auf Besitztümer und festgefahrene sichere Wege eine Bereicherung darstellt, ihnen gezeigt hat, wie wenig man doch eigentlich braucht, um glücklich leben zu können. Nicht alle leben nur von Gelegenheitsjobs, es gibt auch solche, die einen Job haben, den sie im Prinzip von überall ausüben können, die sozusagen mit ihrem Büro im Koffer durch die Welt ziehen.

Das Leben als Hirte oder Nomade ist zugleich ein sehr karges und einfaches, aber eben auch unheimlich bereicherndes und wahrhaftiges Leben im engsten
Einklang mit der Natur und allen ihren Lebewesen, ein Leben ganz eng mit Gott und seiner Schöpfung. Wenn man darüber nachdenkt, wird einem umso mehr bewusst, wie hohl viele der Dinge sind, denen der moderne Mensch nachjagt und dabei das Wesentliche aus den Augen verliert.

Ich wünsche uns allen, dass es uns gelingt, uns auch in unserem modernen Alltag darauf zu besinnen, welche Werte wir für wirklich wichtig halten, wie wir leben möchten und was am Ende zählen wird!

In diesem Sinne: einen besinnlichen und friedvollen Advent!

Martina Höfner