Geduldig warten

[30.11.2023]

„Meine Augen haben deinen Heiland gesehen.“ (Lukas 2,30)* Jahre und Jahrzehnte mussten es gewesen sein, GEDULDig WARTENd auf die Verwirklichung des göttlichen Versprechens: Vor seinem Sterben sollte Simeon den verheißen Messias mit eigenen Augen sehen. Denjenigen, mit dem Gott sein rettendes Werk für alle Welt beginnen und vollenden würde. So viele Generationen hatten dies vor und mit diesem Simeon ersehnt – vergeblich. Daraus können wir freilich nicht schließen, dass sie zu wenig GEDULD oder gar GEDULDet hatten. Doch Simeon wird zum biblischen Vorbild einer Art des WARTENS, die vom Evangelisten Lukas ausführlich gewürdigt wird. Ich bin neugierig…

40 Tage nach Jesu Geburt brachten Maria und Josef ihren Erstgeborenen in den Jerusalemer Tempel. Nach jüdischem Brauch wollten sie das vorgeschriebene religiöse Ritual vornehmen, ihren Sohn dem Herrn zu weihen. In Jerusalem lebte eben dieser Simeon. Wir erfahren nicht viel über ihn. Nach lukanischem Bericht war er „gerecht und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und der Heilige Geist war auf ihm.“ (Vv. 25-26) Ich gestehe: Bisher war ich davon ausgegangen, Simeon sei ein Tempelangestellter gewesen – Priester oder zumindest Diener. Tatsächlich deutet aber nichts in der Erzählung darauf hin. Ein Mensch wie du und ich? Weihnachten erWARTENd? „Und er kam vom Geist geführt in den Tempel.“ (V. 27) Ist es etwa das, was Simeons GEDULD zur vorbildlichen KUNST DES WARTENS machte? Sich vom Geist Gottes führen zu lassen?

Bekanntlich werden wir ja alle von den Dingen angezogen, auf die wir unseren Sinn richten. Offensichtlich richtete Simeon seinen Sinn auf sein Gottesversprechen. Ich stelle mir vor: Das hat ihn so besonders wachsam auf die innere Stimme Gottes gemacht. Die verstehen wir als Menschen nicht einfach so mal schnell. Vielmehr ist es ein Schatz, den wir als Gottes Kinder bewusst „heben“ sollten. Eine Kunst, die erprobt werden will, die wir in gewisser Weise einüben dürfen. Am Beispiel des Simeon können wir nachvollziehen: Die GEDULDige Besinnung auf Gottes Geist in uns hält göttliche Versprechen an uns wach. Den Heiland Jesus Christus als Menschen werden wir wohl nicht mehr mit unseren organischen Augen sehen oder auf/in die Arme nehmen können, so wie es das mitreißende Rembrandt-Gemälde zeigt. Gute 30 Jahre später soll genau dieser Jesus allerdings allen Gottesfürchtigen folgendes versprochen haben: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.“ (Lk 11,9-10) Das gilt auch uns, das ist Gottes Versprechen an dich und mich! Sind wir bereit für dieses lohnenswerte Ziel die KUNST DES WARTENS einzuüben?

Rembrandt, Hl. Simeon im Tempel, gemeinfrei

Ob dann nicht diese Advents- und Weihnachtstage 2023 für uns zu einem Fest des WARTENs werden, an dem wir den Retter Gottes neu mit den Augen des Glaubens erblicken? Und an dem wir mit den Armen des Herzens aufnehmen können, wie er uns aus unseren GEDULDeten Lebensumständen durch seinen Perspektivwechsel rettet? Ich weiß nicht, wie das bei mir und bei dir aussehen kann. Aber ziemlich sicher wusste das auch der Simeon nicht. Er blieb an der göttlichen Stimme in ihm dran, erlernte die Kunst diese immer besser zu verstehen und durfte sein persönliches Weihnachtsgeschenk genießen. Ganz nebenbei wurde er zum Botschafter des Evangeliums im Heiligen Tempel. Genauso wie die als Prophetin bekannte Hannah, die sich zu dieser unglaublichen Szene dazugesellt haben soll und zur „Hervorsagerin“ der göttlichen Wahrheit über Jesus werden durfte. Aber das ist der zweite Teil dieser spannenden Bibelgeschichte vorbildlichen WARTENs…

Pfarrer Jens-Daniel Mauer
* Schriftzitate nach Luther