Osterwalzer

[30.03.2026]

Beim Blättern im Gesangbuch fällt auf, dass etliche der alten Osterlieder im ¾-Takt geschrieben oder zumindest in diesem Dreier-Rhythmus zu spielen sind:

  • EG 100 Wir wollen alle fröhlich sein (Melodie von 1410)
  • EG 103 Gelobt sei Gott im höchsten Thron (Melodie von 1609)
  • EG 105 Erstanden ist der heilig Christ (Melodie aus dem 14. Jh.)
  • EG 106 Erschienen ist der herrlich Tag (Melodie von 1560)
  • EG 109 Heut triumphieret Gottes Sohn (Melodie von 1601)
  • EG 110 Die ganze Welt, Herr Jesu Christ (Melodie von 1623)

Und das setzt sich im 20. Jahrhundert fort, ein schwungvolles afrikanisches Lied ist geradezu zum Osterwalzer geworden: Er ist erstanden, Halleluja! (EG 116). Schließlich inspirierte ein Lied im Dreier-Rhythmus aus dem Ergänzungsheft des Gesangbuchs zum Titel für diesen Gemeindebrief: „Wir stehen im Morgen. Aus Gott ein Schein durchblitzt alle Gräber. Es bricht ein Stein. Erstanden ist Christus. Ein Tanz setzt ein.“ (Text: Jörg Zink, Melodie: Hans-Jürgen Hufeisen 1991)

Sollten wir also im Ostergottesdienst Walzer tanzen? Keine schlechte Idee, finde ich. Denn der Walzer hat einst die gesellschaftlichen Regeln durchbrochen. Die engen Berührungen der Tanzenden, das einander Umschlingen, das Drehen, das Hochwirbeln der Röcke der Damen galten als anstößig. Verbote des Walzers sind in Salzburg 1671 und 1736 nachweisbar, in Österreich 1748. Und doch erwies sich sein mitreißender Schwung als unaufhaltsam. Die Tanzenden setzten sich über Standesunterschiede hinweg und mit der Zeit galt das Walzertanzen als Zeichen bürgerlicher Gleichheit. Es war (wieder einmal) Joseph II., also der Kaiser, der den Evangelischen die Toleranz brachte, der auch Maskenbälle für die Öffentlichkeit zugänglich machte. Es brauchte gerade einmal 30 Jahre, bis der Walzer beim Wiener Kongress 1815 längst seinen Siegeszug angetreten hatte.

Also: Walzer zu Ostern? Keine schlechte Idee, finde ich. Denn der Auferstandene durchbricht alle Regeln. Seine Botschaft – von Liebe, ja auch Feindesliebe!, Gewaltlosigkeit und Vertrauen in einen Gott, der alle liebt, die Guten wie die Bösen – sollte zum Schweigen gebracht werden, fest eingemauert wie hinter dem Stein vor seinem Grab. Aber sie hat sich nicht zum Schweigen bringen lassen. Der Auferstandene ist mitten unter uns gegenwärtig und ruft uns in seine Nachfolge: zur Liebe, zur Gewaltlosigkeit, zum Aufstand gegen die Logik von Rüstung und Tod, die scheinbar alles bestimmt.

Er hat seinen Siegeszug längst angetreten. Die Osterlieder sind voll von dieser Gewissheit. Ich freue mich auf ihren Schwung.

Peter Pröglhöf

Beitragsbild: epd in gemeindebrief.evangelisch.de

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