Erst einmal frei sein …

[17.06.2026]

Peter Pröglhöf, Hofrat Mag.

Kennen Sie noch die 10 Gebote? In meiner Schul- und Konfirmandenzeit gehörten sie noch zu den wenigen Dingen, die ich auswendig lernen musste. Den Älteren unter uns wurde da mehr auferlegt!

Interessant ist, wie Martin Luther das 3. Gebot übersetzt: „Du sollst den Feiertag heiligen.“ Und in der Erklärung des Kleinen Katechismus erinnert er uns daran, dass wir „die Predigt und sein (d.i. Gottes) Wort nicht verachten, sondern es heilig halten, gerne hören und lernen.“ Also das 3. Gebot als eine Mahnung, am Sonntag in die Kirche zu gehen und sich Zeit für Gottes Wort zu nehmen. Das ist sicher eine zutreffende Interpretation, aber eine recht freie Übertragung dessen, was hinter dem 3. Gebot steckt, nämlich das Sabbat-Gebot.

Den Sabbat als Ruhetag zu halten, gehört zu den identitätsstiftenden Merkmalen des Judentums. Begründet wird es im Ersten Testament an zwei grundlegenden Stellen:

In 2. Mose 20,8-11 wird das Sabbat-Gebot mit dem 7. Tag der Schöpfung verbunden, an dem Gott ruhte. Da soll auch der Mensch ruhen, auch Sohn, Tochter, Knecht, Magd, Vieh, auch der Fremdling, der in der Stadt lebt. Man könnte also sagen: Wer den Ruhetag einhält, verbindet sich mit dem Rhythmus allen Lebens, mit der ganzen Schöpfung. In ihr ist der Wechsel von Arbeit und Ruhe grundgelegt wie das Einatmen und Ausatmen aller Lebewesen.

Mose 5,12-15 erinnert die Israeliten hingegen daran, dass sie Sklaven in Ägypten waren und Gott sie befreit hat. Man könnte also sagen: Ihr wisst doch, wie es ist, Sklaven zu sein, die nie frei haben, sondern immer nur arbeiten müssen. Jetzt aber seid ihr freie Menschen, also verhaltet euch auch so und genießt den Sabbat als den Tag der Freiheit. Der Sabbat ist ein geradezu revolutionärer Akt der Gleichberechtigung aller Menschen im Volk Israel. Das gab es sonst nirgends in der Antike, dass alle, die Oberschicht wie die Sklaven, gemeinsam frei haben sollen. Und dass dieses gemeinsame Feiern mit dem Atem allen Lebens in Verbindung gebracht wird, zeigt, was die Krone der Schöpfung ist: keineswegs der Mensch, sondern das Feiern der Freiheit der Kinder Gottes.

Im Christentum wurde dann der Sonntag, der erste Tag der Woche, an dem Jesus auferstanden ist, zum Feiertag. Auch ein interessanter Aspekt: Du darfst erst einmal frei sein, und dann kommt die Arbeit, für die du am freien Sonntag aufgetankt hast. Wer den Sonntag allerdings mit allem Möglichen zustopft, erfährt davon wenig. Eine Erinnerung an Luthers Interpretation täte uns allen gut.

Peter Pröglhöf
Quelle: Evang. Gemeinde Hallein, Gemeindebrief 2026-2

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