Wenn im Dunkeln die Hoffnung lebt!

[06.01.2021]

„Jusef! Pack alles zusammen, wir müssen gehen!“ Völlig verschlafen blickte der kleine Junge auf. „Papa, was ist denn los? Wieso soll ich mitten in der Nacht aufstehen?“, fragte er und rieb sich die Augen. „Schnell!!“, schrie Papa, „Das Lager brennt!“ Jusef öffnete seine Augen und blickte durch die Zeltöffnung und wirklich, das Lager erschien im hellen, orangen Schein. „Aber Papa, was soll ich denn alles zusammen packen? Wir haben doch nicht viel!“, fragte Jusef ängstlich, „wir haben doch nichts!“ Papa murmelte was vor sich hin und sagte schließlich: „Nimm deine Klamotten, die Papiere hab ich schon und vielleicht die Bücher und das Spielzeug, das dir Stavros geschenkt hat.“ Jusef folgte seinem Vater und packte alles, was ihm lieb und teuer war, zusammen.

Am nächsten Tag sah man das Ausmaß, das ganze Lager von Moria war abgebrannt! Die Familie hatte Glück, dass der Vater so einen leichten Schlaf und gleich bemerkt hatte, dass etwas nicht stimmt! Aber was jetzt? Wohin sollten sie gehen, was würde mit ihnen geschehen? Überall wo sie hinkamen, weinten die Menschen, schrien vor Verzweiflung und keiner wusste, was jetzt passieren wird… Fast wie zu Hause in Syrien. Dort war es aber dennoch viel schlimmer. Bomben und Granaten fielen vom Himmel. Man hörte Schüsse an jeder Hausecke und es war bestimmt Glück oder Gottes Wille, dass sie von dort fliehen konnten ohne große Verletzungen. Jusef seufzte, was soll denn nun aus ihnen werden? „Papa, ich hab solche Angst! Fast wie zu Hause, was machen wir jetzt nur?“. Papa beruhigte seinen Sohn und sagte zu ihm: „Es gibt immer einen Weg, nur Geduld – die Hoffnung stirbt zuletzt – sagt man. Kopf hoch mein Sohn, Gott weiß, was er tut und er wird uns auch diesmal beschützen! Wir schaffen das gemeinsam, keine Sorge.“

Doch das Gesicht des Vaters sprach Bände! Er sah müde aus, etwas verzweifelt und man sah, wie eine kleine Träne über sein Gesicht rann. „Papa, weißt du was? Ich liebe dich und bin froh, dass du mein Papa bist. Also wenn du traurig und trostlos bist, ist das O.K.! Auch du darfst traurig sein. Ich verstehe das, mir geht es doch nicht anders!“, sagte Jusef und sah seinem Vater tief in die Augen. Eine Minute später lagen sie sich in den Armen und weinten miteinander. Nach einiger Zeit putzten sich beide ihre Nasen und atmeten tief durch. „Weißt du was, Jusef, das erinnert mich an eine Geschichte, die meine Mutter einst erzählt hat.“ „Welche Geschichte Papa?“, fragte Jusef neugierig. „Ich erzähl sie dir. Pass auf: Es war einmal ein alter Mann, mit einem langen, weißen Bart der einen Weg entlang ging, bis er auf ein kleines Mädchen stieß, das am Straßenrand kauerte und fürchterlich weinte. Er ging zu ihr und fragte, was denn los sei. Das Mädchen hob den Kopf und sah ihn lange an.

Dann sagte sie: ‚Ich bin einfach nur so traurig. Ich hab alles verloren. Meine Heimat, meine Eltern, meine Geschwister. Ich bin als einzige übrig geblieben. Also hab ich mich auf den Weg gemacht, um neues Glück zu finden. Aber ich fand nur andere traurige Menschen, die aber ihre Trauer unterdrückten. Sie waren nur laut und schrien, haben auch um sich geschlagen, haben all ihre Traurigkeit in sich hinein gefressen und sind nur wütend auf ALLES geworden. Sie haben nicht geweint und ihrer Trauer ihren Lauf gelassen, sie sind nur böse geworden. Das hat mich sehr traurig gemacht. Sie haben mich als Baby bezeichnet, weil ich geweint habe und wollten nichts mit mir zu tun haben! Viele von ihnen wurden dafür krank; bekamen Bauchschmerzen, Tumore, Krebs,… und das nur, weil sie nicht weinen wollten und Gott nicht um Rat gefragt haben, sondern sich von ihm abgewendet haben! Aber genau dann, wenn man in einer verzweifelten Lage ist, ist es dann nicht gerade Gott, der bei uns ist, uns versteht und weiterhilft? Ich verstehe das nicht! Deswegen bin ich noch trauriger als zuvor!‘ Der Mann blickte sie mit einem Lächeln an und setzte sich neben sie: ‚Weißt du was, Kleine‘, sagte er, ‚Ich bleibe jetzt bei dir! Ich werde für dich da sein und dich in deiner Trauer unterstützen! Ich halte dich an deiner Hand und wenn du erlaubst, werde ich für dich sorgen‘. ‚Das Mädchen blickte zu ihm auf und ein kleines verhaltenes Lächeln huschte über ihre Lippen, ‚Das würdest du für mich tun?‘ fragte Sie überrascht. ‚Ja, das mach ich gerne! Du hast ja sonst niemanden und ich gehe schon so lange allein meinen Weg; ich würde mich sehr über Gesellschaft freuen‘, sagte der alte Mann. ‚Also gut‘, sagte das kleine Mädchen mit etwas Zuversicht in ihrer Stimme, ,dann gehe ich mit dir. Wie heißt du eigentlich, wenn ich das fragen darf?‘ ‚Ich? Ich bin die Hoffnung‘…“ Jusef sah seinen Vater an: „Also meinst du, alles wird wieder gut? Bist du dir da sicher?“ „Ja mein Sohn, alles hat seinen Sinn, auch wenn wir ihn nicht gleich erkennen können. Gott hat mit jedem einzelnen von uns einen Plan, also auch für dich und für mich und für unsere ganze Familie, wirst schon sehen!“

Und ja, Gott hatte tatsächlich mit den beiden und ihrer Familie einen Plan. Denn einen Monat später kamen sie in Deutschland an. Sie wurden herzlich aufgenommen und schließlich war es der Beginn eines neuen Lebens.

Meine Lieben, vergesst niemals, dass auch Gott für euch einen Plan hat und auch wenn es noch so schlecht im Augenblick aussieht, vergesst nie die „Kraft der Hoffnung“ in euern Herzen! Auch zu Weihnachten gab es diese Hoffnung! Jesus wurde geboren und er gab uns die Hoffnung, dass Gott uns bei sich haben wollte! Jedes Silvester haben wir die Hoffnung, dass das nächste Jahr so bleibt, wie es grade ist oder sogar besser wird, warum machen wir uns sonst diese

so genannten „Vorsätze“. Jeden Frühling erwarten wir schon sehnsüchtig die Blumen und das wärmere Wetter und dass die Sonne länger scheint.

In diesem Sinne, Euch alles Liebe für die nächste Zeit bis zum März!

Eure Yvonne