Afghanistan-Drama (1)

[19.08.2021]

Liebe Schwestern und Brüder!

Lass mein Gebet vor dich kommen; neige deine Ohren zu meinem Geschrei!“ Psalm 88,3

Bischof Mag. Michael Chalupka

In vielen unserer Pfarrgemeinden wurden in den letzten Jahren, ja oft schon seit Jahrzehnten Menschen betreut, die aus Afghanistan geflohen sind. Solange die Kriege dort andauerten, mussten Menschen immer wieder ihr Heil in der Flucht suchen. Daraus sind Beziehungen entstanden, Freundschaften, immer wieder sind Flüchtlinge zu Mitgliedern der Gemeinde geworden.

Alle diese Frauen, Männer und Kinder haben Angehörige in Afghanistan, um die sie nun fürchten, deren Schicksal ungewiss ist, die von einem Terrorregime bedroht sind und um ihr Leben fürchten. Sie fürchten besonders um die Frauen und Mädchen der Familien und alle die, die sich im Vertrauen auf die vermeintlichen Schutzmächte in ihrem Land für Demokratisierung und Menschenrechte eingesetzt haben.

Ich möchte allen danken, die in dieser Zeit der Angst und Sorge für diese Menschen aus Afghanistan, die unter uns leben, da sind und ihre Sorge mit ihnen teilen.

Für besondere Verunsicherung unter denen, die hier Schutz suchen oder gefunden haben, sorgt die Debatte über weitere Abschiebungen von afghanischen Asylwerbern und Asylwerberinnen. Auch vonseiten der österreichischen Bundesregierung wird diese Debatte geführt. Solche Abschiebungen sind rechtlich nicht mehr möglich, sie widersprechen der Europäischen Menschenrechtskonvention und somit unserer Bundesverfassung. Eine Studie der Diakonie belegt, dass den nach Afghanistan Abgeschobenen Gefahr für Leib und Leben, Verelendung und Verfolgung droht. Unter anderem werde ihnen von den Taliban insbesondere auch wegen ihrer Flucht nach Europa Verrat, Verwestlichung, unmoralisches Verhalten und die Abkehr vom Islam vorgeworfen.

Es würde sich also nicht mehr um Abschiebungen handeln, sondern um eine Auslieferung an ein Terrorregime. Ich bitte Sie und Euch, mit den Menschen aus Afghanistan weiterhin im Gespräch zu bleiben und sie auch zu beruhigen und zu unterstreichen, dass Österreich hier seinem Verfassungsrecht folgen muss und es keine Auslieferungen an die Taliban geben kann.

Uns allen gemeinsam ist das Gefühl der Verzweiflung und Ohnmacht ob der Bilder, die uns aus Kabul oder den eroberten Provinzen Afghanistans erreichen.
Wir Christinnen und Christen wissen, dass wir unsere Ohnmacht vor Gott bringen können.
Beten wir für die Menschen in Afghanistan,

  • für die Frauen und Mädchen;
  • für alle, die sich für Demokratie und Menschenrechte eingesetzt haben und deswegen jetzt um ihr Leben fürchten müssen;
  • für alle die, die in den Kämpfen der letzten Wochen, Monaten und Jahren Angehörige verloren haben, denen kein Platz und kein Raum für ihre Trauer zugestanden wird;
  • für alle die, die ihr Heil in der Flucht gesucht haben, wo auch immer sie auch sind;
  • für alle Politikerinnen und Politiker, die Einfluss haben auf die Herzen und Hirne der Menschen, dass sie auch ihr Herz schlagen hören, sich der Realität stellen und alles tun, um Menschen zu helfen, was in ihrer auch sehr begrenzten Macht steht;
  • für alle die unter uns, die nur mehr weinen und verzweifeln können ob der rohen Gewalt und des Missbrauchs von Menschen, Macht und Religion;
  • für uns alle, dass wir angesichts des Elends, das uns vor Augen geführt wird, nicht aufhören zu glauben, dass unser Gebet und unser Eintreten für die Menschen, die vor dem Terror zu fliehen versuchen, gehört werden und im Kleinen Menschlichkeit erlebbar wird.

In Sorge und im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit Ihr/Euer

Mag. Michael Chalupka Bischof

Update 26.08.2021: Bitte lesen Sie dazu auch diesen Beitrag.

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