„Du Opfer!“

Konfitag in Wörgl, Anfang März 2017.
15 Jugendliche gestalten einen Gottesdienst für ca.  200 TeilnehmerInnen. Als Einstieg werden Szenen gespielt, in denen die unter Jugendlichen durchaus übliche Phrase „Du Opfer!“ ins Spiel gebracht wird. Das reicht von harmlos („Du hast heute neun Stunden? Du Opfer!“) bis hin zu Jugendliche liegt am Boden, wird gemobbt, getreten – „Du Opfer!“

2000 Jahre vorher, irgendwo in Palästina. Jesus sitzt am staubigen Boden, viele Menschen um ihn herum. Da bringen Männer eine Frau zu ihm. Es wird wohl eher ein Zerren gewesen sein – freiwillig ist diese Frau kaum gekommen. Sie habe die Ehe gebrochen! Skandal! Darauf steht laut überliefertem jüdischem Gesetz die Steinigung. Doch irgendwie sind diese Männer nicht mutig genug, außerdem wollen sie Jesus wohl provozieren: „Na, was machst du jetzt, du Wanderprediger, du Gutmensch?“ Jesus macht – gar nichts. Doch! Er spielt auf Zeit. Schreibt oder malt mit dem Finger was auch immer in den Sand. Sagt irgendwann den kryptischen Satz: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ Schreibt weiter in den Sand, kümmert sich scheinbar nicht um den Mob. Mutiger, mutiger Jesus! Was, wenn diese Taktik nicht aufgegangen wäre? Was, wenn jemand den berühmten ersten Stein genommen und geworfen hätte? Die Geschichte vor 2000 Jahren ist gut ausgegangen (nachzulesen bei Joh.8, 1­11). Das kann man von so manch einer „Opferkreis­Geschichte“ heutzutage nicht wirklich behaupten. Da wird auf die Nächste/den Nächsten unter mir herabgesehen, es wird ausgegrenzt, gemobbt, getreten, hassgepostet und fertig gemacht. In Schulklassen, Büros, Fabrikhallen, Familienverbänden, auf der politischen (Welt­)Bühne. In großem wie in kleinem Stil.

„Jesus, wo bist du?? Du FEHLST!“ möchte ich nicht selten laut schreien. Ich lese also Joh.8. Und lasse mich hoffentlich von Jesus ́ Mut anstecken! Schalte MEIN Hirn ein. Versuche, NICHT mit einer pöbelnd­polternden Masse mitzulaufen. Oder anders ausgedrückt: Bin GNÄDIG – zuerst mit mir selber. Nehme die Gnade, die mir zu Teil wird, an – und darf gnädig mit mir sein! Und folgerichtig dann auch mit meiner Nächsten/mit meinem Nächsten. Egal, ob ich ihr/ihm am liebsten eine reinwürgen würde oder ob sie/er mein „best Buddy“ ist.

Aus „Du Opfer!“ muss – auch in meinem Leben! – immer wieder „Du, meine Nächste/mein Nächster“ werden. Sonst klappt ́s nicht mit einem wertschätzenden, friedlichen Miteinander. Ende der Geschichte.

Dipl.­Gem.Päd. Susanne Kreuzberger­-Zippenfenig