Ostern tanzen

[23.03.2026]

Das beschwingte Osterlied „Wir stehen im Morgen“ von Jörg Zink und Hans-Jürgen Hufeisen lädt uns ein, zu Ostern zu tanzen. Im leichten, fröhlich vorwärtsdrängenden Rhythmus klingt das Halleluja, das wir aus vielen anderen Osterliedern kennen. Doch hier bleibt der Jubel nicht bei Worten. Im Refrain wird er begründet: „es bricht ein Stein – ein Tanz setzt ein.“

Ein Stein – toter kann ein Gegenstand der Natur kaum sein. Jesu Grab, aus Stein, aus Felsen gehauen, ist Sinnbild für Endgültigkeit, für Stillstand, für Tod. Und genau dieser Stein bricht. Wie reagieren wir darauf? Der Liedtext gibt eine überraschende Antwort: nicht nur mit Worten, nicht nur mit Gesang, sondern er lädt ein, mit dem ganzen Körper zu reagieren. Tanzen als Zeichen von Freude, Lebendigkeit und Leichtigkeit. Tanzen als Ausdruck eines Lebens, das sich loslöst von Angst, Schuld, Resignation, von all dem, was uns daran hindert, frei zu leben.

Für evangelische Christinnen und Christen ist dieser Gedanke ungewohnt. Das Singen ist tief in der evangelischen Tradition verankert – vom Choral bis zum modernen Kirchenlied. Der Körper hingegen blieb lange zurückhaltend. Der Glaube wurde gehört, gedacht, gesungen, aber selten getanzt. Tanzen galt oft als weltlich, als zu ausgelassen, bei manchen sogar als anstößig. Betrachten wir aber einen Menschen als Ganzes, dann gehört der Körper dazu. Hoffentlich bleibt Gehörtes und Verstandenes nicht in Gedanken, sondern es folgen Taten, die mit Hilfe des Körpers umgesetzt und ausgedrückt werden. Wie drückt man Freude und Freiheit aus?

In der Bibel spielt Tanzen auch keine zentrale Bedeutung, aber es gibt die Geschichten, in denen Menschen ihre Freude im Tanz ausdrücken, in denen Tanz zum Gebet des Körpers wird. Mirjam, die Schwester des Moses, greift nach dem Durchzug durch das Schilfmeer zur Pauke, und die Frauen tanzen ihr hinterher. Sie geben ihrer Freude über die Befreiung aus der Knechtschaft Ausdruck. König David und das ganze Volk hüpften und tanzten vor der Bundeslade, dem Ort von Gottes Nähe. Dabei war er so wild und ausgelassen, dass es seine Frau als unmöglich empfand. König David tut die Einwände ab und erwidert, auch künftig vor allen Knechten und Mägden tanzen zu wollen. Denn, so David weiter, tanze er vor Gott und erachte sich selbst dabei nicht für wichtig, so würden Knechte und Mägde ihn achten.

Auch Ostern kehrt die weltlichen Machtverhältnisse um. Haben wir das Gefühl, wild gewordene mächtige Herrscher, Kriege und Gewalt würden gewinnen, so zeigt uns Gott, dass er mächtiger als sogar die vermeintlich größte Macht, der Tod ist. Die Auferstehung Jesu ist nicht nur ein theologischer Gedanke, sondern der Startpunkt für eine neue Wirklichkeit. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Weltliche Machtverhältnisse gelten nicht mehr. Was uns festgehalten, beschwert, niedergezogen hat, darf abgeschüttelt werden. Wortwörtlich abschütteln. „ein Tanz setzt ein“, das ist nicht direkt eine Aufforderung, sondern ein Angebot. Wer möchte darf sich mit der Musik, dem Halleluja, mit der Freiheit von Ostern bewegen: Starre Haltungen lösen, Lasten von den Schultern schütteln, tanzen.

Mit Worten die Schwingung und Schönheit des Liedes zu beschreiben, fällt mir schwer, daher lade ich zum gemeinsamen Singen (und Tanzen?) des Liedes im Ostergottesdienst ein.

Eure Vikarin Annemarie

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