Brückenbauen (3) – Buchvorstellung

[03.07.2023]

Ivo Andric: Die Brücke über die Drina

Wenn man davon spricht (und träumt), dass die Menschen immer wieder daran arbeiten, „Brücken zu bauen“, um Wege zueinander zu finden, dann denkt man im Bereich der Literatur unwillkürlich an ein Werk, das diesen Gedanken im Titel trägt: „Die Brücke über die Drina“ von Ivo Andric. Andric wurde 1961 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, und dieses Werk trug wesentlich zu dieser Preisverleihung bei. Er selbst studierte Geschichte und slawische Sprachen in Zagreb, war gebürtiger Bosnier und promovierte in Graz. Beruflich war er als Diplomat tätig, unter anderem als Botschafter Jugoslawiens in Berlin.

Die Handlung des Romans beginnt mit dem Bau der Brücke bei Visegrad über die Drina, die vom damaligen Großwesir Sokollu Mehmed Pascha im 16. Jahrhundert in Auftrag gegeben wurde. Die tiefere Absicht dieses Baus war die Verbindung von Orient und Okzident, die Verbindung des Osmanischen Reiches mit dem späteren Bosnien-Herzegowina. Das Ende des Romans findet statt mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs und dem Aufbau der Front in Visegrad während dieses schrecklichen Krieges, in dessen Folge die sich vor den Serben zurückziehende österreichische Armee die Brücke sprengt. Am Anfang steht also der Gedanke der Völkerverbindung… am Ende die Zerstörung alles Verbindenden zwischen den Völkern.

Entscheidend für die Handlung ist stets der kulturelle Hintergrund der in Visegrad lebenden Bevölkerung, die sich – wie so oft in diesen Regionen des Balkans – durch eine enorme kulturelle und religiöse Vielfalt auszeichnet. In einer leidenschaftslosen Sprache zeichnet Andric das Geschehen in der Stadt über die Jahrhunderte hinweg nach und entwirft dabei ein Bild vom Zusammenleben der Nationen und Kulturen mit allen Höhen- und Tiefpunkten.

Stets schwingt die Sehnsucht mit, dass dieses Zusammenleben gelingen kann und gelingen möge. Schonungslos zeigt es aber auch auf, was dieser Sehnsucht, diesem Wunsch entgegensteht. Wenn man dieses Werk aus der gegenwärtigen Perspektive liest, dann merkt man schnell, wie zeitlos es ist. Wie präzise es uns vor Augen führt, was das Zusammenleben der Menschen gelingen und was es scheitern lässt.

Und gleichzeitig ist es ein höchst spannendes geschichtliches Werk, in dem die Leser*innen einen Einblick in über vier Jahrhunderte Geschichte bekommen. Getragen wird dieser geschichtliche Einblick von vielen kleinen, oft alltäglichen Ereignissen in der Stadt und auf der Brücke. Dort begegnen sich all jene Menschen als Mit-Menschen, die mal einträchtig zusammenleben und dann wieder gegeneinander arbeiten und kämpfen. In ihrem kleinen Kosmos spiegelt sich der große Kosmos des Weltgeschehens.

Es wäre vielleicht falsch, in diesem Zusammenhang das Wort „Lesevergnügen“ zu verwenden, aber lesenswert ist „Die Brücke über die Drina“ in jedem Fall.

Hartmut Schwaiger

(Beitragsbild: Yohanes Vianey Lein / Pfarrbriefservice.de)

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