Geschwister (7/8)

Brüderlein und Schwesterlein

Diesmal kein Lesetipp. Zumindest kein konkreter. Zu voll ist die Literatur mit Geschwistern. Schon die Götter der antiken Mythologie stehen vielfach in geschwisterlichem Kontakt zueinander. Unsere Märchenwelt ist voll davon. Und auch die moderne Literatur bedient sich immer wieder dieses Motivs, um Menschheitsgeschichten im Spiegel geschwisterlicher Verbindungen zu erzählen. Nicht zuletzt kann man an die Bibel denken, die ebenfalls in reichem Maße zu diesem Motiv greift.

Es kann lohnend sein, sich einmal Gedanken über das Warum zu machen. Warum gibt es in unserer Literatur so viele Geschwister? Die einfachste Antwort wäre wohl, dass Geschwisterbeziehungen unsere Lebenswelt in den allermeisten Fällen stark prägen und es also nur natürlich ist, dass dies immer wieder Eingang in literarische Texte findet.

Das führt dann aber zu der Frage, was genau ist hier so prägend?

Einerseits wohl der Wunsch, der hinter dem Begriff steckt. Jeder von uns wünscht sich einen Bruder, eine Schwester, die einen ein Leben lang begleiten, die da sind, wenn man sie braucht. Diese positive Besetzung des Begriffs führte sicherlich dazu, dass darin auch geistige Brüder- und Schwesterschaft inkludiert wurde. „Bruder“ und „Schwester“ sind Anreden, die häufig außerhalb der Familie gebraucht werden, um eine besondere Verbindung zu anderen Menschen auszudrücken. In allen Kulturen kann man diese Begriffsverwendung finden und dahinter steht eben jener Wunsch nach dem Ideal, nach dem „Seelenverwandten“, ob man nun tatsächlich oder nur im Geiste verschwistert ist.

Andererseits – und das zeigt die Literatur ebenso in vielfältiger Form – können gerade Geschwister auch erbitterte Kämpfe austragen, sich bekriegen und das beileibe nicht immer mit einem Happy End.

Die Tatsache, dass man verschwistert ist, bietet keine Garantie dafür, dass der oben dargestellte Wunschtraum Realität wird. Man denke nur an Erbschaftsstreitigkeiten, eine der statistisch häufigsten Krankheitsursachen! Mit anderen Worten: Geschwisterlichkeit umfasst auch so etwas wie die Erkenntnis, dass da etwas ist, was man nicht beeinflussen kann. Man kann sich Bruder oder Schwester nicht aussuchen, sie sind einfach da. Geschwister zu haben, bedeutet also auch, mit etwas zurande kommen zu müssen, einfach, weil es so ist.

Und während wir vorher gerade noch einem Ideal nachgelaufen sind, stellen wir nun fest, dass wir damit ebenso gut vor vollendete Tatsachen gestellt werden, mit denen wir – mehr oder weniger gut – zurechtkommen müssen. Nun könnte man einwenden, dass diese Annahme doch nur für echte, also biologische Geschwister zutrifft. Aber auch das ist falsch, außer wir lehnen den Begriff des „Menschenbruders“ ab, mit dem wir seit jeher auch unsere Mitmenschen bezeichnen – zumindest dann, wenn wir es gut mit ihnen und uns meinen. In Zeiten der Klimakrise ist diese Sichtweise wohl eine sehr notwendige, durch die wir uns als eine Familie verstehen, die diesen Planeten bewohnt und die auf diesen Familienwohnsitz gut Acht geben sollte. Aber das (hier) nur am Rande. Zusammengefasst könnte man also die These aufstellen, dass die Faszination des Begriffes Geschwister darin steckt, dass er ein so weites Feld eröffnet. Von der Suche nach unserem ergänzenden Gegenüber, nach dem Menschen, der uns vollständig macht, der (oder die!) zu uns gehört, uns stärkt, stützt und begleitet, zu der Erkenntnis, dass Geschwistersein auch bedeutet, keine Wahl zu haben und dennoch verbunden zu sein.

Und… daraus „etwas“ machen zu müssen. Im besten Fall das Beste. Im schlechtesten Fall? Probieren Sie es lieber nicht aus. Lesen sie es maximal nach, wenn es denn sein muss.

Hartmut Schwaiger