Es ist ein Ros´entsprungen

[16.12.2024]

Dr.in Edda Böhm-Ingram

… wer kennt es nicht – es ist wohl eines der bekanntesten Weihnachtslieder! Dem Text dieses Liedes liegt eine Metapher aus dem Alten Testament zugrunde – die Ankündigung des Messias aus Jesaja (Jes. 11,1a). In tiefster Nacht und mitten im kalten Winter wächst ein neuer Trieb heran, der ein Blümlein hervorbringt. In der zweiten Strophe wird dies erklärt: Das „Reis“ ist Maria und das „Blümlein“ Jesus Christus. Dieses Weihnachtslied berührt uns tief in der Seele und führt uns auf anschauliche Weise auf Christi Geburt hin. Es zeigt die Verletzlichkeit auf – sowohl die eines heranwachsenden (ungeborenen) Kindes als auch die Unsrige: Wir bekommen sie als Christinnen in der auseinanderdriftenden Gesellschaft immer mehr zu spüren.

Wenn wir mit offenen Augen durch die Natur gehen, nehmen wir wahr, dass die Pflanzen und somit auch die Bäume mit widrigsten Umständen zu kämpfen haben, um gut zu wachsen. Ein ausgewogenes Verhältnis von Sonnenlicht, Nährstoffen, ausreichendem Wurzelraum, Luft und Wasser sorgt in der Regel für ein üppiges Wachstum der Bäume. Durch den anhaltenden Klimawandel ist dieses natürliche Gleichgewicht aus den Fugen geraten und so sind auch bei uns die Folgen des Klimawandels deutlich spürbar: Steigende Temperaturen, schmelzende Gletscher, zunehmende Hitze, Dürreperioden, aber auch intensivere Starkregenereignisse mit Überflutungen wirken sich auf unsere Gesellschaft, auf die Wirtschaft und auf unser tägliches Leben aus. Vielen werden diese negativen Auswirkungen erst dann bewusst, wenn sie persönlich betroffen sind – etwa, wenn der öffentliche Verkehr durch Hochwasserschäden zum Erliegen kommt und eine Fahrt von Salzburg nach Wien statt 2,5 Stunden mindestens 3 Stunden dauert und Züge in der Regel nicht mehr pünktlich an ihrem Ziel ankommen. Wir alle tragen die Verantwortung für diese Entwicklung – da hilft auch nicht die Ausrede, dass ich als Einzelperson nur wenig zur Verbesserung des Klimawandels beitragen kann!

Das Bild der Verletzlichkeit eines jungen Triebes, der vielerorts nicht die günstigsten Bedingungen vorfindet, um sich entfalten und heranwachsen zu können, lässt sich auch auf Menschen in unserer Gesellschaft übertragen: Nicht alle Menschen können auf ausreichende Ressourcen, ein gutes (gesellschaftliches) Klima und liebevolle Unterstützung bei der Entwicklung ihrer Stärken und Fähigkeiten zurückgreifen. In meiner Arbeit als Diakoniebeauftragte habe ich vorwiegend mit Menschen zu tun, deren eigene Ressourcen und Fähigkeiten nicht (mehr) ausreichen, um ihr Leben positiv gestalten zu können. Dabei brauchte es in vielen Fällen gar nicht viel, um ihnen neuen Lebensmut zu geben: Wie ein „Tropfen auf den heißen Stein“ wirkt es, wenn sie sich beispielsweise ihr Leid und ihre Sorgen von der Seele reden dürfen und merken, dass man ihnen aufmerksam zuhört und sie ernst nimmt in dem, was sie uns anvertrauen. Wenn sie dann bereit sind, selber wieder Schritte zu setzen, die sie aus ihrer misslichen Lage herausbringen, brauchen sie verlässliche Begleitung, um mutig Neues zu wagen.

Ähnlich einem jungen Trieb, der ohne ausreichend Wasser und Sonne nicht wachsen kann, brauchen diese Menschen unsere Begleitung – und die muss sich dann jeweils an den individuellen Bedürfnissen ausrichten. Wie dankbar bin ich dafür, dass wir auf so viele Dalete-Freiwillige zurückgreifen können, die sich für die unterschiedlichen Dienste zur Verfügung stellen! Viele „zarte Triebe“ konnten durch sie austreiben und wachsen – ohne sie wären sie möglicherweise verwelkt. Und weil wir auch achtsam mit den jeweiligen Ressourcen der Freiwilligen umgehen, sie begleiten und entsprechend ihrer Wünsche und Fähigkeiten einsetzen, sind alle mit großer Freude und hohem Engagement dabei!

Ich wünsche uns allen, dass wir achtsam bleiben und gemeinsam dafür Verantwortung übernehmen, dass auch „zarte Triebe“ im rauer werdenden Klima eine Chance haben, zu wachsen und zu gedeihen!

Edda Böhm-Ingram, Diakoniebeauftragte

(Beitragsbild: Kerstin Dupont in Pfarrbriefservice.de)

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