Ehrfurcht vor dem Leben

[12.06.2021]

Mit diesem Postulat wollte Albert Schweitzer, mitten im Ersten Weltkrieg (1915) dem verheerenden Niedergang der menschlichen Kultur etwas entgegensetzen. Heute, ca. 100 Jahre danach, ist dieses Anliegen aktuell wie eh und je.

Immer noch muss menschlicher Unkultur gegengehalten werden. Trotz geringfügig sinkender Tendenz ist der in Österreich und Deutschland dzt. übliche Fleischverzehr von ca. 60 kg/Kopf+Jahr extrem hoch und kann nur mit Massentierhaltung
erzeugt werden. Diese steht für Qualen, Angst, Panik seitens des Tieres und Abgestumpftheit, Verdrängung seitens des Menschen. Wo bleibt hier die Ehrfurcht vor dem Leben.

Ja, unser Essverhalten ist ein großes Problem! Zu diesem Ergebnis kommt auch die am 3. Februar dieses Jahres veröffentlichte Studie „Food System Impacts on Biodiversity Loss“ des UN-Umweltprogramms (UNEP) und der Denkfabrik Chatham House. Die Ursache für Naturzerstörung und Artensterben ist vor allem die intensive Landwirtschaft mit dem Haupt- treiber, unser enormer Fleischhunger. Die darin enthaltene Forderung: Die Menschheit muss (aus Umweltschutzgründen) ihre Ernährung von tierischen Eiweißträgern auf pflanzliche umstellen.

Nicht minder spektakulär sind Aussagen medizinischer Studien und Meta-Studien: die Gesundheit des Menschen ist pflanzlich. Pionierarbeit dazu leistete der Amerikaner T. Colin Campbell, Ernährungsforscher. Aufbauend auf Millionen Datensätzen aus 2400 chinesischen Provinzen wurde er in den 1980er Jahre mit der Durchführung einer epidemiologischen Studie im ländlichen China beauftragt. Es wurden Daten über die Ernährung, die Umwelt, die Lebensweise und die Erkrankungen der Teilnehmer erhoben, vergleichend mit den USA. Im ländlichen China mit hauptsächlich pflanzlicher Ernährung waren damals unsere Überflusserkrankungen wie Adipositas, Krebs, Diabetes, Autoimmunkrankheiten, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und weitere weitgehend unbekannt. Mit zunehmendem Wohlstand in China und deren Schwenk zu tierischer Ernährung wurden diese zu den neuen Todbringern. Es lag für Campbell auf Grund der enormen Datenmenge auf der Hand, dass eine Ernährung mit tierischen Produkten dem menschlichen Organismus gesundheitlich schadet. Er fand heraus, dass speziell die tierischen Proteine problematisch sind, für deren Schädlichkeit der Begriff „Eiweißmast“ geprägt wurde.

Campbell`s Erkenntnisse (gestützt durch hunderte Originalzitate) wur- den 2004 im Sachbuch „China Study“ veröffentlicht, ein Basiswerk für alle Interessierte.

Wesentlich praxisnaher ist das kürzlich erschienenen Buch „Klartext Ernährung“ von Dr. Petra Bracht, Medizinerin und Prof. Dr. Claus Leitzmann, Ernährungswissenschaftler. Sie sprechen darin von der natürlichen Heilkraft, die einer vollwertigen Pflanzenkost innewohnt und vermitteln viel Wissen samt Tipps.

Zugegeben, Nahrungsumstellung bedeutet anfangs einiges an Beschäftigung damit. Der Gewinn jedoch ist die „Harmonisierung der eigenen Lebensgrundlage“ bis hin zum Genuss einer anderen Geschmackswelt. Ich lebe seit gut 10 Jahren rein pflanzlich und möchte es nicht mehr missen.

Helga Schinninger