„Jesu Herz krampfte sich zusammen!“

[03.07.2021]

Was war passiert?!? – Beim Evangelisten Matthäus (Kap 20,29-34) lesen wir von dieser stärkst-möglichen Form des Mitfühlens, die das frühchristliche Schrifttum als Reaktion auf eine schreiende menschliche Not kennt: Jesus wird von zwei Blinden angefleht, sie sehend zu machen. Wahrscheinlich hatten sie von Jesu Heilungswundern gehört, sicherlich hatten sie schon alle medizinischen Optionen ausgeschöpft, vermutlich sahen sie in der Kraft Jesu eine letzte Chance. Deshalb ließen sie sich auch nicht davon abhalten, als einige Leute aus der Menschenmenge sie ermahnten zu schweigen. Nein, sie schrien nur noch lauter. Diese „schreiende menschliche Not“ erreichte Jesu Herz – und wie!

Um der biblischen Vorstellung des Mitfühlens auf die Spur zu kommen, führt der Weg über die sinnbildliche Bedeutung des menschlichen Herzens. In der gesamten antiken Kultur gilt es als Zentrum des Empfindens und Fühlens. In gewisser Weise ist jedem Gedanken und jeder Handlung eine Herzensregung vorgelagert: Der Mensch nimmt mit seinen Sinnen – sehen, hören, fühlen, riechen, schmecken – etwas wahr, das dann vom Kopf verarbeitet wird.
Die Herz-Symbolik ist uns bis heute erhalten geblieben, auch wenn wir biochemisch schon lange von emotionalen Hirnregionen wissen. Die Intensität des Mitfühlens und alles, was daraus folgt oder auch nicht, hängt jedenfalls davon ab, wie unser Empfindens-Zentrum geprägt ist.
Jesu Herz war voll auf liebende Hinwendung ausgerichtet. Sein gesamtes irdisches Wirken hindurch, hatte er sich von menschlichem Leid „unterbrechen“ lassen. Das ist der springende Punkt: Das Unterbrechenlassen, das Ranlassen, das Wahrnehmenwollen. Für Jesu Nachfolger* innen wurde es zum Sinnbild der „stärkst-möglichen Form des Mitfühlens“, zur Ermutigung, unsere Herzen dahingehend zu prägen, miteinander mitzufühlen und zum Vorbild einer barmHERZigen Handlungsausrichtung: „Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus dem guten Schatz seines Herzens; und ein böser bringt Böses hervor aus dem bösen. Denn wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“ (Lk. 6,45)

Was ich genial-barmherzig an unserem dreieinen Gott finde: Nicht wir haben das Gute – nämlich wahres folgenreiches Mitfühlen – aus unserem Herzen hervorzubringen, sondern ER selbst möchte es durch seinen Geist wirken: „Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“ (Röm. 5,5b)
„schreiende menschliche Herz – und wie!

Pfarrer Jens-Daniel Mauer

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