Kirche im Verständnis des Neuen Testamentes

[30.06.2022]

Ecclesia – die Herausgerufenen, so nennen die ersten Christ*innen ihre Gemeinschaft, ihre Gemeinde Gottes. Denn Gottes Auftrag und Ruf ist für sie die Grundlage ihres Zusammenseins.

Angefangen hat es mit denen, die Jesus von Nazareth begegnet sind, ihn reden hörten und sein Dasein für Menschen bewunderten. Einige gaben ihr bisheriges Leben auf und gingen mit ihm – bis nach Jerusalem. Jesu Tod am Kreuz schien alles zunichtezumachen, doch bald wurde seinen Anhänger*innen klar: Dieser Jesus ist doch der Christus, Gottes Sohn. Einige gingen zurück nach Galiläa, andere blieben in Jerusalem.

Sie erzählten sich von ihren Jesuserlebnissen, sie beteten miteinander zu Gott. In Erinnerung an ihn und sein letztes Mahl brachen sie Brot und teilten Wein, feierten das Christusmahl. Auch sonst hatten sie enge Gemeinschaft miteinander, teilten ihre Freuden und Sorgen, ja sogar ihren Besitz.

So erzählt es die Apostelgeschichte (2,42): „Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.

Vor allem aber blieben sie nicht unter sich, sondern verkündigten die Botschaft: Jesus ist von Gott auferweckt worden, Gottes Herrschaft wird bald anbrechen und Jesus Christus lädt alle ohne Ausnahme ein, auf Gottes Liebe und Vergebung zu vertrauen. Durch die Taufe auf den Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes kann jede und jeder auch dazu gehören zu dieser Gemeinschaft der Kinder Gottes.

Auch in ihrer Unterschiedlichkeit, mit verschiedenen Gaben, bilden alle Getauften den einen Leib Christi – symbolisiert durch das eine Brot, das beim Abendmahl gebrochen und verteilt wird.

So schreibt es der Apostel Paulus: „Denn wie der Leib einer ist und hat doch viele Glieder, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus. Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt.“ (1.Korinther 12,12-13) „Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? Denn ein Brot ist’s. So sind wir, die vielen, ein Leib, weil wir alle an einem Brot teilhaben.“ (1.Korinther 10,16-17)

Wie zur Gruppe der Jünger und Jüngerinnen auch diejenigen dazu gehören, die versagen oder Schuld auf sich laden – ich nenne nur Petrus den Verleugner und Judas den Verräter – so ist und bleibt auch die Gemeinschaft der Heiligen, also derer, die zu Gott gehören, immer ein gemischter Haufen, eine Gemeinschaft der Sünder*innen, die nicht vollkommen sind, sondern aus der Vergebung Gottes leben und immer wieder neu um die Gabe des Heiligen Geistes Gottes bitten und beten.

Zwar ist unter den Nachfolger*innen Jesu ganz klar, dass das Gebot der Nächsten- und Selbstliebe, ja der Feindesliebe das Miteinander regelt, alle dazu aufgerufen sind, füreinander da zu sein („Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der ersten sein will, der soll aller Knecht sein“: Markus 10,43-44) – aber dennoch haben Christen und Christinnen in den vergangenen 2.000 Jahren viel Schuld auf sich geladen, waren gewalttätig, machtgierig, haben andere missbraucht, ja auch die Kirche als Institution ist der Sünde verfallen und ist ihrem Auftrag nicht gerecht geworden.

Trotzdem aber ist und bleibt die Kirche eine besondere Gemeinschaft, eben weil sie mehr ist als ein Verein, eine Interessengruppe, mehr als mein Freundeskreis oder meine Familie. Denn durch meine Taufe bin ich in diese Gemeinschaft hineingestellt und habe mich z.B. in der Konfirmation (und eigentlich jeden Tag neu) bewusst entschieden, Teil dieser Gemeinschaft zu sein und zu bleiben.

Für mich bleiben meine Erfahrungen mit der Kirche etwas Besonderes, etwas, das mein Leben prägt. Ich fühle mich aufgehoben und geborgen – hier in meiner Halleiner Gemeinde, aber überall auf der Welt, wo Christen und Christinnen sich im Namen Gottes treffen.

Euer Pfarrer Peter Gabriel

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