In Bewegung bleiben!

[25.07.2022]

Der aktuelle Gemeindebrief widmet sich einem spannenden Thema, indem er uns offen fragt, jeden Einzelnen von uns: „Was wünschst du dir von deiner Kirche?“. Allein die Frage kann schon Anlass zur Kritik sein und ist es auch immer wieder im alltäglichen religiösen Diskurs.

Darf man sich von „der Kirche“ überhaupt etwas wünschen? Ist es nicht vielmehr so, dass Kirche mit der Heiligen Schrift die Normen vorzugeben hat, nach denen wir uns richten? Letztlich ist das die zentrale Diskussion, die Kirche und Religion in unserer modernen Zeit ausmacht. Wie gehen wir mit der Autorität Kirche um? Wie gehen wir mit der Interpretation der Heiligen Schrift um? Wieviel Freiraum haben wir und wo endet er?

Die Beantwortung dieser Fragen hängt sehr stark mit dem eigenen, persönlichen Glauben, der eigenen religiösen Tradition und Erziehung zusammen – und genau das macht die Diskussion manchmal auch sehr schwierig.

Schauplatzwechsel: Islam. Seit Jahren kämpft ein sehr engagierter islamischer Theologe, Mouhanad Korchide, dafür, dass der Koran nicht mehr streng wörtlich interpretiert werden dürfe, sondern dass seine Aussagen historisch-kritisch zu bewerten sind. Wenn Sie sich einmal damit beschäftigen wollen, wie der Islam aus einer solchen Sicht verstanden werden könnte, dann lesen Sie sein Buch „Islam ist Barmherzigkeit“!

Wir Christen haben diese historisch-kritische Aufarbeitung Heiliger Schriften schon länger, aber auch bei uns ist sie nicht unumstritten.

Ich persönlich (und dazu ermuntert ja dieser Gemeindebrief) wünsche mir von meiner Kirche diesen Mut, Religion permanent weiterzuentwickeln, alte Denkmuster kritisch zu betrachten und immer wieder auch abzulegen. Gandhi hat einmal gesagt, dass Konsequenz keine absolute Tugend ist, sondern dass es ebenso konsequent ist, sich zu ändern, wenn man etwas als falsch erkennt. Man sei dann zwar nicht konsequent gegenüber der eigenen Überzeugung, aber konsequent gegenüber der Wahrheit (so wie man sie nach bestem Wissen und Gewissen zu erkennen versucht).

Der griechische Schriftsteller Nikos Katzantzakis, der durch sein Buch „Alexis Sorbas“ weltberühmt wurde, schrieb auch den Roman „Die letzte Versuchung Christi“. Dieses Buch wurde 1954 vom Papst auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt, weil Katzantzakis Darstellung der Ereignisse im Leben Jesu sich zu weit von der „erlaubten“ katholischen Lehre entfernten und also die Lektüre schädlich sei. Und tatsächlich: Manche von seinen Thesen, die er in diesem Buch entwickelt, fordern das allgemein übliche Verständnis von Christus und Christsein ziemlich heraus. Aber wer es mit offenem Interesse liest – und auch das möchte ich empfehlen – wird feststellen, dass hier ein Christ seine Gedanken über das Neue Testament darbietet, die einer zutiefst aufrichtigen persönlichen Auseinandersetzung mit unserer Heiligen Schrift entspringen.

Und wieder: Diesen Mut wünsche ich mir von „Kirche“, einen solchen Diskurs anzunehmen und zu führen. Weil er Kirche weiterentwickeln kann, sofern wir ihn zulassen.
Gerade in der heutigen Zeit, wo wir darum kämpfen, dass Menschenrechte, Menschenwürde und Freiheit nicht unter die Räder kommen, müssen wir meines Erachtens – gerade in der Religion – das verteidigen, was uns diese Errungenschaften gebracht hat: Die Aufklärung.

Und es war Gotthold Ephraim Lessing, der damals die „Ringparabel“ ins Zentrum der Religionsdiskussion gerückt hat, jenes wunderbare Gleichnis über den Umgang der Religionen miteinander. In dieser Ringparabel lautet – sinngemäß – die Schlussfolgerung so:

Wir können jetzt nicht feststellen, welche Religion die richtige ist. Aber wir können jede Religion an ihren Taten messen.

Für mich bedeutet das auch ganz wesentlich, dass ich mir eine Kirche, eine Religion wünsche, die tatkräftig darum ringt, jeden Tag aufs Neue den richtigen Weg zu finden und nicht in permanenter Selbstüberschätzung glaubt, ihn schon gefunden zu haben. Oder gar, ihn anderen aufzwingen zu müssen.

Hartmut Schwaiger

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