Brückenbauen (5) – Solidarität als Brücke

[05.07.2023]

Solidarität als Brücke

Eine Brücke verbindet zwei Orte, die durch ein nicht oder nur schwer überwindbares Hindernis voneinander getrennt sind, miteinander. Durch eine Brücke wachsen Orte, die ursprünglich ohne Verbindung waren, aufeinander zu, stehen miteinander in Austausch und beeinflussen sich gegenseitig.

„Orte, die durch Brücken aufeinanderzu wachsen, kann man aber auch in übertragenem Sinn verstehen: dies wären z.B. die je eigenen Prägungen, Weltsichten, Erfahrungshorizonte, kulturelle Verwurzelung, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht, einer Religion, einer Partei oder einer Generation, um nur einiges zu nennen. Grenzen sind nicht immer so sichtbar wie Ozeane, genauso wenig wäre unsere Welt das, was sie heute ist, ohne die vielen brückenschlagenden Initiativen in Gesellschaft und Politik, die sich dafür einsetzen, unterschiedliche und oft gegensätzliche Positionen in einen Dialog zu bringen. Denn als Menschen sind wir wesentlich dafür geschaffen, dass wir aufeinander zugehen, miteinander kommunizieren, in Gemeinschaft leben und wachsen, indem wir uns verbinden. Das je Eigene verschwindet dadurch nicht, aber es bringt sich in ein größeres Ganzes ein, das auch ständig im Werden und Wachsen ist. Brücken hinüber auf die andere Seite zu bauen gründet möglicherweise in der Sehnsucht nach genau dieser Ganzheit, zu der uns die Erfahrung des Anderen noch fehlt.

Beim gemeinnützigen Salzburger Verein INTERSOL z.B. versucht man, so ein Brückenbauer zu sein – zwischen den Kontinenten und Kulturen, Nord und Süd, europäischem Denken – auch Spiritualität – und indigener Kosmovision, kurz: zwischen dem, was hier als das „Eigene“ wahrgenommen wird und dem „Anderen“; unser Verein wurde 1992 in Salzburg gegründet und fördert seitdem gemeinsam mit den Südpartnern in El Salvador, Guatemala, Bolivien, Indien und Afghanistan Projekte und Programme in den Bereichen (Aus-)Bildung, Ernährungssicherheit und -souveränität, Wassermanagement, alternative Energieformen und Frauen-Empowerment. Dabei liegen eine umfassende strukturelle und systematische Bekämpfung materieller Armut und die Beseitigung von Entwicklungshemmnissen allen Bemühungen zu Grunde. Weiters werden diese Bemühungen getragen von der Perspektive, dass Gesellschaften im globalen Süden das Recht auf eine selbstbestimmte Entwicklung und Geschichte haben, die nicht vom Norden diktiert wird.

Bäurin aus El Salvador mit Cashewfrucht

Das „SOL“ im Vereinsnamen steht für Solidarität. Solidarisch sind Menschen, die sich zusammengehörig fühlen. Zusammengehörigkeit ist z.B. in indigenen Gesellschaften Südamerikas eine sehr starke Grundhaltung, die über das Zwischenmenschliche sogar noch hinausgeht: alles Geschaffene, sichtbar oder unsichtbar, gehört zusammen und der Mensch ist darin nur ein eingebundenes Mit-Geschöpf. In unserer globalisierten Welt gibt es viele Zusammenhänge mit politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, klimatischen etc. Kontexten, die sich auf unser aller Leben auswirken. Das Konsum- oder Essverhalten in Salzburg oder Hallein hat zweifelsohne Auswirkungen auf Lebens- und Arbeitsbedingungen von Menschen in Bolivien oder Indien. Ungezügeltes Brandroden von Regenwald in Südamerika wirkt sich – neben vielen anderen Faktoren – durch das freiwerdende CO2 negativ auf den Treibhauseffekt aus und treibt die Erderwärmung voran, mit der auch wir in Europa zu kämpfen haben. Geopolitische Veränderungen z.B. in Fernost – Stichwort China – bringen Machtgefüge auch in anderen Teilen der Erde in Bewegung. Um knappe Ressourcen wird weltweit hart gekämpft und es kommt häufig zu Kriegen, die Konflikte über Generationen hinweg in diesen Regionen einzementieren; dies wiederum löst Migrationsbewegungen aus, die in den Zielländern einen Rechtsruck in den demokratischen Regierungen verursachen. Ja, vieles hängt in unserer globalisierten Welt miteinander zusammen. Um auch ein Bewusstsein für die oben erwähnte Zusammengehörigkeit zu fördern, bedarf es einer weitaus größeren Anstrengung, nämlich der des „Auf-Einander-Hörens“. Genau darum bemüht man sich bei INTERSOL, wo seit über 30 Jahren gemeinsam mit den Südpartnern eine Form der Zusammenarbeit gelebt wird, die auf Augenhöhe geschieht und sich am Hinhören auf die Geschichte, die Ideen und Visionen der „Anderen“ orientiert. Somit soll das klassische Modell der „Entwicklungszusammenarbeit“ mit seiner Tendenz der Fortsetzung der (neo-)kolonialen Nord-Süd-Beziehungen und damit verbundenen Abhängigkeit und Unfreiheit aufgebrochen und neu ausgerichtet werden. Diesem Anspruch, sich auf Augenhöhe und mit offenem Ohr zu begegnen und gangbare Wege der Zusammenarbeit zu suchen, sind wir immer wieder aufs Neue herausgefordert, uns zu stellen.

Personaleinsatz Lisa Mudra_Tanzprojekt

Auch die in unsere Kooperationsarbeit mit den Südpartnern eingebetteten Personaleinsätze von Zivildienern, Freiwilligen Sozialdiener:innen, Praktikantinnen und Expertinnen schaffen eine Verbindung zwischen zwei Welten, die doch zusammengehören. Umgekehrt lädt INTERSOL auch immer wieder Projektpartner aus dem Süden nach Österreich ein, um gegenseitiges Lernen hierzulande zu ermöglichen und Vernetzung zu fördern. Über diese Brücke sind in den letzten drei Jahrzehnten in beide Richtungen schon viele gegangen und tragen den Gedanken der Solidarität und Zusammengehörigkeit weiter.

Alle Infos zu unseren Kooperationen und Aktivitäten gibt es auf unserer Website unter www.intersol.at.

Birgit Almhofer, Mitarbeiterin von INTERSOL 27

(Beitragsbild: Yohanes Vianey Lein / Pfarrbriefservice.de)

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